Bezirk Affoltern
05.11.2013

Über Chancen und Gefahren, die im Internet lauern

Soziale Netzwerke wie Facebook: verführerisch und gefährlich zugleich. (Screenshot Martin Platter)

Soziale Netzwerke wie Facebook: verführerisch und gefährlich zugleich. (Screenshot Martin Platter)

Dank dem Internet ist die Welt zum Dorf geworden. Das bietet grossartige Chancen, birgt aber auch Gefahren. Vor allem dann, wenn man persönliche Inhalte allzu freizügig im World Wide Web publiziert. Wie man Kinder und Jugendliche davor schützt, zeigte ein Medienkurs am Donnerstagabend in Mettmenstetten.

von digital-immigrant martin platter

«Wer hat Angst, dass er etwas kaputt macht, wenn er die Grundeinstellungen an seinem Handy verändert?» Die Frage von Swisscom-Referent Marc Böhler wird von den Anwesenden im vollen Singsaal des Schulhauses Wygarten mit Raunen und Kichern quittiert. Immer mehr Arme strecken auf. «Wie ich sehe, gehört eine Mehrheit von Ihnen offenbar zu den ‹Digital Immigrants›. Damit werden all diejenigen bezeichnet, die vor 1980 geboren sind und mit einem Kassettenrekorder aufgewachsen sind. Sie erinnern sich, welchen Schaden es anrichten konnte, wenn man versehentlich gleichzeitig zwei Tasten drückte.» Schallendes Gelächter im Saal.

Mit seiner kurzweiligen, humorvollen Art, über ein an sich trockenes, technisches Thema zu referieren, schuf Böhler den idealen Nährboden, damit ihm die Leute 90 Minuten an den Lippen hingen. Auch die «Digital Nativs», diejenigen, die nach 1980 geboren wurden und das digitale Zeitalter quasi von Kindheit an miterlebt haben.

Die gute Nachricht zuerst: Auch die meisten Jugendlichen, die teilweise virtuos mit Smartphones und Computer umzugehen verstehen, geraten schnell ans Limit, funktionieren die Geräte einmal nicht so, wie es die vollmundigen Versprechen der Hersteller vorsehen. Und: Sie ärgern sich genauso wie die älteren Nutzer über Systemupdates, die Funktionsweisen und Bedienung so verändern, dass man sich zunächst neu orientieren muss.

Generell sind Jugendliche im Umgang mit sozialen Medien vorsichtiger geworden, hat Böhler festgestellt. Die Popularität von Facebook, in der westlichen Hemisphäre nach wie vor das wichtigste soziale Netzwerk, ist am Abflauen. Seit sich immer mehr digitale Emigranten – also auch die Eltern der Jugendlichen – auf der Plattform austauschen, gilt sie bei den «Ureinwohnern» zunehmend als uncool.

Dennoch bezog sich Böhler in seinen Ausführungen hauptsächlich auf Facebook, weil die Plattform technisch praktisch alles bieten kann, was das digitale Leben heute ausmacht – unter anderem auch Chat und Spiele, die sich bei Mädchen bzw. Jungen grosser Beliebtheit erfreuen. Zuerst aber ging es nur um die simple Anmeldung, die vergleichsweise wenig Information über den Nutzer abfragt. Das ermöglicht es, unter einem Pseudonym leicht ein sogenanntes Fake- (Schwindel) Account einzurichten. Gemäss allgemeiner Geschäftsbedingungen (AGB) von Facebook ist das zwar verboten. Doch nur die Wenigsten machen sich die Mühe, und lesen sich durch die 75 A4 Seiten umfassenden Bestimmungen, die erst noch laufend geändert werden.

Wer publiziert für wen was?

