Bezirk Affoltern
16.05.2022

«Der Wert der regionalhistorischen Sammlung darf nicht unterschätzt werden»

Bilanz nach einer intensiven Arbeitswoche: Die Masterstudentinnen und -studenten der Fachhochschule Graubünden mit dem Team der Regionalbibliothek Affoltern dicht gedrängt nach der Präsentation und Diskussion der Ergebnisse. (Bild bs)

Bilanz nach einer intensiven Arbeitswoche: Die Masterstudentinnen und -studenten der Fachhochschule Graubünden mit dem Team der Regionalbibliothek Affoltern dicht gedrängt nach der Präsentation und Diskussion der Ergebnisse. (Bild bs)

Welches Potenzial haben die Regionalbibliothek, ihre regionalhistorische Sammlung und das Ortsmuseum Affoltern? In einer Projektwoche vor Ort untersuchte eine Masterstudiengruppe des Lehrgangs «Information Science» der Fachhochschule Graubünden Realität und Visionen.

Von: von Bernhard Schneider

«In einer modernen Bibliothek steht der Mensch im Zentrum – die Bibliothek wird so zum Kulturzentrum», leiteten die Studierenden am Freitag ihre Präsentation ein. Sie zeigten das Beispiel einer dänischen Bibliothek, die in ­flexiblen, lichtdurchfluteten Räumen zu Aus- und Weiterbildungsveran­staltungen, zu Diskussionen im Café und zu kulturellen Anlässen einlädt. Provokativ fragte Jérôme Gander, der das Masterstudium neben seiner Arbeit als wissenschaftlicher Archivar des Staatsarchivs Luzern absolviert, mit Blick auf die ­engen räumlichen Verhältnisse und die kleinen Fenster in der Regionalbibliothek: «Ist dies ein Zivilschutzbunker oder eine Bibliothek?»

Ein unbekannter «Rohdiamant»

Studienleiter Ivo Macek erläuterte, die Studierenden hätten den Auftrag erhalten, Ideen, Konzepte und Visionen zu entwickeln, «sie sollen in ihren Überlegungen nicht von Budgetdiskussionen gebremst werden». Ein spezielles Augenmerk richteten sie dabei auf die regionalgeschichtliche Sammlung und auf das Ortsmuseum Affoltern.

Das Fazit: Die regionalgeschichtliche Sammlung könnte eine identitätsstiftende Rolle einnehmen, sie sei ein «Rohdiamant», den kaum jemand ­kenne. Die Regionalbibliothek biete zwar viel, doch auf der Website der Stadt Affoltern finde sich kein Link darauf, Kultur sei «irgendwo versteckt», die organisatorische Angliederung unklar.

«Uns ist bewusst, was Sie kritisieren»

Auf die Frage nach dem Kontakt mit der Stadtverwaltung stellte sich heraus, dass diese an der Präsentation nicht vertreten war, wohl aber Sozialvorstand Martin Gallusser, der auf die Standortevaluation für ein neues Ortsmuseum hinwies: «Uns ist vieles bewusst, was Sie kritisieren. Mit dem vorgesehenen Neubau des Ortsmuseums geht der Stadtrat bereits in diese Richtung.» Als neuen Standort schlage das Grobkonzept das alte ­Gefängnis vor. Dieses Projekt soll so ­vorangetrieben werden, dass die Stimmberechtigten 2025 darüber entscheiden können. Affoltern solle sich nicht zur Schlafstadt entwickeln – die Voraus­setzung dafür sei die Unterstützung in der Bevölkerung.

Bibliotheksleiterin Ulla Schiesser betrachtete die Kritik, die nach einer Woche intensiver Zusammenarbeit ­formuliert worden ist, als sehr konstruktiv: «Wir können vieles aufnehmen. Die Sichtbarkeit und die Vermittlung unseres Angebots an die Bevölkerung sind wichtige Themen.» Für 2028 sei der Umzug der Bibliothek in die geplante ­Erweiterung des Stadthauses geplant, doch bis dann wolle sie mit Optimierungsmassnahmen nicht warten, sondern die Inputs aus dem Projekt rasch aufnehmen.

Professionalisierung von Sammlung und Museum

Die regionalgeschichtliche Sammlung werde auch am vorgesehenen neuen Standort nicht im Ortsmuseum Platz finden, stellten die Studierenden fest. Sie empfahlen erstens, die Sammlung in der Regionalbibliothek zu belassen. Zweitens stellten sie fest, dass nicht nur für die Pflege, sondern auch für die ­Digitalisierung und die Kommunikation in der Öffentlichkeit Mittel erforderlich seien. Heute steht ein 10-Prozent-Pensum für die Pflege der Sammlung zur Verfügung, was mehr als knapp bemessen sei. An Digitalisierung sei in diesem Rahmen nicht zu denken. Zudem wäre es wichtig, dieses Angebot der Bevölkerung bekannt zu machen und auch Kapazitäten zur Verfügung zu stellen, um die Nutzung der Sammlung zu betreuen.

Die Bedeutung der Sammlung sei dabei unbestritten: «Ihr Wert darf nicht unterschätzt werden! Die Sammlung ist eine aktuelle, gut erschlossene Dokumentation der ganzen Region. Solche Dokumentationen werden immer seltener. Die Politik muss sich im Klaren sein, wie wichtig eine derartige Sammlung neben den Gemeindearchiven für das Selbstbewusstsein der Stadt Affoltern und der Region Knonauer Amt ist.»

Eine Verschiebung ins Ortsmuseum wäre gemäss den Resultaten der Projektwoche nicht nur aus räumlichen Gründen problematisch: «Das Ortsmuseum wird zumindest heute ehrenamtlich geführt. Man kann nicht einfach professionelle Arbeit in den ehrenamtlichen Bereich verschieben.» Hinzu kommt, wie Museumsleiterin Ursula Grob festhielt: «Hansruedi Huber und ich betreuen heute das Museum. Was geschieht, wenn wir uns von dieser Arbeit zurückziehen? Eine Professionalisierung auch des Museums ist zwingend.»

Die Bibliotheksbeauftragte des Kantons Zürich, Ulrike Allmann, war bei der Präsentation dabei und unterstützte den Befund der Studierenden: «Dies alles ist nicht im Rahmen des Stellenplans der Bibliothek zu leisten. Es braucht mehr Kapazitäten und den politischen Willen, um diese zu schaffen.»