Bezirk Affoltern
08.03.2018

Den Gemeinderat mit Briefen umstimmen

Seit Jahrzehnten sind Elvira Weber (hier mit Stute Doja und den Hunden Gipsj (links) und Obelix) und ihre Familie hier zu Hause. Nun hat die Stadt Zürich einen Käufer fürs Wohnhaus samt Scheune und Waschhaus (verdeckt). (Bild Thomas Stöckli)

Seit Jahrzehnten sind Elvira Weber (hier mit Stute Doja und den Hunden Gipsj (links) und Obelix) und ihre Familie hier zu Hause. Nun hat die Stadt Zürich einen Käufer fürs Wohnhaus samt Scheune und Waschhaus (verdeckt). (Bild Thomas Stöckli)

Die Stadt Zürich will den Hof «Hägi» in Rossau abstossen. Dabei wurde der Verkaufspreis offenbar höher gewichtet als die Bedeutung des Hofs als Existenzgrundlage für die langjährige Mieterfamilie, die vergebens mitbot. Nun erhält die Familie Unterstützung aus der Region.

von thomas stöckli

Die Stadt Zürich besitzt in Rossau den kleinen Bauernhof «Hägi», früher Bestandteil des Werk- und Wohnhauses zur Weid. Vor fünf Jahren beschloss der Zürcher Gemeinderat, den Hof zu verkaufen. Jetzt wird dieser Entscheid umgesetzt. Die jahrzehntelangen Mieter, Elvira Weber und Peter Chiesa mit Familie, haben zwar auch geboten – sogar deutlich mehr als den geforderten Mindestpreis von 980000 Franken – aber den Zuschlag bekam trotzdem ein anderer, wie der Tages-Anzeiger am 23. Februar berichtet hat. Unverständlich für die Mieterfamilie: «Der Hof ist unser Leben», so Elvira Weber.

In Mettmenstetten formiert sich nun Widerstand gegen den unverständlichen Verkaufsentscheid. Für eine Unterschriftensammlung reicht die Zeit zwar nicht mehr, soll der Stadtzürcher Gemeinderat den Verkauf doch schon bald absegnen, allenfalls noch diesen Monat oder spätestens nach den Sommerferien. Stattdessen wollen die Mettmenstetterin Karin Schärer und Gleichgesinnte den Rat nun mit Briefen eindecken. Ihr Musterschreiben an Gemeinderatspräsident Dr. Peter Küng haben sie bereits gegen 300-mal kopiert. Sie streuen es im Dorf und in der ganzen Region, damit möglichst viele den Brief unterschreiben und an Küng persönlich abschicken. «Ich hoffe, es gibt einen riesigen Stapel Briefe auf seinem Schreibtisch», so Karin Schärer.

«Ihr gehört doch hierher»

Die Unterstützung sei für sie überwältigend, verrät Elvira Weber. «Ihr gehört doch hierhin», und Ähnliches hört sie immer wieder. Im Schreiben an den Gemeinderat weist Karin Schärer unter anderem darauf hin, wie die Familie Chiesa/Weber als Mieterin die über 175-jährige Liegenschaft in Schuss gehalten und Reparaturen weitgehend selber ausgeführt, wie sie sich vorbildlich um die Hoftiere gekümmert und Kutschenfahrten für Kindergärten, soziale Einrichtungen und Gemeindeanlässe angeboten hat. Fünf eigene Pferde hält die Familie. Drei davon sind selber gezüchtete Stuten. Das letzte Fohlen kam am 10. April 2012 zur Welt. Seither ruht der Zuchtbetrieb – wegen der ungewissen Zukunft.

Falls die Stadt den Verkauf absegnet, kann es schnell gehen: Drei Monate beträgt die Kündigungsfrist fürs Wohnhaus, sechs Monate sind es für die Scheune mit den Stallungen. Unvorstellbar für Elvira Weber: «Mein Alltag ist auf den Hof ausgerichtet», sagt sie. Aus dem Umgang mit den Tieren schöpft sie Kraft für ihren Beruf in der Alterspflege. Peter Chiesa arbeitet seit 1981 im nahe gelegenen Werk- und Wohnhaus zur Weid. Er ist auch ausserhalb der Arbeitszeiten zur Stelle, wenn etwa ein Schaf ablammt, und engagiert sich in der Betriebsfeuerwehr.

Das Unverständnis, dass der Verkaufspreis höher gewichtet wird als die Bedeutung des Hofs als Existenzgrundlage für die langjährige Mieter, ist gross bei der Familie Chiesa/Weber und ihren Unterstützern. «Es wäre anständig gewesen, wenn die Stadt erst mit uns in Verhandlung getreten wäre», findet Elvira Weber. «Ein Privater hätte das gemacht», ist sie überzeugt. Dabei wäre die Stadt nicht einmal verpflichtet, dem Höchstbietenden den Zuschlag zu geben. So kam auch die hinzugezogene Schlichtungsstelle zur Empfehlung, das Haus an die bisherigen Mieter zu verkaufen. Das letzte Wort hat nun der Zürcher Gemeinderat. «Wir glauben an Sie», heisst es im Musterbrief an diesen.

Musterbriefe sind aufgelegt in Mettmenstetten bei Coiffure Corte, Fleur Creative, Rägeboge, Vitalis Drogerie, Atelier zum Schärbe & Paper Art Pearls, Blumenatelier Unverblümt; in Affoltern bei Accoprint; in Hausen bei der Weiss Metzgerei; und in Obfelden im Volg.