Bezirk Affoltern
19.04.2017

Kunst, die unter die Haut geht

Nathalie Schneider beim Zeichnen einer Tätowierung. (Bild Andrea Bolliger)

Nathalie Schneider beim Zeichnen einer Tätowierung. (Bild Andrea Bolliger)

Auf den ersten Blick ähnelt das Studio von Signs Tattoos von Nathalie Schneider in Wettswil eher einer gemütlichen Praxis. Die Möbel sind hell, die Räume wirken grosszügig. Die für eine Tätowiererin ungewöhnliche Einrichtung unterstreicht die klare Philosophie und Ethik der Künstlerin.

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«Anzeiger»: Sie müssen eine sehr begabte Zeichnerin sein, wenn Sie diesen Beruf ausüben?

Nathalie Schneider: Vielfach gehört es nicht zum Standard, dass der oder die Tätowierer/in Entwürfe kreieren kann. Meist wird dies extern gegeben oder die Sujets werden Büchern oder Heften entnommen. Meiner Meinung nach ist das aber die Basis, die man mitbringen sollte. Schon meine Vorfahren waren zeichnerisch und kreativ tätig. Als es um meine Berufswahl ging, hiess es, mit Zeichnen lasse sich kein Geld mehr verdienen. So habe ich im Verkauf und im kaufmännischen Bereich gelernt und war lange Zeit im Personalbereich tätig. Vollkommen zufrieden war ich in meinem Betätigungsfeld aber noch nicht.

Wie kamen Sie zu ihrem Beruf?

Ein Bekannter bat mich, ihm ein Tattoo zu entwerfen. Es sprach sich herum, dass ich gut zeichnen kann. Wie es im Leben so läuft, traf ich einen Tätowierer, der fand, ich hätte Talent. Er fragte mich, ob ich bei ihm lernen möchte. Während vier Jahren lernte ich nebenberuflich bei ihm, auf buddhistische Art. Das heisst, mit dem ethischen Denken, dass eine Tätowierung einen Hintergrund haben muss. Das hatte Vorrang vor dem Geldverdienen und das war das Richtige für mich, sonst hätte ich das wahrscheinlich nicht gemacht. Er gab mir Leidenschaft und die Liebe zum Detail mit auf den Weg.

Wie lange ging es, bis Sie selber tätowieren durften?

Anfangs entzündete ich seine Räucherkerzen, servierte ihm Tee, reinigte ihm sein Werkzeug und bereitete seine Zeichnungen vor. Nach rund sechs Monaten durfte ich in seiner Anwesenheit selber tätowieren. Er zeichnete die Aussenlinien und ich arbeitete die Tätowierungen von innen aus. So lernt auch meine jetzige Praktikantin. Das ist wichtig. Jede Haut ist anders beschaffen und auch die Schmerzempfindlichkeit ist unterschiedlich.

 «Am Material und an der Hygiene darf auf keinen Fall gespart werden!»

Wann eröffneten Sie Ihr eigenes Studio?

Mein Studio eröffnete ich 2003 an der Eggstrasse, seit fünf Jahren bin ich hier an der Poststrasse 3 tätig. Ich wollte mehr Intimität. Zuvor war ich im Parterre und obwohl ich nie Laufkundschaft wollte, gab es das manchmal und das störte mich sehr, denn ich kann nicht einfach zwischendurch von der Arbeit weg, um etwas zu erklären.

Warum lassen sich Menschen tätowieren?

Das lässt sich grob umschreiben. Es kann eine Veränderung im Leben stattfinden. Der Grund warum sich Menschen zu einer Tätowierung entscheiden, kann ein schwerer Schicksalsschlag, eine neue Zielorientierung oder das Festhalten von Erinnerungen, die man nie verlieren möchte, sein.

Was fasziniert Sie persönlich an Ihrer Tätigkeit?

Alles – das beginnt mit dem Kundenkontakt und der Begegnung mit Menschen, die sich für etwas entscheiden, was ein Leben lang hält. Die Hintergründe berühren mich. Es hat nicht nur schöne Geschichten hinter den Tätowierungen, sondern auch traurige Schicksalsschläge. Mit meiner Kreativität kann ich Menschen glücklich machen.

