Bezirk Affoltern
12.10.2017

Enver Sljivar ist zurück – mit dem ersten Sieg

Für Enver Sljivar sind mentale Qualitäten wie Fokus, Einstellung und Determination im Kampfsport mindestens so wichtig wie die Kraft. (Bilder zvg.)

Für Enver Sljivar sind mentale Qualitäten wie Fokus, Einstellung und Determination im Kampfsport mindestens so wichtig wie die Kraft. (Bilder zvg.)

Nach einer einjährigen Verletzungspause ist der K1-Kämpfer Enver Sljivar zurück – mit dem ersten Sieg

von Salomon Schneider

Enver Sljivar wird «Iron Bull» genannt. Der Affoltemer mit bosnischen Wurzeln ist für seine harten Schläge und seine starke Physis bekannt – und, für sein sanftes Gemüt. Dem ausgeprägten Familienmensch – er ist gerade zum zweiten Mal Vater geworden – ist dabei keine Herausforderung zu gross. Obwohl er zur Weltspitze gehört, kann er vom Kickboxen nicht leben. Er meistert deshalb seit Jahren erfolgreich den Spagat zwischen Beruf, Familie und Spitzensport.

Knochenbruch nicht gemerkt

2016 brach sich Enver den Arm. Die Heilung schritt gut voran und er konnte bald wieder mit dem Training beginnen. Er spürte zwar immer noch regelmässig ein Ziehen im Arm, liess sich aber davon nicht vom nächsten Kampf abbringen: «Ich stieg also in den Ring, fühlte mich gut und konnte sehr schnell den ersten Treffer landen. Dabei durchfuhr es mich wie ein Blitz und ich merkte, dass der Arm nicht verheilt war. Ich versuchte weiterzukämpfen, doch als der nächste Schlag ebenso schmerzte, musste ich aufgeben.»

Nicht verheilte Brüche sind bei Spitzensportlern ein bekanntes Phänomen. Die Muskeln können bei ihnen so straff sein, dass sie den Knochen so weit stabilisieren, dass bei normaler Belastung vom Bruch gar nichts mehr bemerkt wird. Erst bei Extrembelastungen stabilisieren die Muskeln nicht mehr stark genug und ein langwieriger Heilungsprozess beginnt. Denn nicht zusammengewachsene Knochen können meistens nur nach einem operativen Eingriff ganz verheilen.

Schlaflosigkeit und schlechte Laune

Damit fing für Enver Sljivar das wohl schwierigste Jahr seines Lebens an: «Bewegung, sportliche Herausforderung und Training waren seit meiner Kindheit feste Bestandteile meines Lebens. Plötzlich durfte ich mich nicht mehr bewegen und ich wusste nicht, ob ich je wieder boxen kann. Zum Glück haben mir mein Sohn Daris und meine Frau Dzenita Halt gegeben.» Ohne seine tägliche Trainingsroutine veränderte sich Envers Leben schlagartig. Er war abends oft nicht müde und konnte schlechter schlafen. Sein Stoffwechsel benötigte plötzlich weniger Energie und der unbefriedigte Bewegungsdrang schlug auf das sonst so sonnige und ausgeglichene Gemüt.

Der Geist ist beim Boxen wichtiger als der Körper

Als er nach acht Monaten Pause endlich wieder trainieren konnte, legte er sich sofort wieder voll und ganz ins Zeug. «Ich wollte bald wieder kämpfen und musste also möglichst schnell wieder fit werden – mental und körperlich. Die komplette mentale Bereitschaft ist im Kampf ausschlaggebend. Ich kann gegen einen stärkeren, grösseren Gegner gewinnen – ich kann gegen jeden Gegner gewinnen –, wenn ich ihm im Kopf überlegen bin.» Bei mentaler Bereitschaft geht es um Reaktionsgeschwindigkeit, Antizipation von Aktionen und Reaktionen des Gegners, Motivation, Durchhaltewillen, Taktik und das richtige Mass Aggression.

Vieles bereits wieder gut

Bevor Enver Sljivar im Zuge des Jugoslawienkrieges in die Schweiz kam, lebte er mit seiner Familie einige Jahre in Slowenien. Dort fand auch sein erster Kampf nach der Genesung statt: «Das Publikum war voll auf meiner Seite. Das machte mich im Laufe des Kampfes stärker.» Er gewann den Kampf jedoch nicht wie üblich durch k.o., sondern nach Punkten.

Für die kommenden Monate hat sich Enver Sljivar ein dichtes Kampfprogramm zusammengestellt. Am 18. November kämpft er in Volketswil, am 8. Dezember in Dietikon, am 3. Februar 2018 in München und am 24. März 2018 kann er in Volketswil seinen WKO-Weltmeistertitel verteidigen: «Diese Titelverteidigung ist mein nächstes grosses Ziel. Dann kann ich zeigen, dass ich mental und körperlich wieder so stark bin, wie vor meiner Verletzung!»