Bezirk Affoltern
06.01.2022

«Es geht darum, zusammen mit mehr Ressourcen mehr bieten zu können»

In seinem neuen Job angekommen: Kirchgemeindeschreiber Simon Plüer in seinem Büro in Affoltern. (Bild Thomas Stöckli)

In seinem neuen Job angekommen: Kirchgemeindeschreiber Simon Plüer in seinem Büro in Affoltern. (Bild Thomas Stöckli)

Am 1. Oktober hat Simon Plüer seine Stelle angetreten, als erster Kirchgemeindeschreiber überhaupt im Bezirk. Nach knapp 100 Tagen im Amt stellt er sich den Fragen des «Anzeigers».

«Anzeiger»: Als Sie vor 100 Tagen als Kirchgemeindeschreiber gestartet sind, gab es Ihre Kirchgemeinde noch gar nicht. Was hiess das für Sie?

Simon Plüer: Das hiess für mich, dass da noch ganz viele Fragezeichen sein würden. Im ersten Monat war alles noch sehr theoretisch, doch dann hat es auf einmal angezogen. Und jetzt wird es praktisch. Am 11. Januar haben wir bereits die erste Kirchenpflegesitzung. Dazu habe ich aus verschiedensten ­Papieren zusammengetragen, was alles entschieden werden muss.

Beim Amtsantritt hatten Sie das Kennenlernen der Leute als wichtigen Faktor für den Start definiert. Haben Sie dieses Ziel erreicht?

Viele werden über mich sagen: gesehen habe ich ihn noch nicht, aber von ihm gehört. Die rund 92 Angestellten habe ich noch nicht alle getroffen. Aber ich habe viele Leute kennengelernt: Alle, die in den Kirchenkommissionen sind und auch die meisten aus den bisherigen Kirchenpflegen. Der Ansatz hat sich also gelohnt, aber es geht noch weiter.

Was hat Sie in den ersten 100 Tagen sonst noch beschäftigt?

Ganz viel Administratives. Es galt, die neuen Finanzabläufe zu definieren. Die Adressänderungen sind auch ein grosses Thema, das läuft immer noch. Was die Verträge anbelangt, hat ­Magdalena Suter aus der Projektorganisation schon viel gemacht. Und ein grosses Thema sind auch die Verfügungen. Da ist die Software schlicht nicht auf Mengen ausgelegt. Was die neue IT ­anbelangt, so sollen zunächst mal die E-Mails laufen. Zwei Freitagnachmittage habe ich eingeplant, um beim Einrichten des Accounts und anderen Problemen zu helfen. Von 16 angebotenen 30-Minuten-Terminen sind sieben ­bereits vergeben.

Zum Start der neuen Kirchgemeinde dürfe es rumpeln, aber nicht «tschädere», haben Sie gesagt. Hat es schon «tschäderet»?

Nein, hat es noch nicht. Vielleicht ist es aber auch noch zu früh, um ­«tschädere» definieren zu können. Aber rumpeln tut es noch hier und da.

Wo denn?

Gerumpelt hat es zum Beispiel bei der Homepage: Die alte hat sich auf den Zusammenschluss bezogen, das konnten wir so nicht stehen lassen. Wegen Personalausfällen wurde die Zeit sehr knapp und wir mussten den Start verschieben vom 31. Dezember 2021 auf den 3. Januar 2022. Jetzt sieht die neue Homepage nicht schlecht aus – es hat jedenfalls noch keinen Shitstorm gegeben (er lacht).

Manches sollte eigentlich weiter­laufen wie bisher, was es aber nun doch nicht tut. Was die bereits erwähnten Verfügungen anbelangt, lautet das Ziel, Ende Januar die Löhne korrekt auszahlen zu können. Schwierig ist es, die Balance zu finden zwischen zu viel und zu wenig Information. Gelingt dies nicht, reicht meistens ein klärendes Telefon, aber ich kann auch nicht immer am Telefonieren sein...

Was sind die weiteren Meilensteine im Prozess des Zusammenwachsens?

