Bezirk Affoltern
19.07.2021

Erste Schritte in der Berufswelt

Jahangir während seines Einsatzes in der Schreinerei Schneebeli. (Bild zvg.)
Sie haben das Programm «Lift Lilienberg» als erste absolviert (v.l.): Iftikhar, Jahangir, Milad, Jawid und Boubacar. (Bild lhä)

Jahangir während seines Einsatzes in der Schreinerei Schneebeli. (Bild zvg.)

Jahangir während seines Einsatzes in der Schreinerei Schneebeli. (Bild zvg.)
Sie haben das Programm «Lift Lilienberg» als erste absolviert (v.l.): Iftikhar, Jahangir, Milad, Jawid und Boubacar. (Bild lhä)

Sie haben das Programm «Lift Lilienberg» als erste absolviert (v.l.): Iftikhar, Jahangir, Milad, Jawid und Boubacar. (Bild lhä)

Fünf junge Männer haben am Pilotprogramm «Lift Lilienberg» teilgenommen. Am vergangenen Mittwoch durften sie ihr Diplom entgegennehmen.

Von: livia häberling

Jahangir sitzt auf der Steintreppe vor dem Schulhaus. Ja doch, sagt er verlegen lächelnd, ein bisschen stolz sei er schon. Der 17-jährige Afghane trägt Jeans, ein geblümtes Hemd – und heute zum ersten Mal auch ein Arbeits-Diplom nach Hause: Er hat das Berufsintegrationsprogramm «Lift Lilienberg» mit Bravour absolviert.

Das «Lift»-Programm ermöglicht Jugendlichen mit erschwerender Ausgangslage ab der ersten Sekundarklasse, bei regelmässigen Kurzeinsätzen in Gewerbebetrieben in die Berufswelt hineinzuschnuppern. Das soll ihnen den Übertritt in die Arbeitswelt erleichtern. Die Sekundarschulen im Bezirk Affoltern nehmen seit mehreren Jahren am Projekt teil und stemmen die Kosten gemeinsam. Von der Schule des MNA-Zentrums Lilienberg, organisatorisch der Sekundarschule Affoltern angegliedert, hatten bisher keine Schüler am Programm teilgenommen. Dieses Jahr hat sich das geändert: Weil die Stiftung «The Dear Foundation – Solidarité Suisse» sich bereit erklärt hat, die Kosten zu übernehmen, startete im Januar das Pilotprojekt «Lift Lilienberg». Mit dabei: fünf ­Jugendliche, die als unbegleitete minderjährige Asylsuchende (Mineurs non accompagnés) im MNA-Zentrum Lilienberg wohnen.

Viele, viele «Regeln»

Für sie alle hatte der dreimonatige Einsatz im ihnen zugeteilten Betrieb so begonnen, wie Arbeitseinsätze üblicherweise auch für andere Mitarbeitende beginnen: mit einem Vorstellungs­termin. Trotz sprachlicher Hürden hätten die fünf jungen Männer das Gespräch gut gemeistert, sagt Oliver ­Engeler, Leiter des «Lift»-Projekts.

Im Gespräch konnten die Jugendlichen einen ersten positiven Eindruck hinterlassen. Es war aber auch die Chance, eine reale Situation aus dem Arbeitsleben in einem geschützten Umfeld zu üben. Diese Möglichkeit bot sich den Jugendlichen von April bis Juli auch in den fünf Ämtler Betrieben, die bereit waren, am Projekt teilzunehmen. Während seine Kollegen im Senevita Obstgarten, in der Garage Albin Herzog, im Spital Affoltern oder in der Landi im Einsatz waren, lernte Jahangir bei «Schneebeli» in Ottenbach die ­Arbeit als Schreiner kennen. Neu war für ihn nicht nur die Verarbeitung von Holz: «Ich wollte auch die Regeln in der Schweiz kennenlernen.»

Und über diese «Regeln» in der ­Arbeitswelt, die geschriebenen und die ungeschriebenen, weiss er nun, nach rund einem Dutzend Halbtagesein­sätzen, Folgendes zu berichten: «Ein ­respektvoller Umgang ist wichtig, aber auch, dass man die richtige Kleidung trägt und dass man nachfragt, wenn man etwas nicht versteht.» Besonders verinnerlicht scheint Jahangir die Pünktlichkeit zu haben. Im Gespräch erzählt er, welchen Bus er morgens erwischen musste, um pünktlich um 9 Uhr an seinem Arbeitsplatz zu erscheinen.

