Bezirk Affoltern
30.10.2012

Einer, der gegen den Strom schreibt

Roger Köppel im Saal des Landgasthofs Krone in Hedingen (Mitte) mit den Organisatoren Toni Bortoluzzi (l.) und Martin Haab. (Bild Werner Schneiter)

Roger Köppel im Saal des Landgasthofs Krone in Hedingen (Mitte) mit den Organisatoren Toni Bortoluzzi (l.) und Martin Haab. (Bild Werner Schneiter)

Meinungsvielfalt statt -einfalt, die wesentlichen Probleme erkennen und diese präzise benennen: Das sind für Roger Köppel, Verleger und Chefredaktor der «Weltwoche», grundlegende Punkte im Journalismus.

von werner schneiter

«Bürger fragen – Politiker antworten»: So lautet eine Veranstaltungsreihe der SVP des Bezirks Affoltern. Am Donnerstag kam Roger Köppel in die Hedinger «Krone» und brachte den gegen 100 Interessierten «Die Rolle der Medien in der Demokratie» näher – mit pointierten und witzigen Statements, die natürlich auch Kritik am Journalismus einbezogen. Der 47-Jährige verfügt in seinem Metier bereits über einen reichen Erfahrungsschatz und über Meriten, die er sich auch im Ausland, zum Beispiel als Chefredaktor der «Welt» in Deutschland, erworben hat.

Seine journalistische Laufbahn begann Roger Köppel 1987 bei der NZZ, wo er beim damaligen stellvertretenden Chefredaktor Alfred Cattani zwei wichtige Punkte auf den Weg bekam: die Bedeutung der Meinungsvielfalt in einer Demokratie und das Erkennen von wesentlichen Problemen. Seit 2006 ist er Verleger und Chefredaktor der «Weltwoche», die per Eigendefinition «gegen den Mainstream schwimmt» und sich gegen die «Meinungseinfalt» stemmt. Laut Köppel ist diese latent vorhanden; sie habe in den 80er-Jahren beim Hype ums Waldsterben einen ersten Höhepunkt erreicht. Einfalt ist für ihn dann vorhanden, wenn alle das Gleiche schreiben, also keiner gegen den Strom schwimmt – wie das unter anderem auch bei der Gentechnologie, der Atomkraft oder bei der Frage über den EU-Beitritt der Fall sei. Der «Weltwoche»-Chef nannte ein paar Beispiele, auch zum Schengen-Beitritt, der – so die Journaille unisono – «zu mehr Sicherheit führt». Da habe ihm der Scotland-Yard-Chef gesagt: «Schengen ist der absolute Wahnsinn.» Als einziges Medium habe die «Weltwoche» nach dem Super-GAU in Fukushima geschrieben, die Schweiz sei nicht Japan, worauf die Schweizer Medien von einem «intellektuellen Skandal» sprachen.

Nicht über Blocher schreiben, weil er recht hat...

 

Laut Köppel haben viele Journalisten ihren Fokus nicht auf die Sache gerichtet, sondern darauf, wer über diese Sache spricht. «Ich kann nicht über Blocher schreiben, er hat ja recht» – ein Satz, den man Köppel mehrmals entgegenhielt. «Etwas Positives über die SVP schreiben, auch wenn es etwas Positives zu berichten gibt – in Journalistenzirkeln oft unmöglich». Als die «Weltwoche» seinerzeit Ueli Maurer als Staatsmann gelobt habe, weil sich dieser gegen eine vom Staat subventionierte Swissair ausgesprochen hat, gabs Prügel von Verleger Michael Ringier. «Ein Journalist, der Maurer als Staatsmann bezeichnet, müsse intellektuell noch zulegen», hat er ihn getadelt.

Wenn alle das Gleiche schreiben, wenn alle gegen die SVP anschreiben, dann müsse man Gegensteuer geben, um den Blick zu öffnen. Es erfordere natürlich Mut, zu widersprechen. Und es sei unbequem, eine Mehrheitsmeinung zu hinterfragen und herauszufordern, sagte Köppel. Medien haben für ihn auch eine Winkelriedfunktion. Für ihn sind Journalisten, die zusammen studiert haben, zu oft harmoniesüchtig und zu staatsgläubig. Sie verfemen jene in ihrer Gilde, die sich dem widersetzen und abweichende Meinungen verbreiten. Aber das sei gerade bei so wichtigen Themen wie Bankgeheimnis, Atomausstieg, EU-Frage von grosser Bedeutung.

Das Schweizer Fernsehen, sagte Köppel in der nachfolgenden Fragerunde, bremse wichtige Strömungen aus, wolle bestimmte Auseinandersetzungen nicht, sondern setze unter Generaldirektor Roger de Weck auf «konstruktive Gespräche». Das sei gefährlich. Aber das zwangsfinanzierte Fernsehen könne sich eben mehr erlauben als ein privates Medienunternehmen. «Mitte-Links» spüre man bei der SRG 1:1. «Beim Tages-Anzeiger hat mich der damalige Chefredaktor de Weck seinerzeit eingestellt, weil er den ‹68er-Mief› aus der Redaktion verbannen wollte. Heute ist er selber wieder dort angekommen», scherzte Köppel. Andere Medien, fügte er bei, wollen und können bei bestimmten Themen – wie etwa beim Asylwesen – das Feld inzwischen nicht allein der «Weltwoche» überlassen und berichten ebenfalls kritisch.

Interessen der Schweiz als Massstab

 

Ein weiterer wichtiger Punkt im Journalismus ist für Köppel das Erkennen der Probleme. Jedes Medium habe hier natürlich andere Massstäbe und Grundeinstellungen. Journalisten sind für den «Weltwoche»-Chef wie Ärzte: Sie müssen eine Diagnose stellen, auf das Problem aufmerksam machen. Sein übergeordnetes Credo, sein persönlicher Massstab: die Interessen der Schweiz, die es zu loben und zu kritisieren gibt – dies in einem Land, das ohne Bodenschätze auskommen muss, sich aber mit Fleiss und unternehmerischen Leistungen grossen Wohlstand erarbeitet hat. In einem Land, das freiheitsorientiert ist, das sich keinen teuren Staat leistet und dessen Bürger ein misstrauisches Verhältnis zu diesem haben. Dieser Bürger habe die Einsicht, dass es den Staat braucht, er wolle aber einen Milizstaat, der nicht überborde, und keine abgehobene Profi-Kaste, die uns regiere – ein Staat, in welchem der Bürger die Gesetze mache und sein Einfluss auf den Staatsapparat möglichst gross sein müsse. «Wo der Staat überspannt, da gibt Probleme. Den Wohlstand haben wir uns dank Eigenverantwortung erarbeitet», so Köppel, der sich diesen Werten verpflichtet fühlt, sie aber auch in Gefahr sieht.