Sport
27.09.2021

Beim Massenstart läuft «Highway to Hell»

Beat Fraefel während des Inca Trail Runs in Peru, auf 4215 Metern Höhe. (Bild zvg.)
Beat Fraefels Nahrung besteht aus Pulvermischungen, Energieriegeln, Porridge,
         
         
            Nüssen, Trockenfleisch oder gefriergetrockneter Pasta. (Bild Livia Häberling)

Beat Fraefel während des Inca Trail Runs in Peru, auf 4215 Metern Höhe. (Bild zvg.)

Beat Fraefel während des Inca Trail Runs in Peru, auf 4215 Metern Höhe. (Bild zvg.)
Beat Fraefels Nahrung besteht aus Pulvermischungen, Energieriegeln, Porridge,
         
         
            Nüssen, Trockenfleisch oder gefriergetrockneter Pasta. (Bild Livia Häberling)

Beat Fraefels Nahrung besteht aus Pulvermischungen, Energieriegeln, Porridge,

Mit 62 Jahren startet Beat Fraefel in sein anspruchsvollstes sportliches Abenteuer. Er nimmt am «Marathon des Sables» teil. Im Interview erzählt er, wie er sich in der Wüste orientiert, weshalb er so wenig Nahrung mitnimmt und wie ihm der schneereiche Winter zugute kam.

Gelaufen ist Beat Fraefel schon immer gerne. Als Jugendlicher hat er an Orientierungsläufen teilgenommen, später war er regelmässig in der Natur unterwegs, als Ausgleich zu seinem Beruf als Organisationsberater. Im Jahr 2006 ist er seinen ersten Marathon (42 Kilometer) gelaufen und fand Gefallen daran, auf ein Ziel hinzutrainieren. Seither absolviert er jedes Jahr zwei Marathonläufe, parallel dazu sucht er auf anderen Strecken die Herausforderung: Er startete am Inca Trail Run in Peru, absolvierte die 78-Kilometer-Strecke am Swiss Alpine oder lief am Ultra-Marathon «Comrades» mit, der in Südafrika über 90 Kilometer führt.

Anfang Oktober bricht Beat Fraefel zu einer neuen Herausforderung auf. Er geht am «Marathon des Sables» an den Start. Bei diesem Wettkampf laufen die Teilnehmenden in sieben Tagen knapp 250 Kilometer durch die marokkanische Sahara. Die Strecke ist aufgeteilt in sechs Etappen. An den ersten drei Tagen sind es 35 Kilometer bis ins Zeltlager, am vierten Tag warten 90 Kilometer, gefolgt von einem Ruhetag, bevor an Tag sechs und sieben nochmals 42 und zehn Kilometer zu bewältigen sind. Wasser und Zelte erhalten die Läuferinnen und Läufer vom Veranstalter. Ihre persönlichen Utensilien und die Verpflegung tragen sie während des Rennens mit sich.

«Anzeiger»: Bald brechen Sie auf, um in der Sahara einen 250-Kilometer-Lauf zu absolvieren. Sie sagen, noch vor ein paar Jahren hätten Sie gedacht: So einen Blödsinn mache ich nicht. Nun starten Sie doch. Weshalb?

Beat Fraefel: Ein Kollege aus England hat mir im Dezember 2019 vom «Marathon des Sables» erzählt und gefragt, ob ich mitkomme. Zunächst habe ich abgesagt, doch dann habe ich mir die Bedingungen näher angesehen. Das Laufen auf ungewohntem Boden, die mentale Herausforderung, die Ernährung, das Zelten in der Wüste. Die Kombination aus all diesen mir unbekannten Situationen hat mich dermassen gereizt, dass ich schliesslich zu ihm sagte: Ich bin dabei. Da hat er gesagt: «Ich habe mir die Details auch nochmals angeschaut. Ich pack’ das nicht, ich bin nicht dabei.» Jetzt gehe ich, und er nicht.

Sie fliegen am 1. Oktober nach Marokko. Was passiert, nachdem Sie eingetroffen sind?

