Sport
15.06.2017

Am zweitletzten Aufstieg das Tempo entscheidend forciert

Als Erster im Ziel: Adrian Brennwald am Scenic Trail über 54 km. (Bild zvg.)

Als Erster im Ziel: Adrian Brennwald am Scenic Trail über 54 km. (Bild zvg.)

Als Einziger hat es Adrian Brennwald geschafft, die 54 km Laufdistanz mit 3800 Höhenmetern des Scenic Trails unter sechs Stunden zu bewältigen. Dabei vermochte ihn nicht einmal ein Sturz auszubremsen.

von Thomas Stöckli

«Ganz kurz entschlossen» sei er ins Tessin gereist, verrät Adrian Brennwald. Erst Anfang Woche habe er entschieden, erstmals am Scenic Trail bei Lugano teilzunehmen, allerdings nicht über die längste Distanz, wie man es von ihm kennt, sondern «nur» über 54 km. «Ich bin noch langsam am Aufbauen», so der Aeugster.

Gemeinsam mit 300 anderen Bergläufern nahm er die Strecke am Samstag um 8 Uhr in Angriff. Kurz nach dem Start kam er in einer Fünfergruppe unter, die den Rest des Feldes zu distanzieren vermochte. Anderthalb Stunden später führte der Aeugster bei der Verpflegung eine weitere Zäsur herbei: «Ich hatte vom Start weg zwei Bidons dabei und konnte die ersten zwei Verpflegungsposten auslassen», erzählt er. Mithalten konnte einzig Urs Jenzer, ein alter Bekannter für Brennwald von diversen anderen Ultraläufen: «Ich konnte ihn noch nie schlagen», so der Aeugster.

Nun bekamen es die Wettkämpfer mit einem zusätzlichen Gegner zu tun: der Wind blies zuweilen so stark, dass es ihnen die Walking-Stöcke seitlich wegzog. In einem steilen Abstieg blieb Brennwald mit den Zehen hängen und überschlug sich. Eine Gelegenheit für den Konkurrenten, um anzugreifen? Nicht in dieser Sportart: Jenzer sammelte ihm gar noch die verlorenen Stöcke auf und gemeinsam ging es weiter.

In unter 6 Stunden am Ziel

Lange schaffte es keiner, den anderen nachhaltig zu distanzieren: «Ich war bergauf stärker, er hat mich bergab wieder eingeholt», fasst Brennwald die Patt-Situation zusammen. Erst am zweitletzten Aufstieg gelang es ihm, die Pace nochmals zu forcieren: «Ich musste möglichst schnell an den nächsten Verpflegungsposten», erinnert er sich. Schliesslich brauchte er Flüssigkeit, um den fälligen Energie-Gel hinunterzuspülen. So konnte er bis vor dem letzten Berg 45 Sekunden Vorsprung erlaufen. In der letzten Steigung gab er dann nochmals alles, um bis oben genug Vorsprung zu haben, dass es bis ins Ziel reicht. Zusätzlich beflügelt hat ihn das Wissen, dass es ihm in unter 6 Stunden ins Ziel reichen könnte. Mit einer Laufzeit von 5 Stunden, 59 Minuten und 7 Sekunden gelang ihm dies – mehr als vier Minuten vor dem ersten Verfolger.

Als sehr abwechslungsreich und technisch anspruchsvoll beschreibt der Aeugster die Strecke – und da mehrheitlich auf Berggräten über der Waldgrenze auch als ziemlich heiss. Beeindruckt zeigte er sich von der Gegend: Die charmanten Tessiner Bergdörfer und Rustici hat er ebenso wahrgenommen wie die Aussicht bis zum Comersee.

Monte Rosa Ultra Trail als Höhepunkt

Nach seinem Gesamtsieg über 65 Kilometer am Ultramarathon Alpine Trailrun Festival in Innsbruck Ende April hat Adrian Brennwald drei kürzere Läufe bestritten – und es jedes Mal aufs Podest geschafft. «Für Trails bis 50, 60 km bin ich sehr gut fit», so seine aktuelle Selbsteinschätzung. So fühle er sich nach dem Scenic Trail gar besser als zuvor, abgesehen vom Muskelkater – «aber der erinnert mich immer an den Sieg.» Längere Distanzen habe er allerdings noch nicht so trainieren können.

Nächster Formtest ist am 22. Juli das Skyrace über 46 km und fast 3000 Höhenmeter in den Dolomiten. Der geplante Saisonhöhepunkt wird dann nochmals deutlich happiger: Der Monte Rosa Ultra Trail führt vom 6. bis 9. September über 170 km und über 11'000 Höhenmeter – erstmals auch in einem Stück zu bewältigen – um den zweithöchsten Berg Europas. Nicht zu viel forcieren und verletzungsfrei bleiben, lautet deshalb die Devise.