Entscheidend auf FB ist, wem man was zur Veröffentlichung freigibt. Dass man im privaten Umfeld seine Inhalte nur für seine Freunde postet, ist den meisten noch einigermassen klar. Trickreich wirds aber beispielsweise bei der Kommentierung von Beiträgen. Mache ich nämlich einen einzigen Kommentar für alle im Web zugänglich, ändert sich automatisch die Grundeinstellung in meinem Account. Setze ich diese nicht zurück, sind künftig alle Kommentare öffentlich einsehbar. Überhaupt: Man sollte sich gut überlegen, was man im Internet publiziert. Denn so ziemlich alles kann mittels copy, paste (kopieren und wieder einfügen) im Handumdrehen repliziert und weiterverbreitet werden. Da nützts dann nichts mehr, wenn man hinterher Kommentare oder Inhalte löscht, wenn bereits Screen Shots (Abbildungen von Bildschirminhalten) gemacht und weiterverbreitet wurden.

Alle Spuren im digitalen Netz zu löschen, ist ohnehin ziemlich aussichtslos. Das bestätigte auch Urs Kirner vom Jugenddienst der Kriminalpolizei Zürich. Seit Anfang Jahr verfügt jeder Bezirk im Kanton über einen Beamten, der sich mit der Jugend-Kriminalität befasst, die sich zunehmend ins Internet verlagert. Oft auch unwissentlich, wie Kirner berichtet.

Gut für die Eltern und deren Kinder ist deshalb zu wissen, dass Kids in der Schweiz bereits ab zehnjährig strafmündig sind. Kirner wie Böhler forderten die Anwesenden auf, nicht zuzuwarten, sollten Anzeichen von (Cyber-)Mobbing oder anderen Vorkommnissen wie Sexting (Weiterverbreitung von Nacktbildern oder -filmen) oder sexuelle Avancen gegenüber Minderjährigen in Chatrooms auftauchten. Sondern sofort das Gespräch mit dem betroffenen Kind, der Lehrperson, dem Schulpädagogen oder in extremen Fällen mit der Polizei zu suchen. Wichtig: Das kompromittierende Material nicht reflexartig aus Scham löschen, sondern als Beweismaterial behalten.

Den eigenen Kopf als serienmässige App einschalten

Es lohnt sich also, sich eingehender mit Nutzungsbestimmungen vertraut zu machen. Und die App einzuschalten, die jede und jeder serienmässig eingebaut hat: das Hirn. Ob es jedoch praktikabel ist, wie Böhler rät, zusammen mit den Teenagern deren Inhalte auf den einschlägigen Social-Media-Plattformen durchzuschauen?

Auch Heranwachsende haben ein Recht auf Geheimnisse. Über Stolpersteine sprechen sollte man aber in jedem Fall. Auch über die Gefährlichkeit von naiven Vertrauensbeweisen unter Gleichaltrigen, wie die Weitergabe von FB- und Mail-Passwörtern, die beim Bruch einer Beziehung dann womöglich ausgenutzt werden. Dazu können auf technischer Ebene entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, damit bestimmte Inhalte über Gewalt, Pornografie, anstössige Sprache und anderes nicht auf den Geräten der Kinder und Jugendlichen erscheinen. Die meisten Geräte und auch Software wie Internet-Browser, haben Sicherungen eingebaut, die allerdings zuerst aktiviert werden müssen.

Wie das geht, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Aber es gibt eine einfache Methode, wie es auch technisch weniger Begabte das mühelos schaffen. Es ist die Methode der Digital Natives: Auf youtube.com beispielsweise die Suchbegriffe «Kindersicherung» und «iPad» eingeben. Schon erscheinen mehrere Kurzfilme zum Thema mit schrittweisen Anleitungen und Weiterführendem. (Dasselbe gilt übrigens auch, wenn man eine Funktion beispielsweise in Windows, Word, Photoshop oder einer anderen Software sucht, die nicht selbsterklärend ist.)

Weitere hilfreiche Internet-Links zum Thema: jugendunmedien.ch, klicksafe.de, swisscom.ch/medienstark, pegi.ch, gametest.ch, facebook.com/help bzw. facebook.com/safety, kobik.ch (Meldestelle des Bundes für Cyberkriminalität)