Sport
16.07.2020

Auf dem Sprung an die Spitze

Der Eiskunstlauf ist eine von Emily Steinhauers Leidenschaften. An Wettkämpfen präsentiert sie jeweils zwei Programme; ein kürzeres und ein längeres. (Bild zvg.)

Der Eiskunstlauf ist eine von Emily Steinhauers Leidenschaften. An Wettkämpfen präsentiert sie jeweils zwei Programme; ein kürzeres und ein längeres. (Bild zvg.)

Emily Steinhauer will Profi-sportlerin werden. Auf ihrem weg dorthin ist die Elfjährige auf Unterstützung angewiesen: Dabei leisten nicht nur die Eltern einen grossen Beitrag: Auch die Haltung der Schule kann für den sportlichen Erfolg von jungen Talenten mitentscheidend sein.

Von: Livia Häberling

Zum Feiern passt es mittwochs schlecht. Sowie montags oder donnerstags, freitags oder samstags. Es sind einige Kindergeburtstage, die bisher ohne Emily Steinhauer stattfinden mussten. Vier- bis fünfmal pro Woche trainiert die Elfjährige im Sportzentrum Heuried. Eiskunstlauf. «Das Training ist mir wichtig», sagt Emily, nur ungern lässt sie es ausfallen. Vor Augen hat sie ihr ganz persönliches Ziel: Die Teilnahme an den Schweizer Meisterschaften im Februar 2021. Und ein Platz unter den ersten Zehn.

Schweizer Meisterin im Eiskunstlauf war nämlich auch Romy Bühler. Emily, knapp siebenjährig, sah ihre Tante über das Eis wirbeln, war begeistert – wollte auch. Auch mit einer Leichtigkeit Pirouetten drehen, auch schöne Kostüme tragen. Inzwischen hat Emily den Silbertest absolviert und startet in der Kategorie Mini Mädchen. Um dort zu den Besten zu gehören, trainiert sie hart: Ballet- und Kraftübungen gehören genauso zum Repertoire wie Sprungtraining und allgemeine Lektionen auf dem Eis. Mehrere Einheiten stehen jede Woche auf dem Programm, hinzu kommen Wettkämpfe, die meistens an den Wochenenden stattfinden.

Im Biken ist ein Podestplatz als Ziel

Dieser Ehrgeiz habe sich bei Emily schon früh abgezeichnet, sagt ihre Mutter ­Anica Steinhauer. Schon mit sieben Jahren habe sie auf Geburtstagseinladungen von anderen Kindern mit «nein, dann hab’ ich Eiskunstlauf!» geantwortet, wenn das Fest auf einen Trainingstag fiel. Sie selbst habe die Entscheidungen ihrer Tochter akzeptiert und mitgetragen, auch wenn sie sagt, als Mutter habe sie manchmal den Impuls gespürt, sich dafür zu rechtfertigen, dass ihr Kind lieber Sport mache, statt mitzufeiern.

Emily ist aber nicht nur vom Eiskunstlauf begeistert. Auch das Biken hat sie für sich entdeckt: Ihr Vater Kai Steinhauer wurde zwei Mal Schweizer Meister – 1996 bei den Junioren und 1999 in der Kategorie U23. An den Weltmeisterschaften 1995 fuhr er auf den siebten Rang. Wie er fährt Emily für den RRC Amt, ist zwei bis drei Mal pro Woche auf dem Bike unterwegs. Ihr diesjähriges Ziel: in der Gesamtwertung auf dem Podest stehen.

Menüplanung und Fahrdienste: viel Organisation für die Eltern

Emily träumt davon, den Sprung zum Profi zu schaffen. Ob im Biken oder Eiskunstlauf? Beides könnte sie sich vorstellen, obwohl das im Bike-Sport wohl etwas realistischer sei, wie sie sagt. Die Steinhauers unterstützen ihre Tochter. Als Eltern hätten sie Emily stets ermutigt, ein Hobby auszuüben, das ihr ­wirklich Freude bereite, sagt Anica Steinhauer. Derzeit gelinge es noch relativ gut, die beiden Leidenschaften von Emily organisatorisch aneinander vorbeizubringen. Dies, weil die Eislauf­saison von August bis März dauert, während die Bike-Rennen von März bis September stattfinden. Dennoch sei bereits heute einiges an «Management» nötig, erzählt Anica Steinhauer: Wann reicht es Emily zeitlich für ein Mittagessen zu Hause, wann nicht? An welchen Tagen muss vorgekocht werden? Wann muss sie in welchem Training sein, an welchem Wettkampf? Auch finanziell sind Aufwände nötig, besonders im Eiskunstlauf: Neben dem Jahresbeitrag für die Eishalle müssen auch der Choreograf, der Ballet-, Sprung- und Krafttrainer bezahlt werden. Hinzu kommen die Kostüme, die Schlittschuhe.