Zunächst die Stabilisierung und Optimierung der technischen Abläufe, damit man dann Zeit findet für andere Themen. Die Kirchenpflege hat zum Beispiel auf der Traktandenliste, wie sich die Kirchgemeinde in den kirchlichen Orten präsent zeigen soll, wie sie nach aussen tritt – und eben nicht nur in der Verwaltung. Ein wichtiger Punkt war schon immer: Die Angebote vor Ort bleiben bestehen. In diesem Zusammenhang habe ich auch die Doppelseite im «Anzeiger» (Ausgabe vom 31. Dezember 2021, Anm.d.Red.) auch sehr spannend gefunden: Da haben sich Dinge geklärt.

Auf der angesprochenen Doppelseite ­kamen Engagierte aus allen neun nun ehemaligen Kirchgemeinden zu Wort. Welche Aussage hat Sie am meisten gefreut?

(Er nimmt die Zeitung zur Hand.) Die Situation der Sekretariate kenne ich bereits, da wollten einige schon viel früher zusammenkommen. Das hat Brigit Homberger (Kirchgemeindesekretärin von Hausen, Anm.d.Red.) bestärkt, auch wenn sie leider pensioniert wird Ende Februar. Die Aussage von Jana Weiss (Sozialdiakonin, Mettmenstetten) zum Wissensaustausch finde ich auch sehr wichtig. Und sehr spannend war auch das Statement von Susanne Sauder, ­Pfarrerin in Bonstetten. Ich verstehe sie, wenn sie sagt, eine Fusion von drei oder vier Gemeinden wäre übersichtlicher. Neun Gemeinden, das ist wirklich gross und wir müssen sorgfältig schauen, dass wir keinen kirchlichen Ort überfahren, ob es nun ein kleiner oder ein grosser ist.

Welche Aussage mir weniger gefallen hat, haben Sie ja nicht gefragt.

Das ist die nächste Frage.

Die Aussage «für mich persönlich ändert sich nichts». Da interpretiere ich, dass man nichts ändern will. Klar sollen die Angebote bleiben, aber sie lassen sich durch Wissensaustausch auch stärken. Es geht darum, zusammen mit mehr Ressourcen mehr bieten zu können. Die Rechnung 1+1 muss nicht 2, sondern kann auch 3 oder 4 geben. Ich wünsche mir, dass man offen ist für solche Änderungen. Und ich wünsche mir auch, dass wir Zeit finden für das. Auch wenn der Aufwand mit der Umstellung vorübergehend wächst, dürfen wir uns nicht ausbremsen lassen.

Fusionskritische Stimmen stören sich ­daran, dass nicht alle kirchlichen Orte in der Kirchenpflege vertreten sind.

Natürlich kann man das vorwerfen. Aber es wurde in allen Orten gesucht. Es muss sich halt auch jemand zur ­Verfügung stellen. Wir sind uns aber bewusst, dass wir auch an den Orten präsent sein müssen, die nicht in der Kirchenpflege vertreten sind. Das tun wir, indem jedes Kirchenpflegemitglied für einen Ort Ansprechperson ist – und das darf nicht der eigene Wohnort sein. Die genaue Rolle und die Kommunikationswege müssen noch definiert werden, aber die Kirchenkommissionen – kurz: KiKo – und ihre Ansprechperson kennen sich bereits und konnten schon miteinander sprechen.

Als Kirchgemeindeschreiber stehen Sie im Spannungsfeld zwischen der Kirchenpflege, den Kirchenkommissionen, den Mitarbeitenden und den Mitgliedern. Wie nehmen Sie das wahr?

Immer noch sehr positiv. Ich fühle mich sehr willkommen. Es gibt sehr wohl kritische Stimmen, aber die beziehen sich auf die Fusion und nicht auf mich. Wir haben eine sehr gute Kirchenpflege, ich erlebe den Austausch als sehr positiv.

Hilft es da, dass Ihnen die Rolle des ­Behördenmitglieds als Kirchgemeinde­präsident der Kirchgemeinde Weiningen (welche die politischen Gemeinden ­Weiningen, Unterengstringen, Geroldswil und Oetwil umfasst) vertraut ist?