In Errachidia, am Rand der Sahara, findet ein Check-in-Tag statt. Dort wird überprüft, ob die Teilnehmenden alle Pflichtmaterialien dabeihaben. Zudem wird das medizinische Attest überprüft. Tags darauf erfolgt dann der Start.

Wie läuft dieser ab?

Um 9 Uhr morgens starten alle 750 Teilnehmenden gleichzeitig. Das Prozedere ist bei jeder Tagesetappe dasselbe. Traditionsgemäss wird bei diesen Massenstarts übrigens der Song «Highway to Hell» gespielt (lacht).

Wie orientiert man sich in der Wüste?

Die Routenführung ändert jedes Jahr und ist bis kurz vor dem Start ein gut gehütetes Geheimnis. Erst auf dem Weg zum Start erhalten die Teilnehmenden das Routenbüchlein, das mit Zeichnungen und Beschreibungen den Weg weisen soll. Ausserdem ist die Laufstrecke mit Markierungen versehen.

Trotzdem ist in den 90er-Jahren ein Läufer von der Route abgekommen. Er wurde neun Tage später von Beduinen gefunden. 200 Kilometer abseits und um 15 Kilogramm abgemagert.

Das sollte nicht mehr passieren. Inzwischen erhalten alle Läufer einen GPS-Transponder, damit der Veranstalter reagieren kann, wenn sich Teilnehmende ausserhalb des Strecken-Korridors bewegen. Und für die Route, die man in der Nacht geht, werden Leuchtstäbe entlang der Strecke platziert und an den Rucksäcken der Läufer befestigt. Aber davor habe ich tatsächlich am meisten Respekt: nachts bei totaler Finsternis durch eine Wüste zu laufen.

Das Zelt stellt der Veranstalter an jedem Etappenende bereit, unterwegs erhalten Sie neun Liter Wasser pro Tag. Alles andere tragen Sie im Rucksack. Was nehmen Sie mit?

Der Veranstalter schreibt vor, dass der Rucksack jedes Läufers ohne Flüssigkeit mindestens 6,5 Kilogramm auf die Waage bringen muss. Damit besteht kein Interesse, bei der Ausrüstung zu sparen. Gewisse Hilfsmittel sind ausserdem Pflicht, zum Beispiel ein Schlafsack, Sonnencreme, ein mechanischer Kompass, eine Rettungsdecke, ein Messer mit Metallklinge oder das Schlangenbiss-Set.

Ein Schlangenbiss-Set ...?

Genau. Das besteht aus einer Vakuumpumpe, um bei einem Biss das Gift aus der Wunde zu ziehen. Vermutlich werde ich sie gar nicht wegen der Schlangen brauchen, sondern eher noch wegen eines Skorpion-Bisses. Ausserdem kann man die Pumpe auch bei Insektenstichen benützen.

Was tragen Sie sonst noch im Rucksack?

Einen Schlafsack, eine Schlafmatte und ein Kissen, eine Daunenjacke, ein Ersatz-Shirt und Socken sowie selbst gebastelte Schuhe für den Abend. Weiter eine Kopfbedeckung, einen kleinen Kocher und Brenntabletten sowie ein Necessaire mit Zahnbürste, Zahnpaste, Toilettenartikeln und einer Duschkappe, die ich als Waschbecken benütze. Auch eine Fettcreme für die Füsse ist dabei und Nadeln, Desinfektionsmittel und Gazen, um die Blasen zu behandeln. Bei der Ausrüstung habe ich darauf geachtet, dass sie platzsparend und aus leichtem Material ist. Mein Zielgewicht für den Rucksack sind 8,5 Kilogramm. Davon machen allein die Nahrungsmittel 5 Kilogramm aus.

Wovon ernähren Sie sich unterwegs?

Für den Morgen habe ich Trockenfleisch dabei sowie Porridge und Kaffeepulver, das ich mit Wasser aufgiesse. Während des Laufs esse ich Energie-Riegel auf Hafer-Basis und Zuckersirup und verschiedene Pulver-Mischungen. Zum Abendessen gibt es gefriergetrocknete Penne, die ich ebenfalls mit Wasser aufgiesse. Zusätzlich habe ich gesalzene Cashew-Nüsse als Snack im Gepäck sowie Regenerations- und Protein-Drinks. Hinzukommen Salz- und Koffeinkapseln.