Ebenfalls zur Organisation gehört die Planung der Saison: Sobald die Wettkampfdaten der Eiskunstlauf-Turniere bekannt sind, stellt Familie Steinhauer ein Gesuch an die Schulpflege, damit Emily an den entsprechenden Tagen vom Unterricht dispensiert wird. Auch die Trainings fallen teilweise in die Lektionen; die Fächer Sport und Zeichnen besucht Emily nicht mehr, ebenso wie seit Kurzem die Handarbeit.

Grosser Ehrgeiz, der manchmal zu Tränen führt

Den verpassten Schulstoff arbeitet Emily vor und nach den Wettkämpfen selbstständig auf, manchmal lernt sie unterwegs im Auto. Das habe bisher bestens funktioniert, sagt Anica Steinhauer – nicht zuletzt wegen der Klassenlehrerin Esther Coradi. Sie ist im vergangenen Schuljahr für mehrere Monate als Mutterschaftsvertretung eingesprungen. Coradi sagt, der persönliche Draht zu ihren Schülerinnen und Schülern sei ihr als Lehrperson besonders wichtig: «Eine gute Beziehung sehe ich als Grundlage, damit die Kinder überhaupt lernen ­können.»

Zwischen Emily und Esther Coradi hat es sofort harmoniert. Die Schülerin war es, die sich per E-Mail an den ­«Anzeiger» wandte, um ihrer Lehrerin zum Abschied einen Dank zu widmen. Dies, weil sie bei Esther Coradi so gerne zur Schule gegangen sei. Auch Anica Steinhauer hatte den Eindruck, dass ihre Tochter unterstützt wird: Sie sei gut gelaunt von der Schule gekommen, habe den Schulstoff selbstständig aufgearbeitet. Ausserdem habe sie noch eine weitere Veränderung festgestellt: «Emily ist im vergangenen Schuljahr ruhiger geworden», sagt sie. Ihre Tochter stelle derart hohe Ansprüche an sich selbst, dass dieser Ehrgeiz in der Vergangenheit schon zur einen oder anderen Enttäuschung geführt habe – zum Beispiel, wenn als Prüfungsnote mal «nur eine Fünf» herausgekommen sei.

Auch im Januar 2020, an den letzten Schweizer Meisterschaften im Eiskunstlauf, habe sich dieser Ehrgeiz gezeigt. 40 Läuferinnen hatten sich für die Endrunde qualifiziert, darunter auch Emily. Dann, zehn Tage vor dem Start, wurde sie krank. Als «riesiges Drama» beschreibt Anica Steinhauer die Zeit, in der Emily nicht sicher war, ob sie würde starten können. Nachdem der Kinderarzt sein «OK» gegeben hatte, durfte sie zum Wettkampf antreten. Im Schlussklassement belegte sie den 20. Rang – und war nicht ganz zu­frieden.

Sport als Lebensschule

«Emily ist eher eine, die man ab und zu ein bisschen bremsen muss», sagt auch Esther Coradi. Sie erfülle die Voraussetzungen für den Leistungssport, mit ihrer Disziplin und ihrem Ehrgeiz, aber auch mit ihrer inneren Ruhe. Für sie sei es selbstverständlich, den Traum ihrer Schülerin zu unterstützen: «Sport ist für mich eine Lebensschule, die über den Lehrplan hinausgeht», sagt sie. Ihren Teil erachtet die Lehrerin als den kleinsten im gesamten Gefüge; die Prüfungen auf Tage anzusetzen, an denen Emily im Unterricht ist, oder sie mit den Unterrichtsmaterialien für das Selbststudium auszustatten – das habe sie gerne gemacht. Solange die schulischen Leistungen nicht unter den Hobbys leiden würden, sei sie als Lehrperson gerne bereit, entgegenzukommen. Diese Handhabung, so habe sie den Eindruck gehabt, sei auch im Sinne der Primarschule ­Ottenbach.

Nach den Sommerferien wird Emily die sechste Klasse besuchen. Nicht mehr bei Esther Coradi, sondern bei ihrer ursprünglichen Klassenlehrerin. Zuvor jedoch startet für sie dieses Wochenende die Bike-Saison. Und damit die erste Etappe auf dem Weg aufs ersehnte Podest.