Da müssten Sie jetzt die Kirch­gemeindepräsidentin fragen ... Ich erlebe das aber schon so: Es bringt mir viel, zu wissen, wie es in einer Kirchgemeinde läuft. Die Präsidentin ist sicher froh, dass ich ein gewisses Grundwissen habe. Damit aber nicht mein alleiniges Wissen die Basis stellt und um frische Ideen reinzubringen, was das Kirchenpflegewissen anbelangt, habe ich im November Peter Wilhelm, der in der Landeskirche für die Behördenschulung verantwortlich ist, eingeladen. Anlässlich einer Retraite haben die neuen ­Kirchenpflegemitglieder von ihm erfahren, was ihre Aufgaben sind.

Sie stellen sich in Weiningen zur Wiederwahl – als einer von nur zwei Kandidierenden für die Kirchenpflege.

Ja, aber es könnte nun doch noch Kampfwahlen geben: Wir haben alle Kirchensteuerzahler angeschrieben und in den nächsten Tagen findet ein Info-Anlass statt. Die Hoffnung auf eine komplette Kirchenpflege im zweiten Wahlgang ist gross.

Also drängt sich in Weiningen nicht auch eine Fusion auf?

Fürs Erste nicht, aber das ist natürlich auch im Gespräch, wenn auch sehr theoretisch: Mehr ein «was wäre, wenn...», als ein «wir wollen!».

Zurück zu Ihrer Rolle als Kirchgemeindeschreiber im Knonauer Amt: Mit wem ­haben Sie am meisten zu tun?

Mit den Sekretariaten und den ­Sigristen. Grad die administrativen Abläufe sind momentan sehr gefragt: Wie läuft es mit den Kollekten? Wie mit den neuen Mietverträgen? Wie soll der Geldfluss laufen? Intensiv ist die Zusammenarbeit auch mit der Kirchenpflege, insbesondere mit der Präsidentin.

Und wie ist der Austausch mit den ­Mitarbeitenden?

Ich höre viel von den Leuten, momentan halt vor allem per Mail und per Telefon. Am meisten beschäftigen sie Themen wie: wer ist meine Ansprechperson? Dann sollen sie zu mir kommen und ich versuche zu vermitteln und ­allenfalls eine Ansprechperson zu definieren. Die Konstituierung der Kirchenpflege – ein weiterer Schritt zu mehr Klarheit – findet halt erst am 11. Januar statt.

Sind eigentlich alle Posten besetzt oder gibt es noch Vakanzen?

Was Behörden und Kommissionen anbelangt, ist alles besetzt; bei den Mitarbeitenden hat es einige Kündigungen gegeben. Zum Teil vermutlich, weil man sich in Ängste reingesteigert hat. Die Anstellungsverhältnisse werden ja grundsätzlich bis Juni übernommen. Das soll die neue Kirchgemeinde den Spielraum geben, sich neu zu organisieren. Manchen Mitarbeitenden setzt die Ungewissheit zu. Manche haben ­darum gekündigt, im Sinne von: lieber jetzt selber gehen, als dann entlassen werden. Nach einem klärenden Gespräch wurden dann auch schon Kündigungen ­zurückgezogen.

Wie viele Kündigungen sind es denn nun?

Fünf. Zum Teil allerdings unabhängig von der Fusion. Der eine oder die andere findet einfach, er oder sie habe es jetzt gesehen und suche etwas Neues. Nach Stellenplan sind wir gut aufgestellt. Es gibt nur ein, zwei Wechsel, die noch organisiert werden müssen. Im Sekretariat hatten wir eine Kündigung und eine Pensionierung steht bevor. Diese Pensen nutzen wir neu für eine Person, die für die Liegenschaften zuständig ist und eine für die Finanzen. Ansonsten warten wir ab, wie es läuft und besetzen nicht Stellen auf Vorrat. Wir werden dann sehen, wo es noch mehr braucht. Schon in der Projektphase haben wir gesagt: Wir wollen nicht einen riesigen Verwaltungskopf.

Was hat sich für die Gemeindemitglieder mit dem Jahreswechsel geändert?

Wer auf der Homepage Angebote sucht, muss sich erst wieder neu zurechtfinden, aber wer am Sonntag in die Dorfkirche geht, trifft dort immer noch dieselben Leute. Ein Ziel war auch, keinen abrupten Wechsel zu vollziehen. Änderungen sollen von der Basis kommen. Keiner soll sich gezwungen fühlen, vielmehr darf man neugierig werden und das wollen wir durchaus aktiv ­fördern.

Interview: Thomas Stöckli