Wie viele Kalorien planen Sie pro Tag ein?

Die kurze Antwort ist: zu wenige. Der Veranstalter schreibt 2000 Kalorien als Minimum vor. Eine befreundete Ernährungsberaterin, die mich bei der Zusammenstellung des Essensplans unterstützt hat, meinte jedoch: «Das reicht bei Weitem nicht aus.» Jetzt bin ich bei 20000 Kalorien – für sieben Tage, inklusive Vorrat. Doch eigentlich bräuchte der Körper noch mehr.

Sie könnten mehr Nahrung einpacken.

Schon, ja, aber dann würde der Rucksack schwerer. Ausserdem habe ich auf Blogs von anderen Teilnehmenden gelesen, dass man unterwegs offenbar gar nicht so viel essen mag.

Mit welcher Laufzeit rechnen Sie?

Die Zeit steht für mich nicht im Vordergrund. Wichtig ist für mich, gesund zurückzukehren und ein gutes Erlebnis zu haben. Ich werde für die knapp 250 Kilometer wohl zwischen 50 und 60 Stunden benötigen. Der Sieger der letzten Jahre, Rachid el Marabity, schafft die Strecke in 18,5 Stunden.

Wie haben Sie sich auf den Lauf vorbereitet?

Üblicherweise laufe ich pro Jahr zwischen 1400 und 1500 Kilometer. Im letzten Jahr waren es fast 2500 Kilometer. Um mich an die Last des Rucksacks zu gewöhnen, habe ich Reissäckchen eingepackt und das Gewicht laufend gesteigert.

Haben Sie auch Mehrtagesläufe absolviert?

Ja, ich habe mehrere solcher «Back-to-back»-Läufe gemacht, damit sich der Körper daran gewöhnt, dass es nach einem Lauf am nächsten Tag keine Pause gibt. Einmal bin ich an den Hallwyler-See gelaufen und habe im Freien übernachtet als Training. Am nächsten Tag bin ich wieder zurückgelaufen. Ein anderes Mal bin ich mit meinem Bruder in drei Tages-Etappen vom Zürcher Hauptbahnhof nach Basel gelaufen. Auf dieser Strecke habe ich zugleich die Nahrung getestet, die ich nun auf dem Lauf dabeihabe.

In der Schweiz laufen Sie auf Asphalt, Kies- oder Waldwegen, in der Sahara auf Sand. Auch das Klima ist anders. Kann man sich auf diese Bedingungen überhaupt vorbereiten?

Teilweise schon. Im Winter bin ich viel auf Schnee gelaufen, und entlang der Reuss waren nach den Überschwemmungen auch Sandbänke freigelegt, auf denen ich trainieren konnte. Zudem habe ich meine Läufe auch bewusst auf Tage gelegt, an denen es richtig heiss war.

Wie geht es Ihnen nun, kurz vor dem Abflug?

Ich freue mich riesig, dass es bald losgeht. Nervös bin ich noch nicht, aber zunehmend hochfokussiert. Bei der Vorbereitung ist man gedanklich wie in einem Tunnel. Deshalb hat sich lange vieles um diesen Lauf gedreht. Ich glaube, auch meine Frau ist nun froh, wenn es vorbei ist und ich auch wieder an andere Sachen denken kann.

Gibt es für Sie noch letzte Vorbereitungen zu treffen?

Es steht noch einmal ein Termin bei der Pediküre an, um die Zehennägel schön abzurunden und die Hornhaut zu entfernen. Und der Arzttermin für das medizinische Attest. Ich trainiere noch, aber eher im kleinen Umfang, mache Kraftübungen für die Rumpf- und Rückenmuskulatur. Grundsätzlich stelle ich mich darauf ein, dass nichts so ablaufen wird, wie ich es vorbereitet habe. Ich werde einfach versuchen, die Herausforderung mit Demut anzugehen und das Beste daraus zu machen.

Interview: Livia Häberling