Bezirk Affoltern
11.04.2012

Aus Dankbarkeit zwanzig Lire in Gold

Die Vorderseite der Dankkarte vom 31. Dezember 1912......und die Rückseite. (Bilder Peter Holenstein)Das Fabrikgebäude der Stehli-Weberei im italienischen Germignaga.

Die Vorderseite der Dankkarte vom 31. Dezember 1912...

...und die Rückseite. (Bilder Peter Holenstein)

Das Fabrikgebäude der Stehli-Weberei im italienischen Germignaga.

Industriellen-Ehepaar Max und Marguerite Frölicher-Stehli aus Obfelden gehörte zu den Titanic-Überlebenden

von peter holenstein

Vor einhundert Jahren, in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912, kurz vor Mitternacht, rammte das damals grösste Passagierschiff der Welt, die RMS Titanic, südöstlich von Neufundland einen Eisberg und sank zweieinhalb Stunden später im eiskalten Wasser des Nordatlantiks. Das der britischen Reederei White Star Line gehörende, als unsinkbar geltende Schiff, befand sich auf seiner Jungfernfahrt von Southampton via Cherbourg und Queenstown nach New York. Von den über 2200 Passagieren konnten nur rund 700 gerettet werden. Unter ihnen befand sich auch das Ehepaar Max und Marguerite Frölicher-Stehli aus Obfelden sowie deren 22-jährige Tochter Hedwig.

Das Ehepaar Frölicher-Stehli und ihre Tochter gingen am 10. April 1912 beim Zwischenhalt der Titanic im Hafen des französischen Cherbourg an Bord. Die Familie hatte die Luxuskabinen B39 und B41 auf dem Deck der 1. Klasse gebucht. Für die beiden Tickets mit den Nummern 13567 und 13568 hatten sie beim Basler Reisebüro Obersteg & Cie die für damalige Verhältnisse exorbitante Summe von rund 16000 Franken (nach heutigem Frankenwert) bezahlt.

Für den 60-jährigen Max Josef Frölicher-Stehli und seine 48-jährige Frau Marguerite war die Aufbringung dieser Summe kein Problem, denn sie gehörten zu den vermögendsten Industriellenfamilien in der Schweiz. Marguerite Emerentia Stehli war die Tochter von Rudolf Stehli, der 1837 in Obfelden mit der Gründung einer Seidenweberei den Grundstein zu einem eigentlichen Textilimperium schuf und zu einem der bekanntesten Unternehmer der Schweiz wurde.

Im Jahre 1885 übernahm Emil Stehli, der Sohn von Rudolf Stehli, die 45 Jahre zuvor vom Schweizer Francesco Huber gegründete und seit 1875 von Cesare Bozzotti geführte Seidenweberei im oberitalienischen Germignaga. Das Dorf am Lago Maggiore liegt, angrenzend an Luino, nahe der Schweizergrenze. Weitere Produktionsstätten der Seidenweberei befanden sich in Porto Valtravaglia und Prassede.

Die Schwester von Emil Stehli, Marguerite, heiratete wenige Jahre später den um zwölf Jahre älteren Kaufmann Max Josef Frölicher, der fortan an leitender Stelle im Familienunternehmen der Stehlis tätig war. 1890 kam ihre Tochter Hedwig zur Welt. Bis zum Niedergang der Schweizer Seidenindustrie und der damit verbundenen Stilllegung der Unternehmen in Oberitalien wurden die Seidenwebereien «Setie Stehli» von Robert Stehli, einem Sohn von Emil Stehli, geführt.

Während beinahe einhundert Jahren hatte die die Stehli-Dynastie aus Obfelden über Generationen hinweg Tausenden von italienischen Familien Arbeitsplätze und Einkommen geboten. Von der einstmaligen Grösse der Seidenweberei in Germignaga zeugt auch heute noch das leider dem Zerfall ausgesetzte, leerstehende Fabrikgebäude zwischen der Via Stehli und dem Ufer des in den Lago Maggiore mündenden Flusses Margorabbia. Auf dem Dach des roten Fabrikgebäudes ist noch immer der Firmenschriftzug «Setie Stehli» zu lesen.

Schiffsreise aus beruflichen Gründen

Der Grund für die Schiffsreise nach Amerika hatte für Max Fröhlicher-Stehli und seine Frau berufliche Gründe. Sie wollten in Lancaster, im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania, ein Tochterunternehmen der Stehlis besuchen, das die Unternehmerfamilie aus Obfelden 1897 gegründet hatte. Die amerikanische Stehli-Niederlassung in Lancaster gehörte damals zu den weltweit grössten Seidenwebereien überhaupt.

In der Unglücksnacht auf den 14. April 1912 hatte sich Max Frölicher-Stehli im Rauchersalon der 1. Klasse aufgehalten und sich beim Kartenspiel vergnügt. Seine Frau Marguerite und Tochter Hedwig, die beide von Seekrankheit befallen waren, versuchten derweil, in ihren Kabinen Schlaf zu finden.

Nach der Kollision mit dem Eisberg und der Aufforderung der Stewards, die Schwimmwesten anzuziehen, kehrte Frölicher in seine Kabine zurück, weckte Frau und Tochter und begab sich mit ihnen auf die Brücke nahe der Rettungsboote. Sie gehörten zu den ersten Passagieren, die in Rettungsbooten heruntergelassen wurden und dann auf offener See mitansehen mussten, wie die Titanic in voller Beleuchtung bugwärts versank. Einige Stunden später wurden sie vom zur Hilfe kommenden Schiff RMS Carpathia aufgenommen und gerettet.

Die Nachricht vom Untergang der Titanic ging innert 24 Stunden um die Welt, doch die Familie Stehli in Obfelden, die um ihre Angehörigen bangte, musste bis zur Ankunft der RMS Carpathia am 18. April in New York warten, bis die Passagierliste der Überlebenden bekannt wurde. Tags darauf erhielten sie ein Telegramm von Max Fröhlicher aus New York, in dem er mitteilte, dass alle drei die Katastrophe überlebt hatten. Rund eine Woche später, am 24. April 1912, war die Nachricht von der Rettung des Industriellen-Ehepaars auch in der norditalienischen Tageszeitung «La Prealpina» zu lesen.

Aus Dankbarkeit für ihre Rettung liessen sich Max und Marguerite Frölicher-Stehli etwas Besonderes einfallen. Zum Jahreswechsel 1912/1913 erhielten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den italienischen Stehli-Webereien am 31. Dezember 1912 eine 20-Lire-Goldmünze (heutiger Wert rund 300 Franken), zusammen mit einem Kärtchen, bei dem auf der Vorderseite eine Abbildung der Titanic sowie das Schiffsticket gedruckt waren und auf der Rückseite die Worte standen: «Aus Dankbarkeit für die glückliche Rettung anlässlich des Untergangs der Titanic am 14. April 1912 – Max und Marguerite Frölicher-Stehli und Tochter».

Seines «zweiten» Lebens konnte sich Max Stehli-Frölicher nicht lange erfreuen. Er starb bereits ein Jahr später, am 22. November 1913, an den Folgen eines Herzinfarkts. Seine Frau Marguerite überlebte ihn um 42 Jahre; sie starb 1955 im Alter von 90 Jahren. Ihre Tochter Hedwig blieb nach der Katastrophe in New York, wo sie 1913 den Schweizer Textilindustriellen Robert Schwarzenbach heiratete, mit dem sie drei Kinder hatte. Sie starb am 13. Juli 1972 im Alter von 83 Jahren.