Bezirk Affoltern
09.11.2017

«Halten Sie uns für blöd? Sie erzählen Mist!»

Auch für das Obergericht in Zürich ist erwiesen, dass der Mann das Auto nach Beschädigung eines parkierten PWs nach Hause gelenkt hat. (Bild Werner Schneiter)

Auch für das Obergericht in Zürich ist erwiesen, dass der Mann das Auto nach Beschädigung eines parkierten PWs nach Hause gelenkt hat. (Bild Werner Schneiter)

Parkiertes Auto beschädigt und im Vollrausch heimgefahren – Obergericht bestätigt Urteil des Bezirksgerichts Affoltern.

von Werner Schneiter

Franz Bollinger, Präsident der I. Strafkammer des Obergerichts, fand bei der Urteilseröffnung deutliche Worte: «Halten Sie uns für blöd? Sie erzählen Mist!» Sein Richterkollege sprach von Lügengeschichten. «Sehr dreist, was ihr euch da erlaubt habt», fügte er bei. Damit schloss er auch die Mutter des Angeklagten ein, die mit der Behauptung, sie sei nach Beschädigung des parkierten Fahrzeugs nach Hause gefahren, ihren Sohn von der drohenden Strafe bewahren wollte.

Der 25-jährige Schweizer und sein Kollege becherten am 29. April 2016 in Affoltern ziemlich heftig. Laut Anklage setzte sich der Angeklagte ans Steuer und beschädigte beim Wegfahren ein auf dem Parkplatz abgestelltes Auto. Zusammen mit dem Kollegen fuhr er zu seinem nur rund 300 Meter entfernten Wohnort, ohne sich um den Schaden zu kümmern. Rund drei Stunden später tauchte dort die Polizei auf und überführte den Mann ins Spital, wo ein Wert von über 1,6 Promille festgestellt wurde. Mehrmals betonte der Mann auch vor Obergericht, er erinnere sich nicht mehr an Details der polizeilichen Einvernahme. «Ich war total betrunken und sehr müde.» Offenbar hat er aber in der Einvernahme eingeräumt, selbst gefahren zu sein – angeblich, um seine Mutter zu schützen und weil er nach eigenen Worten Angst hatte – eine Aussage, die er dann wieder korrigierte und beteuerte, sich nicht ans Steuer gesetzt zu haben. Als die Polizei an der Wohnungstür stand, behauptete die Mutter, das Auto gelenkt zu haben. Warum er sie haben schützen wollen? «Ihr hätten ja – im Gegensatz zu Ihnen – keine Konsequenzen gedroht», sagte der Gerichtspräsident. «Ich weiss es nicht», so die stereotype Antwort. «Nichts mehr wissen» – auch das hörte man im Laufe der Verhandlung mehrmals.

«Zwei Männer sind ins Auto gestiegen»

Gegen die Version, die Mutter sei gefahren, spricht unter anderem auch der Umstand, dass der Angeschuldigte in der gleichen Nacht in die Bar zurückkehrte und versicherte, er werde für den am Auto entstandenen Schaden aufkommen. Mit keinem Wort erwähnte er dort, seine Mutter sei am Steuer gewesen und habe diesen Schaden verursacht. Und keiner der Zeugen will zum Zeitpunkt der Wegfahrt eine Frau gesehen haben. «Zwei Männer sind ins Auto gestiegen», hielt eine Zeugin in der Einvernahme fest.

Die Mutter, die kaum schreiben und lesen kann, fertigte eine Zeichnung der parkierten Autos an – sehr ungenau, weil sie gestresst gewesen sei, fügte der Angeklagte bei. In der Ersteinvernahme hat auch der Kollege den Angeklagten des Fahrens bezichtigt, seine Aussage dann aber wieder korrigiert. Unklarheiten, Widersprüche und Lügen: Das zieht sich wie ein roter Faden durch den Fall. Nicht nachvollziehbar ist auch die Empfehlung einer Anwältin an den Angeklagten und seine Mutter, das Scheiben mit der persönlichen Sicht der Dinge der Staatsanwaltschaft erst drei Monate nach dem Vorfall zu schicken.

Unbrauchbare Aussagen?

Vor diesem Hintergrund hatte der Verteidiger keinen leichten Stand. Warum die Mutter nichts in Recht gefasst worden sei, nachdem diese eingestanden habe, gefahren zu sein? Diese Frage blieb unbeantwortet. Der Kollege des Angeklagten habe diese Version auch bestätigt – im Wissen, dass er mit harten Konsequenzen rechnen müsste, falls das nicht stimme. Der Verteidiger monierte den Umstand, dass die Einvernahmen unter fragwürdigen Bedingungen – volltrunken und übermüdet – erfolgt seien und folglich verlässliche Angaben nicht möglich sind. Dies habe das Bezirksgericht zu wenig gewichtet. Aufgrund des hohen Alkoholpegels seien die Aussagen der Beteiligten unbrauchbar und dürften nicht verwertet werden. Dass die Mutter vier Monate nach dem Vorfall nicht genau zeichnen könne, sei nachvollziehbar. Auch die Zeugenaussagen bezeichnete der Anwalt als vage. Nichts sei gesichert, und deshalb gelte für ihn: «In dubio pro reo», im Zweifel für den Angeklagten. Er plädierte für einen vollständigen Freispruch, stellte aber einen Eventualantrag (80 Tagessätze à 50 Franken und 500 Franken Busse). 220 Tagessätze à 80 Franken seien angesichts der katastrophalen finanziellen Verhältnisse des Angeklagten nicht vertretbar und eine Strafe für seine Partnerin und das Kind.

Geldstrafe von 17'600 Franken

Dafür hatte das Obergericht kein «Musikgehör» – auch nicht für die wiederholte Beteuerung des Angeklagten: «Ich bin nicht gefahren, sonst wäre ich nicht an diese Instanz gelangt.» Das Obergericht landete auch einen Seitenhieb an den Verteidiger. Ihm sei es nicht gelungen, die Lügengeschichten geradezubiegen. Es bestätigte das Urteil des Bezirksgerichts Affoltern vollumfänglich: Schuldig wegen falscher Anschuldigung, wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand, wegen Vereitelung der Blutprobe und pflichtwidrigem Verhalten bei Unfällen. Das Verdikt: eine unbedingte Geldstrafe von 220 Tagessätzen à 80 Franken als Zusatz für eine im Juni 2016 ausgefällte Strafe. Und eine Busse von 500 Franken.

Ins Gewicht fallen da auch die vier Vorstrafen des Angeklagten. Mit dem Führerausweisentzug ist er zusätzlich bestraft. Derzeit ohne Arbeit, hat er auf Februar 2018 eine Stelle in Aussicht. Und dort braucht er diesen Ausweis.