Bezirk Affoltern
05.07.2018

Ein neuer Gesamtleiter fürs Albisbrunn

Ruedi Jans (links) übergibt die Leitung des Schul- und Berufsbildungsheims Albisbrunn an Philipp Eder. <em>(Bild Thomas Stöckli)</em>

Ruedi Jans (links) übergibt die Leitung des Schul- und Berufsbildungsheims Albisbrunn an Philipp Eder. (Bild Thomas Stöckli)

Zwölf Jahre und fünf Monate ist Ruedi Jans Gesamtleiter des Schul- und Berufsbildungsheims Albisbrunn in Hausen. Per Ende Juli lässt er sich frühzeitig pensionieren. Seine Nachfolge tritt Philipp Eder an, der aktuelle Leiter Schulbildung.

von thomas stöckli

«Philipp Eder war mein Wunschkandidat», betont Ruedi Jans. Trotz der Empfehlung seinerseits war die Ernennung des neuen Gesamtleiters kein Selbstläufer. Die Stelle wurde öffentlich ausgeschrieben und der interne Kandidat musste sich in zwei Vorstellungsrunden vor der eigens formierten Findungskommission gegen 34 andere Bewerber durchsetzen. Zum Abschluss des intensiven Auswahlverfahrens gab ein ganztägiges externes Assessment den Ausschlag für Eder. «Eine Nachfolgeregelung ist immer eine schwierige Sache», weiss Ruedi Jans. Umso glücklicher ist er über die Wahl von Philipp Eder: «Er kennt Albisbrunn, er hat die Entwicklung der letzten Jahre mitgeprägt und er hat auch eigene Ideen.» Mit diesen will der neue Chef allerdings nicht vorpreschen. «Es läuft vieles sehr gut», sagt er.

Neue Sporthalle, sanierte Wohngruppenhäuser

Über mangelnde Nachfrage kann sich das Schul- und Berufsbildungsheim nicht beklagen. «Im Raum Deutschschweiz sind wir eine mitprägende Institution», ist sich Ruedi Jans bewusst. Zum Erfolgsrezept gehören die gute Sekundarschule, die Auswahl aus 13 Lehrberufen und die integrierte Psychotherapie – und nicht zuletzt die weitläufige Anlage im Einzugsgebiet von Zürich, Aargau und Innerschweiz. Sehr gut präsentiert sich auch die Infrastruktur: Die neue Sporthalle ist seit fünf Jahren in Betrieb, bis Ende Jahr sind zudem alle fünf Regelgruppen-Häuser totalsaniert. Trotzdem ist sich Philipp Eder bewusst, dass auch künftig Investitionsprojekte anstehen: «Der Immobilienpark ist riesig.»

Ein Thema bleibt die aktuelle Aufarbeitung von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981. Im Rahmen der nationalen Wiedergutmachungs-Initiative haben sich ein Dutzend Personen gemeldet, die Einsicht in ihre Akten bekamen. Die Akten aus dem Albisbrunn bis 1997 liegen mittlerweile beim Staatsarchiv des Kantons Zürich. «Die Geschichte muss aufgearbeitet werden», betont Eder.

Zwangsgemeinschaft als Chance

Die Ausgangslage zum Amtsantritt von Eder ist eine andere als vor gut zwölf Jahren bei Jans. Damals sei es darum gegangen, die Zukunft zu sichern, den guten Ruf wieder herzustellen und die Beziehung zum Kanton Zürich auf eine tragfähige Basis zu stellen. Die Hauptaufgabe von Eder wird es sein, Albisbrunn in die Zukunft zu führen. Klar ist: Albisbrunn soll erster Ansprechpartner für den Kanton sein, wenn es um die Platzierung von schwierigen Jugendlichen geht. Dabei hängt vieles vom neuen Kinder- und Jugendheimgesetz (KJG) ab. Dieses sieht vor, dass Jugendlichen in einer Entwicklungskrise primär im eigenen Sozialraum geholfen werden soll. Damit setzt sich eine Tendenz fort: Sozialpädagogen an öffentlichen Schulen sind ja bereits Standard.

Das wirkt sich natürlich auch aufs Albisbrunn aus: Es geht heute länger, bis Jugendliche hier platziert werden. Das hat den Nachteil, dass die Jugendlichen schon «Massnahmen-resistenter» sind. Sie wissen, was sie wem erzählen müssen, um ihre Ziele zu erreichen. «Die Jugendlichen sind nicht schlimmer als früher», betont Philipp Eder, «Der Prozess läuft heute einfach anders.» Dass mit allen Mitteln versucht wird, eine Fremdplatzierung zu vermeiden, sieht er nicht nur negativ: Damit steige auch die Akzeptanz, dass die massive Massnahme auch wirklich nötig ist. «Der Jugendliche muss verstehen, weshalb er hier ist.» Und im Idealfall mehr als das: So will Eder besser vermitteln, dass die Zwangsgemeinschaft auch eine Chance sein kann. Schliesslich haben alle dasselbe Ziel: eine Ausbildung abschliessen und soziale Integration.

Individuum statt Gruppe

Nicht zuletzt wirken sich auch gesellschaftliche Entwicklungen aus. So ist die Identitätsfrage um ein vielfaches komplexer geworden. Was macht einen Mann, eine Frau aus? Darauf gibt es längst keine klare und allgemein akzeptierte Antwort mehr. Selbst für die über 100 Mitarbeitenden stellen die gesellschaftlichen Veränderungen eine Herausforderung dar, etwa die neuen Medien und die Selbstbestimmung. Das Individuum steht heute so stark im Zentrum – für die Generation, bei der noch die Gruppe gezählt hat, ist das eine massive Veränderung.

Eine massive Veränderung steht auch für Ruedi Jans an. Den nächsten Lebensabschnitt startet er mit längeren Ferien in Griechenland. Viel lesen und Dinge entdecken, dazu hat er jetzt Zeit – und die will er sich auch nehmen: «Ich werde sicher ein Jahr lang keine Verpflichtung übernehmen», betont er. Neben dem lachenden bleibt allerdings auch ein weinendes Auge: «Ich werde die Kollegen und die Jugendlichen vermissen», weiss er. Philipp Eder beruhigt: «Ruedi Jans wird sicher kein Arealverbot erhalten. Und wenn er nicht kommt, gehe ich zu ihm, wenn ich Fragen habe oder ein Feedback einholen will.»