Front
14.10.2021

Viele Gäste verzichten auf ihr Bier

Yannick Neuschwander vom «Break» in Affoltern. (Bild Livia Häberling)

Yannick Neuschwander vom «Break» in Affoltern. (Bild Livia Häberling)

Seit rund einem Monat gilt in diversen Innenbereichen eine Zertifikatspflicht, seit Montag sind Antigen-Schnelltests für Ungeimpfte ausserdem nicht mehr gratis. Ausgehlokale, die auch von spontaner und teils jüngerer Kundschaft leben, spüren die Folgen unterschiedlich stark.

Von: livia Häberling

Am 13. September wurde für Innen-bereiche von Restaurants, Kultur- oder Freizeiteinrichtungen eine Zertifikatspflicht eingeführt. Wer nicht genesen oder zweimal geimpft ist und trotzdem in diese Lokale will, braucht seither einen negativen Antigen-Schnelltest. In Affoltern wurden diese Tests zunächst ohne Voranmeldung angeboten. Je ­näher das Wochenende rückte, desto länger wurde die Warteschlange vor dem «Holiday Inn Express». «An manchen Tagen haben wir bis zu 500 Tests durchgeführt», sagt Reto Schegg, Leiter des Impf- und Testcenters. Ein Grossteil dieser Kundschaft dürfte im Alter von 20 bis 30 Jahren gewesen sein, schätzt er, aber auch ältere Personen oder Familien hätten sich testen lassen, zum Beispiel für die Ferien.

Wegen des grossen Andrangs wurde kurz darauf das System umgestellt; neu wird nur noch getestet, wer zuvor online einen Termin gebucht hatte. «Allerdings waren die Termine teilweise schon mehrere Tage im Voraus ausgebucht», so Schegg. «Wer sich spontan testen lassen wollte, hatte es schwer.»

«Schliessung wäre günstiger»

Serge Gabathuler, Betreiber der «Spyre» Bar in Affoltern, spricht von einem «massiven Gästeeinbruch» in den vergangenen vier Wochen. «Es wäre günstiger, die Bar zu schliessen. Ein grosser Teil der Leute kommt nicht mehr.» Er sagt, vor der Pandemie sei bei ihm eine buntgemischte Gästeschar ein- und ausgegangen: «Die Jüngsten waren 18, die ältesten fast 90.» Mit dem ersten Shutdown im Frühling 2020 habe ein Schwund eingesetzt, der sich unter den aktuellen Massnahmen zugespitzt habe: «In den Tagen vor Einführung der Zertifikatspflicht ist es noch einmal richtig gut gelaufen», so Gabathuler. Danach habe er einen deutlichen Rückgang gespürt: Gäste, die vorher spontan auf ein Bier vorbeikamen, blieben aus.

Serge Gabathuler hat versucht, eine zweite Testmöglichkeit im Bezirk zu schaffen. Vorgeschwebt wäre ihm ein mobiles Testcenter fürs Wochenende. Eine Zusammenarbeit mit einer der umliegenden Apotheken ist allerdings nicht zustande gekommen. Dass die Nachfrage nach Tests vorhanden wäre, legen die automatischen Telefonbeantworter der Medbase Apotheke und der «Amavita Apotheke» in Affoltern nahe. Bei beiden weist eine Stimme darauf hin, dass bei ihnen – zumindest derzeit – keine Tests durchgeführt werden. «Auch wir erhalten teilweise sehr viele Testanfragen, insbesondere auf das Wochenende hin», sagt Petra Heiniger, Geschäftsleitungsmitglied der Vitalis Apotheke in Affoltern. Für ein Testangebot fehle es nicht nur an personellen Ressourcen, auch das Ladenlokal biete nicht den nötigen Platz. «In unserer Apotheke liegt der Fokus auf der Impfung», so Heiniger. Diese wird nach wie vor angeboten.

Zweite Testmöglichkeit in Affoltern

Stattdessen steht nun seit zirka drei Wochen, nur ein paar Häuser von der «Spyre» entfernt, das Zelt eines mobilen Testcenters. Dieses bietet ausschliesslich walk-in-Termine an, zu welchen Zeiten, ist nicht ersichtlich. Als Betreiberin wird auf einem Plakat die Online-Apotheke «xtrapharm» angegeben, die ihren Sitz in Rüti hat.

Serge Gabathuler begrüsst es, dass im Bezirk ein zweites Testangebot geschaffen wurde. Die Gründe für den Gästeschwund ortet er jedoch nicht mehr nur bei den fehlenden Testmöglichkeiten: «Ob Test oder Impfung – die Leute wollen sich nicht vorschreiben lassen, was sie zu tun haben.» Weiter vermutet er, dass jene Personen, die extra die Mühe – und neu auch die Kosten – für einen Test auf sich nähmen, mit dem Zertifikat eher in Zürich feiern, statt in Affoltern.

Weniger Gäste, aber auch wieder mehr Freiheiten

Auch das «Break» im Affoltemer Industriequartier, in dem sich an Wochen­enden auch jüngeres Publikum trifft, stellt Veränderungen fest. Das vergangene Wochenende sei ein wenig besser gelaufen, sagt Yannick Neuschwander. Generell habe es in den letzten Wochen jedoch einen starken Besucherrückgang gegeben, dies in allen Altersklassen: «Von Gästen, die werktags fürs Feierabendbier vorbeikommen, haben viele ein Zertifikat. Jene ohne halten sich auf der Terrasse auf», sagt er. Andere, die am Wochenende oder eher in Gruppen unterwegs seien, organisierten sich nun möglicherweise um, indem die ganze Gruppe auf den Barbesuch verzichte, wenn einzelne Mitglieder keines hätten. Vor allem an den Abenden komme es zu Umsatzrückgängen – wenn es zu kalt sei, um draussen zu sitzen.

Ähnlich erlebt es Sandro Quirici von der CQ-Bar. Auch bei ihm ist der Mittagsbetrieb an der frischen Luft bisher zufriedenstellend gelaufen, während sich die Rückgänge am Abend deutlicher zeigen. Die Einführung der Zertifikatspflicht ist eine von diversen Vorgaben, die ihm den Betrieb seiner Bar in den letzten anderthalb Jahren erschwert haben: «Wir befinden uns seit Monaten im Krisenmodus», sagt er, ohne Planungssicherheit sei es schwierig. Trotzdem will er nicht jammern. Es freue ihn, dass er inzwischen wieder Events mit Live-Musik durchführen könne, und ausserdem: dass er nicht mehr hinter einer Plexiglas-Scheibe arbeiten müsse. Dies bestätigt auch Yannick Neuschwander. Er sagt, die Aufhebung der Sitz- und Maskenpflicht habe die Atmosphäre in der Bar positiv beeinflusst. «Die Gäste können das Ausgehen wieder mehr ­geniessen.»