Bezirk Affoltern
25.11.2019

Der Pulsbeschleuniger

«Hands up, baby hands up»: Früher habe er in den Gymnastikstunden viel mehr Gas gegeben, sei mehr gesprungen. Er habe das Programm immer wieder angepasst. «Wir sind gemeinsam älter geworden», sagt Geni. <em>(Bild Livia Häberling)</em>

«Hands up, baby hands up»: Früher habe er in den Gymnastikstunden viel mehr Gas gegeben, sei mehr gesprungen. Er habe das Programm immer wieder angepasst. «Wir sind gemeinsam älter geworden», sagt Geni. (Bild Livia Häberling)

«Fit mit Geni» war in der Freitags-Agenda des «Anzeigers» seit Jahren ein fixer Eintrag. Nun ist Schluss. Am 18. Dezember turnt der 79-Jährige zum letzten Mal vor. Viele blieben ihm über Jahrzehnte treu. Wie macht er das? Eine Annäherung.

Von Livia Häberling

Als Eugen «Geni» Gomringer um viertel vor Neun an seinem Stammtisch eintrifft, rutschen Heinz und Hedi über die Holzbank. «Möchtest du nach hinten?», fragt Hedi, und natürlich weiss sie, dass er nach hinten möchte, an seinen Platz. Hier, in der «Krone» in Affoltern, sitzt der harte «Fit mit Geni»-Kern, der sich jeden Mittwoch, nach dem Training für den Körper, etwas fürs Herz gönnt. Hier sitzt man, trinkt ein Glas und plaudert und lacht. Der Tisch ist rund, aber das Kopfende ist dort, wo Geni sitzt.

«Kein Laueri-Turnen»

Zwei Stunden zuvor, Turnhalle Stigeli, Affoltern. «Hoi Beatrice», «Hoi Lisbeth», «Hoi Hedi». Genis Leute trudeln ein, 35 sind es heute, man duzt sich. Auch der 89-jährige Edgar wird begrüsst. Er turnt seit den 70er-Jahren mit. Langweilig sei es ihm nie geworden. Man sei ja hier, um zu arbeiten. Um 19.03 startet das Training. Mit Ländler und Aufwärmübungen. Zuerst laufend, bald hüpfend und klatschend. Fordernd. «Meine Gymnastik-Stunden sind kein Laueri-Turnen», sagt Geni – mit einer Milde, die fast paradox wirkt. Nein, gelauert wird nicht. Sein Programm «Fit mit Geni» ist an die Fernsehsendung «Fit mit Jack» aus den 70er-Jahren angelehnt. Und Jack Günthard, der «Vorturner der Nation», sei ja auch «ein Zackiger» gewesen.

Geni möchte, dass die Teilnehmenden vom Training profitieren. Und: dass sie mit Freude bei der Sache sind. Einmal, als die Leute in einer Turnstunde zu plauderig waren, rief er: «Und jetzt alle die Zunge an den Gaumen drücken.» Aber Geni weiss: Ein bisschen Unterhaltung muss sein. Ab und zu macht er ein Spässchen, klopft einen Witz. Dann fragt er nach der Stunde beim Publikum nach, ob die Dosis gepasst habe. Auch der Vorturner darf nicht lauern.

Gelacht werden aber, darf immer. Sobald seine Muskeln arbeiten, strahlt er wie im Zahnpasta-Werbespot. Natürlich sei es ihm über die Jahre nicht immer ums Lachen zumute gewesen. Aber er weiss: Gute Laune überträgt sich. «Wenn jemand neu in die Gymnastik kam, habe ich meistens direkt vor dieser Person geturnt. So lange, bis sie lachte», sagt er. Und muss selber lachen.

Niemand hamstert bei den Pommes

In der «Krone» wird die Bestellung aufgegeben. Wasser und Wein. Ausserdem hat die Gruppe heute Lust auf Pouletflügeli mit Pommes Frites, da sind sich die drei Männer und fünf Frauen schnell einig gewesen – und haben dann gewartet, bis Geni eintrifft. Um sicherzugehen, dass auch er Lust auf Pouletflügeli hat.

Am Tisch tut Geni, was die anderen tun. Er erzählt und lacht, hört zu und fragt nach. Ein paar Minuten später ist der Serviceangestellte zurück, und Geni tut etwas, was die anderen nicht tun. Er probiert den Wein. Mit Witzen hält er sich zurück – solange es sie nicht braucht. «Geni sieht alles», weiss Beatrice. Zwei Pouletflügeli stehen jeder Person zu, und manchmal, raunt sie, wenn eine Hand zu gierig nach den Pommes Frites greife, kommentiere Geni diesen Heisshunger mit: «Nimmts guet inä hüt.»

Nun prostet sich die Runde zu. «Fünfundvierzig Mal», sagt Heinz nach dem ersten Schluck, und Geni witzelt: «Ich habe sie nicht nur körperlich gefordert, sondern auch geistig.» «Wie oft hat es soeben geklirrt?», möchte er jeweils nach dem Anstossen wissen. Alle am Tisch können die Formel auswendig, um das nachzurechnen. Das freut den pensionierten Ingenieur, der von sich sagt, er sei einer, der anderen gerne etwas erklärt.

