Bezirk Affoltern
10.09.2018

Die Reuss – ein Friedhof für Grabsteine

Die Grabsteine wurden in den späten 60er-Jahren als Material für Uferverbauungen verwendet. <em>(Bild zvg.)</em>

Die Grabsteine wurden in den späten 60er-Jahren als Material für Uferverbauungen verwendet. (Bild zvg.)

Durch die wenigen Niederschläge der letzten Wochen war der Wasserpegel der Gewässer ausserordentlich tief. Dabei kamen auch Gegenstände zum Vorschein, die man in einem Fluss nicht unbedingt erwartet: In der Reuss zwischen Sins und Mühlau AG wurden alte Grabsteine für Uferverbauungen verwendet

von livia häberling

Dass der Reussgrund zu einem Grossteil aus Steinen besteht, ist nicht neu. Jene Steine, die eine Kajakerin kürzlich am Ufer des Flusses entdeckte, waren allerdings von Menschenhand geschliffen und hatten Gravuren: Es waren alte Grabsteine, die zur Stabilisierung des Bords verwendet worden waren. Bei normalem Wasserpegel sind diese Stützen nicht sichtbar, die ausserordentliche Trockenheit der letzten Wochen hatte sie jedoch kurzzeitig freigelegt.

Zwar sind die Steine mit den Schriften gegen das Ufer gerichtet, allerdings sind einzelne inzwischen umgekippt, sodass Namen, Geburts- und Todesdaten lesbar waren. Demnach dürften die Grabsteine bereits in den späten 60er-Jahren dort verbaut worden sein. Hans-Peter Nussbaum, der zuständige Fachbereichsleiter Gewässerunterhalt beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt des Kantons Aargau, bestätigt dieses Vorgehen: «Tatsächlich wurden Grabsteine, die von den Hinterbliebenen nicht abgeholt wurden, früher für Uferverbauungen eingesetzt.» Die Steine seien damals ein wertvolles Rohmaterial gewesen. Auch bei vielen Bächen seien Grabsteine verwendet worden. Würden heute bei Bauarbeiten alte Gedenksteine entdeckt, ersetze man diese, so Nussbaum.

Aus den Grabsteinen entsteht Kies

Nach Ablauf der gesetzlichen Ruhefrist von 20 Jahren dürfen die Gemeinden die Gräber abräumen und neu belegen. Die Aufhebung der Gräber wird von den Gemeinden im Säuliamt jeweils im «Anzeiger» publiziert. Zusätzlich werden die Hinterbliebenen angeschrieben. So haben diese die Möglichkeit, den Stein abzuholen. Nach Ablauf der Frist darf die Gemeinde über den zurückgebliebenen Grabschmuck verfügen. Die Gemeinde Hausen und die Stadt Affoltern bringen nicht abgeholte Steine nach Affoltern zur Peter Schmid Baudienstleistungen AG. In Hausen war das jedoch letztmals vor einigen Jahren der Fall. Die Anzahl der zu vernichtenden Grabsteine ist rückläufig, weil Erdbestattungen immer seltener werden. In Affoltern werden die Steine dann mit einem Betonbrecher verkleinert und damit unkenntlich gemacht. Anschliessend werden sie zu Kieselsteinen verarbeitet und als Recycling-Kies weiterverkauft, das beispielsweise im Strassenbau verwendet wird. «Es kommt auch vor, dass Angehörige ihre Steine dem Bildhauer zur Weiterverwertung zur Verfügung stellen», erklärt Patrick Wyss, der zuständige Mitarbeiter des Werkhofs Hausen. Das bestätigt auch Chantal Kern, die stellvertretende Leiterin des Bestattungsamts Wettswil. «Wenn Angehörige den Grabstein nicht zu sich nehmen können oder möchten, erhält der Bildhauer die Möglichkeit, den Stein abzuholen.»

Weiterverwertung: pietätslos oder respektvoll?

Auch Bildhauer Beat Bösiger aus Urdorf erhält ab und zu Anfragen von Kunden, die ihm alte Grabsteine zur Weiterverwertung überlassen möchten. Er lehnt diese Angebote jedoch ab: «Die Steine sind für mich beseelt, sie sind mit einem Menschen verbunden. Deshalb ist es für mich keine Option, sie abzuschleifen und als Rohling weiterzuverkaufen», erklärt er. Manchmal komme es vor, dass er für die Hinterbliebenen auf deren Wunsch etwas Neues aus dem Grabstein kreiere, beispielsweise ein Vogelbad oder eine Skulptur.

Ein anderer Bildhauer, der nicht namentlich genannt werden möchte, wird ebenfalls gelegentlich für die Weiterverarbeitung der Steine angefragt. Ab und zu hole er Steine ab, mache daraus Rohlinge oder anderes wie Treppenstufen oder Mäuerchen. Dies mache er aus einem Recycling-Gedanken heraus und sei von der Qualität der Steine abhängig. Pietätlos findet er das nicht: «Die Verwandlung gehört zum natürlichen Verlauf eines Lebens. So entsteht aus den Steinen immerhin ein neues Werk. Ist es nicht auch pietätslos, die Steine zu schreddern und daraus Kies zu machen, das in einem Strassengraben landet?»

Auch die Bildhauerei Maiullari aus Arni erhält manchmal Anfragen von Hinterbliebenen. Je nach Steinart nehme man einen Teil zurück. Es komme jedoch auch vor, dass Kunden den Stein bei sich zu Hause aufbewahren, um ihn beim nächsten Todesfall wiederzuverwenden. Sie fragen das Atelier dann für den Transport des Steins vom Friedhof nach Hause an.