Bezirk Affoltern
02.11.2020

Das Gastgewerbe wird weiter gebeutelt

Die italienischen Spezialitäten können vielleicht nicht mehr allzu lange bestellt werden: Antonio Riccio, von der Osteria Del Massaro sieht schwarz für die Zukunft. (Bild Martin Mullis)

Die italienischen Spezialitäten können vielleicht nicht mehr allzu lange bestellt werden: Antonio Riccio, von der Osteria Del Massaro sieht schwarz für die Zukunft. (Bild Martin Mullis)

Mit einem Slowdown versucht der Bundesrat die rekordhohen Neuinfektionen zu stoppen. Die verschärften Bestimmungen des BAG bedeuten auch für das Gastgewerbe im Säuliamt noch mehr Unannehmlichkeiten. Die Gastwirte klagen über einen weiteren Umsatzrückgang.

Von: Von Martin Mullis

Der Entscheid des Bundesrates vom letzten Mittwoch über die verschärften Massnahmen zur Covid-19-Situation betrifft erneut auch das Gastgewerbe empfindlich. Ab sofort darf die Gästegruppe pro Tisch höchstens vier Personen ­betragen. Davon ausgenommen sind Eltern mit Kindern. Neu gilt auch eine Sperrstunde von 23 bis 6 Uhr. In Lokalen dürfen Speisen und Getränke weiterhin nur sitzend konsumiert werden.

Der Branchenverband «Gastro­Suisse» hält in einer Mitteilung fest, dass er zwar verhältnismässige und unterstützende Massnahmen gefordert hatte, dies aber immer mit dem Ziel, das Gastgewerbe nicht zu zerstören. Mit den neuen Verschärfungen, welche der Bundesrat beschlossen hat, würde sich die Lage deutlich verschärfen. Weiter führt der Verband «GastroSuisse» aus, dass im Gastgewerbe 100000 Arbeitsplätze akut gefährdet seien. Er wirft dem Bundesrat vor, die Forderungen des Verbandes zu wenig ernst genommen zu haben und riskiert damit, das Gastgewerbe an die Wand zu fahren. Insbesondere bedeute die nun verhängte Sperrstunde ab 23 Uhr für Bars praktisch eine behördliche Schliessung. «GastroSuisse» kritisiert ausserdem, dass die Beschränkung der Anzahl Personen je Gästegruppe auf vier Personen völlig unverständlich sei. Im Gegenzug sei an privaten Anlässen, wo es übrigens keine Schutzkonzepte gäbe und keine Kontaktdaten erhoben würden, maximal zehn Personen erlaubt.

Die «Vier-Personen-Regel» ist einschneidend

Eine Umfrage in der Gastro-Branche im Säuliamt zeigt, dass sich die Wirte über die zusätzlichen Auflagen ärgern und sorgenvoll in die Zukunft blicken. Geri Mast, Wirt im Restaurant Post in Hedingen, findet die «Vier-Personen-Regel» sehr einschneidend. Der in seinem Lokal äusserst beliebte Stammtisch sei schlicht nicht mehr möglich. Bereits infolge der vermehrt betriebenen Homeoffices, ­seien die Mittagessen eingebrochen. Neu besuchten nun abends auch keine Familien mehr das Restaurant. Die verfügte Sperrstunde ab 23 Uhr hingegen habe für seinen Betrieb keine Bedeutung.

Anita Häberling vom «Weingarten» in Affoltern bezeichnet die neuen Regelungen als extrem einschränkend. Die Geschäftsessen, vor allem die Firmen-, Jahresschluss- und Weihnachtsessen finden schlicht nicht statt und in den letzten Tagen hätten auch mehrere ­Familien- und Freundesgruppen ihre ­Reservierungen storniert. Fast identisch äussern sich einige weitere kontaktierte Gastwirtinnen und Gastwirte.

Antonio Riccio, Geschäftsführer in der Osteria Del Massaro in Maschwanden, schätzt, dass mit der nun geltenden «Vier-Personen-Regel» mindestens weitere 40 Prozent des Umsatzes ein­brechen werden. Der Zukunft sieht Riccio demnach mit grosser Sorge entgegen. Ganz persönlich glaubt Riccio, dass unter diesen Umständen das Restaurant in Maschwanden allerhöchstens noch ein halbes Jahr den Betrieb aufrechterhalten kann.

Sperrstunde um 23 Uhr heisst für eine Bar faktisch Betriebsverbot

Noch weitaus skeptischer beurteilt Serge Gabathuler, Chef der Spyre Bar-Lounge in Affoltern, die Lage. Für sein Lokal bedeutet insbesondere die Sperrstunde um 23 Uhr faktisch die totale Schliessung. Ein Schreckensszenario sei diese Regel, hält er enerviert fest. Mit einigen nicht gerade druckreifen Ausdrücken macht er am Telefon seinem Ärger Luft. Trotzdem werde er, allein aus einer ­gewissen sozialen Verantwortung heraus, seine Bar jeweils ab 16.30 bis 23 Uhr öffnen, meint der aufgebrachte Wirt. Viele seiner Stammgäste würden sich einsam fühlen und sehen den Aufenthalt in der Spyre Bar als wichtige Abwechslung zum Alltag. Die Bar sei für viele Personen aber auch ein äusserst wertvoller Zufluchtsort aus der Einsamkeit. Serge Gabathuler möchte seinen langjährigen Gästen diesen Zeitvertreib weiterhin ermöglichen, auch wenn ­dabei von einer Rendite nicht die Rede sein kann. Mit der vergangenen Sommersaison zeigt sich Gabathuler zufrieden, deshalb findet er es doppelt schade, dass die neuen Bestimmungen mindestens 50 Prozent des Gewinns wieder ­zunichte machen werden.