Herzenswünsche und Schweissperlen

Das erste «Jedermanns-Turnen» fand in Affoltern im Jahr 1966 statt. Geleitet hat es Max Althaus, Geni, damals Oberturner im Turnverein Affoltern, war Stellvertreter. Zehn Jahre später, am 6. Januar 1976, stand er das erste Mal als Leiter vor seinem Publikum. Zuvor hatte er einen Ausbildungskurs besucht, in dem man ihm geraten hatte, vom statischen Skiturnen-Stil wegzukommen. Geni, der Gymnastik-Fan, war begeistert. Er nahm Kraft- und Dehn- oder Kickboxübungen ins Programm auf und reicherte seine Gymnastik-Stunde mit Musik an. Einigen Männern sei das anfangs zu viel des Guten gewesen. «Das ist Frauenturnen», sagten sie – und weg waren sie.

Auch an diesem Mittwoch sind die Frauen in der Überzahl.

«Hands up, baby, hands up,
gimme your heart,  gimme, gimme your heart,
gimme, gimme…»

Das Duo «Ottawan» säuselt Sehnsüchte, Geni hüpft, die Damen und Herren hüpfen mit, und Lisbeth, Mitturnerin der ersten Stunde, flüstert: «Beim Turnen blüht er richtig auf.»

Dasselbe hatte auch Hedi zwei Tage zuvor am Telefon erzählt. Sie war es, die darauf hinwies, dass Geni bald seine letzte Turnlektion leiten wird, dass er das zuvor während vier Jahrzehnten voller Hingabe gemacht habe – und dass sie finde, dafür habe er eine Anerkennung verdient.

Als um viertel vor acht nochmals eine Kraftübung ansteht, glänzt schon manche Stirn, und Geni ruft: «No 30 Sekündeli. Fädere, fädere, fädere». Später, in der «Krone», wird Beatrice sagen, in der Gymnastikstunde verfliege die Zeit, und Geni wird erklären, das liege daran, dass er öfters seine Position in der Halle wechsle. Unter vier Augen verrät Geni noch einen anderen Trick: «Ich versuche, mit jeder Person mindestens einmal Blickkontakt aufzunehmen. Alle sollen sich beachtet fühlen.» Wird jemand in der Gruppe 66, lässt er Udo Jürgens’ Song «Mit 66 Jahren» laufen und zeigt auf das Geburtstagskind.

Geni sagt, nicht er als Trainer müsse im Training glänzen. Er helfe seinen Teilnehmenden, zu glänzen. Er sagt, er kenne jede Person mit Vornamen – um zu zeigen: «Ich nehme dich wahr». Er sagt, es könne einer der beste Turner sein. Es werde ihm nichts bringen, wenn er zu den Menschen keinen Draht finde.

35 Jahre war Geni, der seit Jahren in Obfelden wohnt, für die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich tätig – bis zu seiner Pensionierung sass er in der Geschäftsleitung. Nun aber möchte er seine berufliche Karriere lieber ausgeklammert wissen. Mit dem Turnen, sagt er, habe das ja nichts zu tun. Und natürlich weiss er, dass das so nicht stimmt. Der Schlüssel für den Erfolg liegt in der Führung. Als Vorgesetzter im früheren Berufsleben, genauso wie heute noch als Vorturner in der Turnhalle Stigeli.

Ohne Ausstrahlung keine Gymnastik

In der «Krone» kommt Wehmut auf. 43 Jahre, und nie habe es «Lämpe» gegeben. Am Stammtisch, und auch nicht in der Turnhalle. Wobei... Sprüche gab es schon. «De Geni und sin Hüehnerhof», habe mal einer gespöttelt. Der komme nicht mehr.

«Wir sind traurig, dass du aufhörst. Ich hoffe, dass du uns ein wenig vermisst», sagt Hedi. «Es isch e schöni Zit gsi», sagt Geni. Das seien drei Buchstaben zu viel: «g s i», sagt Heinz.

Schon vor Jahren wollte Geni die Leitung seiner Gymnastikstunde abgeben. «Irgendwann muss man aufhören», sagt er. Den Zeitpunkt möchte er selbst bestimmen – bevor es gesundheitlich nicht mehr geht. Mehrmals hat er versucht, eine Nachfolge zu finden. Vergeblich. Wiegt das Erbe zu schwer? Lisbeth sagt, als Genis Vorgänger abgetreten sei, habe man gedacht, es könne keinen Besseren geben als ihn. Aber dann sei Geni gekommen. Und Beatrice sagt, mit der Dame, die ab und zu Stellvertretungen mache, sei es nicht das Gleiche. Sie könne es «nicht rüberbringen». Ihr fehle die Ausstrahlung.

Keine Befehle für den «Chef»

Über all die Jahre war Geni auch ein Buchhalter. Über seine Gymnastikstunden hat er strikt Buch geführt. Zirka 35 Turnstunden leitete er pro Jahr. «Wenn ich mich richtig erinnere, sind während den 43 Jahren nur zwei Stunden ausgefallen», schreibt er in einem Bericht zuhanden des Männerturnvereins Affoltern.

50 Rappen hat eine Gymnastikstunde im Jahr 1976 bei ihm gekostet, heute sind es drei Franken. Zwischen 20 und 30 Franken bezahlt sich Geni für einen Abend als Lohn aus, der Rest geht in die Kasse des Männerturnvereins. «Ich habe es nie wegen des Geldes gemacht», sagt er.

Um halb elf ist Schluss in der «Krone», Schluss für die Sportsfreunde. Doch Heinz hat noch ein Anliegen. Man wolle ihn, Geni, zum Abschied zum Essen einladen. Oder anders gesagt: Man würde gern. Es sei ja ein Wunsch, keine Aufforderung. «Ich nehme sowieso keine Befehle entgegen», scherzt Geni. Gelächter. Ein bisschen Spass muss sein, so unter seinesgleichen. An diesem runden Tisch.