Bezirk Affoltern
30.06.2020

Jahrelange Streitereien, die mit einer Tötung endeten

Wegen eventualvorsätzlicher Tötung seiner Ehefrau hat das Bezirksgericht Affoltern einen 47-jährigen Schweizer mit ­italienischen Wurzeln zu elf Jahren Gefängnis verurteilt. Die Staatsanwaltschaft forderte 17 Jahre, die Verteidigung einen ­Freispruch. Das Urteil wird angefochten.

Von: Werner Schneiter

Der Prozess fand Anfang März 2020 statt (der «Anzeiger» hat darüber berichtet). Die Tat ereignete sich im Oktober 2017 in Affoltern – nach einem kurzen und heftigen Streit an einem Dienstagabend. Der Beschuldigte gestand zwar ein, die Frau verprügelt zu haben, aber nicht so heftig, dass die verstarb. Als er die Wohnung verlassen habe, habe sie bei seiner Rückkehr um Mitternacht noch gelebt. Am Mittwoch sei er zur Arbeit gefahren und habe seinen damals elf-jährigen Sohn am Abend zum Fussballtraining gebracht. Als er mit ihm in die Wohnung zurückgekehrt sei, habe er seine Frau tot aufgefunden, in Blut, Kot und Urin liegend. Worauf er die Wohnung zusammen mit dem Sohn gereinigt und seine Frau unter die Dusche gelegt habe, gab der Mann im Rahmen der Untersuchung an. Erst am Donnerstag hat er sich bei der Polizei gemeldet.

Das Institut für Rechtsmedizin (IRM) stellte im Gutachten vom 2. Februar 2018 inneres Verbluten und vier Leberrisse als Todesursache fest. In der ­Anklageschrift ist von heftigen Tritten in die Bauchgegend sowie von drei Quetschwunden am Kopf die Rede, ­herbeigeführt durch das Bein eines ­Hockers, wie ihm Rahmen der Spurenauswertung festgestellt wurde. Das IRM geht davon aus, dass der Tod zwischen Mittwochmorgen, 7 Uhr, und Donnerstagmorgen, 7 Uhr, erfolgt sein muss.

Keine Hinweise auf Fremdtäterschaft

Der Beschuldigte bestritt den Streit mit seiner Frau nicht – auch nicht, dass er sie geschlagen hat – was offenbar mehrmals vorgekommen ist. Fusstritte und Schläge mit dem Hocker verneinte er genauso wie den Vorwurf von Tritten in die Bauchgegend. Für die Leberrisse könne er nicht verantwortlich sein – eine Behauptung, die vom Verteidiger gestützt wurde. Ein Leberriss führe in kurzer Zeit zum Tode. Es müsse während der Abwesenheit des Beschuldigten zu einem weiteren Streit gekommen sein, der todesursächlich gewesen sei, argumentierte die Verteidigung und verlangte einen Freispruch. Allerdings gibt es für die Staatsanwaltschaft keinerlei Hinweise auf eine Fremdtäterschaft, weder DNA noch Einbruchsspuren in der ­Wohnung. Die Verletzungen, führte ­Gerichtspräsident Peter Frey bei der Urteilsbegründung aus, hätten durchaus auch am Mittwochmorgen zugefügt werden können. Er sprach auch von einer gewaltbeladenen Beziehung, von regelmässigen Auseinandersetzungen – besonders dann, wenn die Frau alkoholisiert gewesen sei. Zeugen hätten dies bestätigt, und auch alte Verletzungen (Rippenbrüche) wiesen auf frühere ­Gewalt hin. Das Gericht sei auch überzeugt, dass der Beschuldigte seine Frau mit dem Hockerbein auf den Kopf geschlagen habe, wovon Blutspritzer zeugten. Zudem widerlege der Spurenbericht die Aussage, wonach der Mann die Wohnung nach der Tat sauber geputzt habe. Der Boden sei mit einer Staubschicht bedeckt gewesen. «Es gibt keine Zweifel: die Frau hat sich die Verletzungen nicht selbst beigebracht», sagte der Gerichtspräsident. Für das Bezirksgericht ist der Sachverhalt erstellt. Zweifelsfrei sei der sich mehrfach in Widersprüche verstrickende Beschuldigte der Täter – auch das Spurenbild sei klar. Es gebe «keine vernünftigen Zweifel» an seiner Schuld.

Konfliktbeladene Beziehung

Das Bezirksgericht erkannte eine eventualvorsätzliche Tötung; der Mann hat also den Tod «nur» in Kauf genommen. Es reduzierte die von der Staatsanwaltschaft beantragte Strafe um sechs auf elf Jahre Gefängnis. Zwölf Jahre wären hier eigentlich dem Verschulden angemessen, führte Peter Frey aus. Dem Täter, von Beruf Elektriker, wird zugutegehalten, dass die Alkoholkrankheit seiner Frau und die damit verbundenen Konflikte eine grosse Belastung gewesen sein müssen. Es sei ihm wohl darum gegangen, die Frau «ruhigzustellen», weil er ihre abermalige Betrunkenheit nicht ertragen habe, hiess es in der Urteilsbegründung. Im Weiteren hat das Bezirksgericht der Schwester des Opfers eine Genugtuung von 5000 Franken und dem Sohn des Paares eine solche von 150 Franken zugesprochen; der 14-Jährige hat ausdrücklich nicht mehr verlangt. Das Urteil wird, wie angenommen, von der Verteidigung angefochten, wie vom Bezirksgericht zu erfahren war. Man sieht sich also im Rahmen des Berufungsverfahrens wieder vor Obergericht.