Bezirk Affoltern
09.09.2021

Vom Richtplatz des Spätmittelalters zur Freiamtgemeinde

Blick auf die Kirche Mettmenstetten. Hier begann im 18. Jahrhundert eine gewisse Selbstorganisation der regionalen Landbevölkerung – von den Herren in Zürich mehr geduldet als gewünscht. (Bild Erika Schmid)

Blick auf die Kirche Mettmenstetten. Hier begann im 18. Jahrhundert eine gewisse Selbstorganisation der regionalen Landbevölkerung – von den Herren in Zürich mehr geduldet als gewünscht. (Bild Erika Schmid)

Das schöne Herbstwetter lud zum Wandern. Am Samstag startete die 9. «LaMarotte»-Nahreise in der Bibliothek Rifferswil und führte zum neuen Kulturcafé Brister in Mettmenstetten. Der Historiker Bernhard Schneider und der Ornithologe Urs Heinz Aerni erläuterten wie gewohnt spontan historische Begebenheiten und Vögel, die vorbeiflogen.

Von: Bernhard Schneider

Bei schlechtem Wetter sähe man im Herbst mehr Vögel, erklärte Ornithologe Urs Heinz Aerni, da Regen und Wind die Schwärme auf der Wanderung vom Norden in den Süden zu Zwischenlandungen zwingen. Doch auch bei Sonne liessen sich einige Vögel blicken, insbesondere Greifvögel, die sich um Kadaverstücke stritten, die sie offenbar in einem Feld entdeckt hatten. Höhepunkt war ein Steinadler, der über der Wandergruppe des «LaMarotte» kreiste, um plötzlich eine Beute zu erhaschen.

Gericht über Leben und Tod

Nicht nur im Tierreich geht es oft um Leben und Tod. Im Spätmittelalter fand in Rifferswil das grafschaftliche Blutgericht statt. Möglicherweise wurden die zum Tod Verurteilten gleich vor Ort hingerichtet, darauf könnte der Flurname Galgenfeld an der Albisstrasse hinweisen. Auch das Vogteigericht, das für weniger schwere Delikte zuständig war, tagte einmal jährlich in Rifferswil. Das Freiamt und das Kelleramt waren damals eine herrschaftliche Einheit. Das Blutgericht im Kelleramt wurde in Berikon abgehalten. Deshalb führte die damalige Hauptstrasse von Rifferswil über Affoltern, Hedingen, Islisberg und Arni nach Berikon. Um 1500 übernahm die Stadt Zürich die Herrschaftsrechte im Freiamt, gründete die Landvogtei Knonau und verlegte das Vogteigericht dorthin, während fortan in Zürich über Leben und Tod entschieden wurde. Dadurch wurde die Route über den Albis auf-, der Weg durchs Jonental abgewertet.

Weinschenken und Freiamtgemeinde

Die Wanderung führte vorbei an der Besenwirtschaft Sternen. Besenwirtschaften sind eine Art Nachfolge der frühneuzeitlichen Weinschenken. Damals hatten die Weinschenken die Funktion, überschüssigen Wein in Geld umzuwandeln, weshalb auch in manchem Pfarrhaus eine solche eingerichtet war. Pfarrherren erhielten ihre Entschädigung damals zu einem guten Teil in Form von Naturalien. War der Wein der Bauern zu wenig gut, kauften sie für den Eigengebrauch lieber solchen aus dem Elsass oder vom Zürichsee und verkauften den einheimischen in ihrer Trinkstube.

Den Herren in Zürich waren die Weinschenken zwar ein Dorn im Auge, sie versuchten sie immer wieder zu reglementieren, doch waren diese Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt. Das Kernproblem der Herrschaft in der frühen Neuzeit bestand darin, dass einige Grossbauern wirtschaftlich nicht weniger stark waren als Stadtzürcher Adlige, aber gleichzeitig über keine politischen Rechte verfügten. Es ist eine Konstante in der Geschichte, dass ein Ungleich­gewicht zwischen wirtschaftlicher und politischer Macht zu Konflikten führt, wenn es sich nicht in geregelten Bahnen auflösen lässt.

So musste die Stadt Zürich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Freiamtgemeinde zulassen. Diese tagte mindestens 1761, 1771, 1772 und 1795 in der Kirche Mettmenstetten. Ihre Kompetenz beschränkte sich zwar auf die Wahl der regionalen Beamten. Das Problem für die Obrigkeit bestand aber darin, dass ein solches Gremium sich nicht nur treffen, sondern auch entscheiden wollte und dadurch das ­Selbstbewusstsein der Landbevölkerung steigerte.

Drei Zentren der Macht

Ab der Reformation und der Gründung der Landvogtei Knonau zu Beginn des 16. Jahrhunderts entwickelten sich drei Orte zu regionalen Zentren der Macht: Der Landvogt und mit ihm die politische und judikative Macht befand sich in Knonau. Das Kloster Kappel übte die wirtschaftliche Macht aus, denn hierhin wurden die Feudalabgaben der Landbevölkerung geliefert. Die beschränkte Selbstorganisation der Landbevölkerung hatte ihr Zentrum in Mettmenstetten.

Angeregt durch die französische ­Revolution erhob sich 1795 ein Teil der Landbevölkerung im sogenannten ­Stäfner Handel. Hier zeigte sich, dass auch eine autoritäre Obrigkeit nicht zwingend geschlossen ist: Während Landschreiber Heidegger verhindern wollte, dass Männer, die mit den Aufständischen sympathisierten, gewählt wurden, verfolgte der Landvogt eine konsensorientierte Linie und schlug als Freiamthauptmann gleich selbst einen seiner moderaten Kritiker vor, nämlich den Heischer Johannes Näf. Er tat dies mit Erfolg, denn anders als in den ­Seegemeinden schaffte er es mit seiner kooperativen Haltung, die Kritiker ­einzubinden.

Jubiläen und ihr Ursprung

2016 feierte Mettmenstetten das 900-Jahre-Jubiläum, Rifferswil 2019 das 1000-jährige Bestehen. Welche der beiden Gemeinden ist älter? Die Antwort lautet mit hoher Wahrscheinlichkeit: Mettmenstetten. Jubiläen sind oft eine Frage des Zufalls und des Willens, mit einer Feier den Gemeinsinn zu stärken.

Seit der Jungsteinzeit erfolgte die Besiedlung unserer Region jeweils vom Zugersee her, der Lorze entlang nach Knonau und anschliessend dem Haselbach entlang nach Mettmenstetten. ­Höher gelegene Dörfer wie Rifferswil wurden jeweils erst in einer späteren Phase von der Besiedlung erfasst. ­Mettmenstetten wurde im Rahmen der germanischen Völkerwanderung gegründet, wohl im 8. Jahrhundert von Knonau aus. Die Gründung von Riffers­wil dürfte etwa ein Jahrhundert später erfolgt sein. Für diese Abfolge sprechen auch die Namen der Dörfer: Namen auf -stetten (Stätte, Hofstatt) sind in der Regel älter als solche auf -will (Weiler, Hofsiedlung). Mettmenstetten hätte tatsächlich bereits 1998 das 1000-Jahre-Jubiläum feiern können, denn ein angebliches Privileg des Papstes aus dem Jahr 998 nennt Mettmenstetten als Besitz des Klosters Pfäfers. Diese Urkunde wurde allerdings bereits in den 1730er-Jahren als Fälschung erkannt, während die von Mettmenstetten als Ersterwähnung gewählte Urkunde von 1116 als authentisch gilt.