Verstehen Sie Ihre Arbeit denn eher als Kunst oder ist es ein Handwerk?

Es ist eindeutig Kunst. In all den Jahren ist das Handwerk bei mir zur Routine geworden, jede Tätowierung ist aber immer ein eigenes Kunstwerk. Das ist in einem Aspekt besonders wichtig für mich. Ich hoffe, dass es nie jemand bereut, sich von mir tätowieren lassen zu haben. Das Kunstwerk muss ein Leben lang Freude bereiten. Das ist mir äusserst wichtig.

Ihr Studio ist hell und grosszügig eingerichtet: Sprechen Sie mit Ihrer Arbeit vor allem das weibliche Geschlecht an?

Nein, ich spreche beide Geschlechter an, prinzipiell alle, die offen zu ihrem Wunsch nach einer Tätowierung stehen. Die Reinheit, die das Studio ausstrahlt, soll auch die Reinheit des Verstandes repräsentieren, das Überzeugte und Klare. Natürlich stellen die hellen Räumlichkeiten auch die Sauberkeit und Hygiene dar.

Was unterscheidet Ihre Arbeitsweise von jener anderer Tätowierer?

Es gibt auch Künstler, die das Mystische und Dunkle, dieses ausgeprägt Angsteinflössende sehr gerne präsentieren. Ich bin in dieser Branche atypisch, so wie ich denke und handle. Das stört mich nicht. Der Erfolg gibt mir recht. Ein Bekannter sagt mir offen und ehrlich, er würde nie zu mir kommen. Ich sei ihm zu steril. Er besucht lieber Studios in einem Keller, wo während des Tätowierens geraucht und getrunken wird. Für ihn gehört dies zur Geschichte der Tätowierung. Dann gibt es jene, die glauben in einem Tattoo-Studio sei eine lebenslange Party im Gange. Das ist nichts Negatives, doch ist tätowieren eine Konzentrationsarbeit, die mit enormer Disziplin ernstgenommen werden muss.

 «Was an Händen und im Gesicht tätowiert wird, kommt nicht gut an.»

Lässt sich eigentlich auch reifere Haut noch gut tätowieren?

Es ist natürlich schwieriger für mich, weil ich mich bei der Arbeit um mehr Spannung in der Haut kümmern muss, aber es ist klar machbar. Ich mache mir auch bei jüngeren Leuten bereits Gedanken, wie es aussieht, wenn die Spannkraft der Haut einmal nachlässt. Das ist ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit. Der Bauch bei Männern oder der Trizeps oder die Oberschenkel bei Frauen sind Stellen, die ich deshalb ungern tätowiere. Man muss beachten, dass wir Frauen das schwächere Bindegewebe haben.

Tätowierungen sind in der Gesellschaft heute weitestgehend akzeptiert. Warum ist das so?

Ich denke, dass es eher akzeptiert wurde, weil sich immer mehr Leute zu Tätowierungen bekannt haben, die eine berufliche Stellung erreicht haben. Man erkannte, dass sich diese Personen durch Tätowierungen nicht veränderten. Es ist aber ein Unterschied, ob jemand einen Totenkopf oder eine filigrane Blume trägt.

In verschiedenen Berufen müssen Tätowierungen abgedeckt oder unsichtbar gemacht werden. Wie finden Sie das?

Ich finde das in Ordnung. Auch ich hätte meine Mühe einen Vermögensberater anzutreffen, dessen Schädel oder Gesicht tätowiert wäre. Das stellt eine Provokation dar und nicht die Dienstleistung, die man von ihm erwartet. Es gibt hingegen Tätowierungen, die überhaupt nicht stören und ein Kunstwerk darstellen. Diese können «Schmuck» sein und dem Erscheinungsbild des Menschen Aussagekraft und Charakter verleihen. Meine Arme und Beine sind auch tätowiert, an meinen Händen und am Dekolleté sieht man aber keine Tätowierung. Ich möchte immer noch frei sein, in dem was ich trage. Klar ziehe ich, wenn ich abends ausgehe, einmal meine Jacke aus, doch bis dahin hat man mich bereits auf andere Art kennengelernt. Es ist nun einmal so, dass der Mensch sein Gegenüber innerhalb der ersten drei Sekunden wahrnimmt und sich seine Meinung bildet.