Manche Jugendliche seien es gewohnt, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benützen, während andere sich vorwiegend im MNA-Zentrum aufhielten, sagt Oliver Engeler. Den Weg mit ihnen vorgängig zu üben, gehörte genauso zur Vorbereitung, wie andere wichtige Fragen zu klären. Wie kleide ich mich? Wie signalisiere ich mein Interesse an der Arbeit? Wie bringe ich mich ein – und wie viel gebe ich im ­beruflichen Umfeld von mir preis? ­Solche Punkte sprach Oliver Engeler in den Modulen im März an, in denen sich die Jugendlichen auf die Einsätze ­vorbereiteten.

Lernen, über sich selbst nachzudenken

Freilich lief nicht immer alles nach Plan. Hier und dort gab es Klärungsbedarf. Vielleicht wegen eines Missverständnisses zwischen dem Betrieb und dem Jugendlichen, oder weil die ­Arbeitskleidung zunächst noch nicht ganz den Gepflogenheiten entsprach. Insgesamt seien die Rückmeldungen der Betriebe aber sehr positiv gewesen. Darauf deutet zumindest auch die ­Geste von einem der Unternehmen hin: Die Landi Obfelden spendierte an der Diplomfeier nicht nur den Apéro, sie beschenkte die Teilnehmer zudem mit einer Überraschungs-Tüte.

Auch die Jugendlichen selbst hätten ihre Arbeit in der Regel pauschal als gut bewertet, wenn er sie nach einer Selbsteinschätzung gefragt habe, erzählt ­Oliver Engeler. In den vergangenen ­Monaten sei es auch sein Ziel gewesen, die Jugendlichen zum Reflektieren zu animieren. Was ist mir gelungen? Wo könnte ich mich noch verbessern? Solche Fragen seien den jungen Männern zunächst noch eher fremd gewesen. Da habe in den vergangenen Monaten eine grosse Entwicklung stattgefunden: «Sie haben gelernt, über sich selber nachzudenken.»

Jahangir lebt seit etwas mehr als anderthalb Jahren in der Schweiz. Er spricht ein solides Deutsch, kann sich ausdrücken. «Ich verstehe nicht alles», warnt er vor dem Interview. Auch das hat er in den vergangenen Monaten ­gelernt: Unklarheiten zu benennen. Zunächst, erzählt Jahangir, habe er bei der Arbeit keine Fehler machen wollen, sich aber auch nicht getraut, nachzuhaken, wenn er etwas nicht verstanden habe. «Frag nach, wenn du etwas nicht verstehst», habe ihm Oliver Engeler geraten. Am Anfang sei das schwer gewesen, doch mit der Zeit sei es ihm immer leichter gefallen.

Alle feiern mit

Ob das Programm «Lift Lilienberg» in Zukunft erneut stattfindet, ist derzeit offen. Das hänge nicht nur von der Finanzierung ab, so Oliver Engeler, sondern auch davon, ob weiterhin genug Betriebe teilnehmen. Die Betreuung, die Beurteilungsgespräche, das Arbeits­zeugnis: «Dass die Unternehmen diesen Zusatzaufwand auf sich nehmen, ist nicht selbstverständlich.»

Anfang Juli ging der Arbeitseinsatz für die fünf Teilnehmenden zu Ende. Für Jahangir stehen Veränderungen an: Demnächst wird er volljährig und zieht vom Lilienberg in ein anderes Zentrum. Für die Zukunft würde er sich wünschen, eine Lehre als Maurer oder Schreiner machen zu können.

Zunächst aber soll an jenem Mittwochabend das gefeiert werden, was er und seine Kollegen bisher erreicht haben. Ansprachen wechseln sich mit Applaus ab, bis Oliver Engeler schliesslich die ­Diplome überreicht. Auch Jahangirs ­Beiständin, seine Bezugsperson vom MNA-Zentrum Lilienberg und einige Mitbewohner sind gekommen und klatschen ihm zu, als er aufgerufen wird. Dass sie alle mit ihm feiern, freut ihn: «Sie sind wie eine Familie für mich», hatte er im Interview gesagt. Nachdem er das ­Diplom erhalten hat, möchte Jahangir noch etwas sagen, bevor er wieder Platz nimmt: «Vielen Dank, ich freue mich.»