Bezirk Affoltern
29.07.2021

Ein langes Leben für die «dicke Berta»

Die «dicke Berta» ist für eine Patenschaft bestimmt. Von links: die Förster Stefan Burch und Robi Püntener sowie Gemeinderat Bruno Fuchs. (Bild Marianne Voss)

Die «dicke Berta» ist für eine Patenschaft bestimmt. Von links: die Förster Stefan Burch und Robi Püntener sowie Gemeinderat Bruno Fuchs. (Bild Marianne Voss)

Aus wirtschaftlicher Sicht müssen Bäume irgendwann gefällt werden. Ganz alte Bäume sind in hiesigen Wäldern deshalb Mangelware. Als entscheidende ökologische Komponente sollen sie nun vermehrt gefördert werden.

Von: Marianne Voss

Sie ist gut 130 Jahre alt und steht auf einer dieser mystischen Erhebungen im Gemeindewald auf dem Aeugsterberg. Diese kegelartigen Hügel sind beim Bergsturz am Ende der letzten Eiszeit entstanden. Die 130 Jahre alte Dame ist eine mächtige Weisstanne und wird an diesem Nachmittag dazu bestimmt, noch lange weiterzuleben. Aus der Sicht der Waldnutzung hätte sie eigentlich das Alter erreicht, um Platz zu machen für jungen Nachwuchs.

Förster Robi Püntener, verantwortlich für den Forstkreis Oberamt, sein Kollege Stefan Burch aus dem Zürcher Oberland und der Aeugster Gemeinderat Bruno Fuchs ­machen sie zu einem ­Biotopbaum und geben sie für eine Baumpatenschaft frei. Sorgfältig werden ihre «Personalien» aufgenommen. Ihre Höhe beträgt etwa 37 Meter, der Umfang 2,85 Meter und der Durchmesser 90 Zentimeter. Sie wird auch fotografiert und bekommt einen Namen: «dicke Berta». Schliesslich wird ihr noch das blaue Bäumchen-Signet aufgesprayt, damit für alle Waldnutzenden klar ist: Dieser Baum verdient besonderen Schutz.

Die «dicke Berta» eignet sich perfekt für eine Baumpatenschaft des Vereins «deinbaum». Sie ist alt, geschichtsträchtig, weist sogenannte Spechtschmieden aus und ist ökologisch wertvoll. Stefan Burch ist Förster im Zürcher Oberland und Mitbegründer des Vereins. Es ging ihm darum, etwas gegen den Mangel an alten Bäumen in unseren Wäldern zu unternehmen. «Es fehlt die alte Generation, es fehlen in unsern Wäldern die Urgrossmütter und Urgrossväter», erklärt er. «Aus wirtschaftlicher Sicht müssten sie gefällt werden. Wir möchten diesen besonderen Bäumen aber einen neuen Wert geben.» Alte Bäume seien ein wichtiger Lebensraum für unzählige Tiere und somit eine entscheidende ökologische Komponente im Wald.

Baumpatenschaft

Der Verein «deinbaum» bietet in verschiedenen Regionen der Schweiz Bäume für Patenschaften an. Für 80 bis 300 Franken kann eine Patenschaft für einen bestimmten Baum gekauft werden. Die Patenschaft ist zehn Jahre gültig. Der Baum kann natürlich persönlich besucht werden. So ist es durchaus möglich, eine Beziehung aufzubauen zu so einem beeindruckenden, altehrwürdigen Waldriesen, der viel mehr durchgemacht und erlebt hat, als wir in unserm vergleichsweise kurzen Leben können. «Ein schönes Geschenk, zum Beispiel zu einem Geburtstag oder einer Hochzeit. Das hält garantiert länger als ein Blumenstrauss», meint der Förster humorvoll.

Durch die Baumpatenschaften sollen alte und seltene Bäume erhalten werden, sodass sie den ganzen Prozess vom Aufwachsen, Altern und Absterben durchlaufen können. Dies kommt der Biodiversität und einem gesunden Wald zugute. Die Einnahmen von einer Patenschaft gehen vollumfänglich an den Waldbesitzer, der einverstanden ist, auf den Ertrag seines Baumes zu verzichten. Der Verein, der sich auf dem Weg zur Stiftungsgründung befindet, wird ausschliesslich von Spenden finanziert.

20 weitere Bäume ausgesucht

Im Forstrevier Oberamt und im Staatswald Buchenegg-Stallikon gibt es bereits rund 100 Bäume mit dem blauen Baumsignet. Noch nicht alle haben Paten erhalten. An diesem Nachmittag suchen die beiden Förster zusammen mit dem Gemeinderat – der Wald gehört der Gemeinde Aeugst – 23 weitere Bäume aus und dokumentieren sie ausführlich. Nebst der «dicken Berta» bezeichnen sie zum Beispiel eine Mehlbeere, Berg­ahorne, Fichten, Föhren, Eiben, eine Ulme und eine Buche. Die Kriterien für die Auswahl sind das Alter des Baumes und seine Besonderheiten wie der Wuchs, ungewöhnliche Risse durch ­einen Sturmschaden, tote Äste, Baumhöhlen oder Tierspuren. Ab Ende September werden diese Bäume auf der Website www.deinbaum.ch aufgeschaltet. Die «dicke Berta» und alle ihre ­neuen Kolleginnen und Kollegen im ­Aeugster Wald freuen sich, Patinnen oder Paten zu erhalten.