Besprechen Sie dies auch mit ihren Kundinnen und Kunden?

Ja, wenn ich das Gefühl habe, eine Tätowierung passe nicht zu der Person oder sie würde es später bereuen, rate ich ihr davon ab. Im Beratungsgespräch versuche ich den Kunden so weit zu bringen, dass er selber merkt, dass das, was er sich vorstellt, zwar gut aussieht, er damit aber seine Freiheit aufgibt. Alles, was an Händen und Gesicht tätowiert wird, kommt nicht gut an, ausser bei den Tätowierern selber.

Sie haben strenge Richtlinien für Ihre Kunden…

Finden Sie?

Bei unter 18-Jährigen beispielsweise verlangen Sie die Unterschriften beider Eltern.

Ja, das ist so. In den Anfängen kam es vor, dass Jugendliche mit gefälschten Unterschriften der Mutter zu mir kamen. Zum Glück blieb ich hart und verlangte die Unterschriften beider Elternteile, so kam es dann aus, dass die Unterschrift falsch war. Ich verlange auch bei Scheidungskindern beide Unterschriften. Es ist mir persönlich aus ethischen Gründen wichtig, mit beiden Elternteilen gesprochen zu haben und deren Einverständnis zu haben, auch wenn es gesetzlich nicht verlangt wird.

 «Mein Stil hat etwas Positives.»

Haben sie schon Kunden abgewiesen und warum?

Sehr viele. Vom Stil her zum Beispiel. Ich mache keine pornografischen oder rechtsradikalen Motive. Auch biomechanische Tätowierungen (Darstellung offener Wunden/Anmerk. der Redaktion) lehne ich ab. Diese gefallen mir nicht. Und wenn einem als Künstler etwas nicht gefällt, leidet die Ausführung. Es gibt genug Leute mit offenen Wunden im Leben, warum soll man sich eine tätowieren lassen? Mein Stil hat etwas Positives. Tätowierungen dürfen nicht negativ sein, sonst spiegeln sie sich in der Seele wider.

Sind Menschen, denen Sie eine Tätowierung verwehrt haben, zu anderen Tätowierern gegangen?

Ja, das ist so. Ich habe mehrere Leute abgewiesen, weil sie sich die Namen ihres Partners tätowieren lassen wollten. Sie taten es trotzdem. Dann kann es durchaus sein, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt zu mir zurückkommen, um den Namen mit einem sogenannten «cover-up» zu überdecken.

Viele lassen sich spontan im Urlaub tätowieren. Ist das fahrlässig?

Das ist schwierig zu sagen. Das Einzige was ich bemängle ist, dass der Hygiene- und Farbenstandard auch in Bezug auf die Sterilität der Nadeln nicht in jedem Land garantiert werden kann. Doch ich möchte betonen, dass es auch in der hintersten Ecke der Welt gute Künstler gibt. Ihnen fehlen aber oft die finanziellen Möglichkeiten. Am Material und an der Hygiene darf auf keinen Fall gespart werden!

 «Das Kunstwerk muss ein Leben lang Freude bereiten.»

Welche Gefahren lauern?

Der Kreislauf kann zusammenbrechen. Allergien sind ein grosses Problem. Gerade wenn Farbzusammensetzungen nicht sauber sind. Im schlimmsten Fall droht eine Blutvergiftung.

Gibt es Menschen, denen Sie eine Tätowierung nicht empfehlen oder es ablehnen würden, ihnen eines zu stechen?

Das gab es noch nicht. Der Kunde wartet bei mir schon eine gewisse Zeit, bis er zum Beratungstermin kommen kann. Viele sagen den Beratungstermin wieder ab, weil sie sich plötzlich gegen eine Tätowierung entscheiden. Das ist gut so. Es muss ein Prozess stattfinden, in welchem sich der Kunde darüber im Klaren wird, ob er sich wirklich tätowieren lassen will. Auch wenn ich die Zeit hätte, jemand spontan zu tätowieren, ich würde es nicht machen.

Interview: Andrea Bolliger