Bezirk Affoltern
13.02.2017

«Die ganze Zeit war ein Highlight für mich»

Simon Billeter stieg am Sonntag zum letzten Mal für die Patrouille Suisse ins Cockpit. (Bilder Andrea Bolliger)Die Patrouille Suisse aus Sicht der Swiss-Maschine über den Bündner Bergen. (Bild: SWISS)Das «Grande» der Patrouille Suisse anlässlich einer Vorführung in Brunnen SZ.Simon Billeter bei der Rückkehr von einem Auftritt am Samstagmittag.

Simon Billeter stieg am Sonntag zum letzten Mal für die Patrouille Suisse ins Cockpit. (Bilder Andrea Bolliger)

Die Patrouille Suisse aus Sicht der Swiss-Maschine über den Bündner Bergen. (Bild: SWISS)

Das «Grande» der Patrouille Suisse anlässlich einer Vorführung in Brunnen SZ.

Simon Billeter bei der Rückkehr von einem Auftritt am Samstagmittag.

Fliegen hat Simon Billeter schon immer fasziniert und dass er im Militär Jets fliegen durfte, war die Erfüllung seines Traums. Diesen gibt er auch nach seinem Rücktritt aus der Patrouille Suisse und der F/A-18 Staffel nicht ganz auf.

«Anzeiger»: Sie blicken auf eine zwanzigjährige Karriere als Jet-Militärpilot zurück, elf Jahre davon bei der Patrouille Suisse – welches war Ihr schönstes Erlebnis?

Simon Billeter: All die Jahrewaren gespickt mit schönen Erlebnissen, Begegnungen und Flügen. Die ganze Zeit, in der ich den Beruf ausüben und bei der Patrouille Suisse mitfliegen durfte, war ein Highlight für mich.

War es auch die aufregendste Zeit Ihres Lebens?

Ich denke schon. Seit der Ausbildung, in der jeder einzelne Ausbildungsflug fast ein Selektionsschritt war und auch danach bei der Patrouille Suisse – es war immeretwas los.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie in die Patrouille Suisse aufgenommen wurden?

Für die Mitgliedschaft bei der Patrouille Suisse kann man sich nicht bewerben. Kein Vorgesetzter kann einen dafür empfehlen, sondern wenn einer das Team verlässt, wählen die Verbleibenden einen Neuen. Der Auserwählte wird dann angerufen und gefragt, ob er überhaupt mitmachen will. Ich fiel aus allen Wolken, weil ich nie damitgerechnet hatte, dass ich bei derPatrouille Suisse mitfliegen dürfte. Dementsprechend war ich baff.

Der Entscheid über die Aufnahme wird den Piloten jeweils auf eine ganz spezielle Art mitgeteilt, wie erfuhren Sie von Ihrer Aufnahme?

Normalerweise ist es so, dass man die Neuen auf eine spezielle Art begrüsst. Aber bei mir war es ein Telefon des damaligen Leaders.

War es die Erfüllung Ihres Bubentraums?

Für mich war es ein Bubentraum, im Militär Jets zu fliegen. Klar schaut man sich die Patrouille Suisse immer bewundernd an, aber es war nicht ein Traum von mir, auch weil ich wusste, dass man sich dafür nicht bewerben kann, sondern dazu einberufen wird.

Können Sie etwas darüber erzählen, wie sich die ersten Flüge bei der Patrouille Suisse angefühlt haben?

Wenn man als junger Pilot in der Patrouille Suisse mitfliegt, ist es harte Knochenarbeit. Wir haben keinen Autopilot und kein Radar die uns während des Fluges unterstützen, sondern alles ist Hand-arbeit. Man hält seine Position in der Formation nach optischen Merkpunkten und ist die ganze Zeit mit dem Steuerknüppel und Leistungshebel beschäftigt, die Position zu halten.

Während der rund 20-minütigen Vorführung ist man zu hundert Prozent aufs Fliegen konzentriert. Die Flüge sind anstrengend, danach ist man erschöpft und müde. Es ist ein bisschen wie in einer Theatervorführung, wenn der Vorhang aufgeht und man weiss, dass man nicht noch einmal von vorne beginnen kann, wenn etwas misslingt. Da hat man auch Lampenfieber. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber daran.

«Uns erkennt man nur, wenn wir das Fliegerkombi tragen.»

 

Sie reisten mit der Patrouille Suisse auch oft ins Ausland, wo gefiel es Ihnen am besten?

Mir gefiel es im Süden in Spanien und Italien, aber auch im Norden gut. Im Sommer 2012 haben wir eine Nordic Tour gemacht, auf der wir an drei aufeinanderfolgenden Wochenenden an Flugshows in Dänemark, Norwegen und Finnland auftraten. Das war ein grosser logistischer Aufwand für die Bodencrew, die das ganze Ersatzmaterial in Lastwagen transportierte. Eine Herausforderung war die Flugplanung, weil wir ja zwischendurch nicht in die Schweiz zurückkamen.

Als Pilot der Patrouille Suisse steht man in der Öffentlichkeit. Gab es eigentlich niemals Anfragen von Medien für Homestorys?

Doch die gab es. Es ist jedem selber überlassen, ob er das machen möchte. Mir ist das Private sehr wichtig, deshalb wollte ich nie eine solche Homestory machen.

Wurden Sie auf der Strasse erkannt und auf Ihren Beruf angesprochen?

Uns erkennt man eigentlich nur dann, wenn wir das Fliegerkombi tragen. Das ist auch das Schöne, dass wir als normale Menschen herumlaufen können, ohne gleicherkannt zu werden. Einige Male wurde ich aber doch auch in Zivil angesprochen und gefragt, ob ich nicht in der Patrouille Suisse fliege. Aber das kam eher selten vor.

Gab es auch aufdringliche Fans, die an der Haustür geklingelt haben?

Nein, das ist nie vorgekommen. Es gab aber immer wieder schöne Briefe von Fans, die Freude an der Fliegerei haben und diese so zum Ausdruck brachten.

Sind Sie lieber eine Vorführung in den Schweizer Bergen oder über dem Flachland geflogen?

Die Flüge über den Bergen waren für mich spezieller. Einerseits ist es anspruchsvoller, weil man dasProgramm an die Topografie anpassen muss, andererseits kann man es aber spektakulär ins Gelände legen.

Der Beruf eines Jet-Piloten ist auch körperlich sehr anstrengend. Wie hielten Sie sich fit und worauf kommt es an?

Jeder muss für sich selber Sport treiben. Vor allem die Stärkung von Rücken, Halswirbelsäule und Nacken sind für uns Jet-Piloten wichtig. Wenn man im Luftkampf bei 7G, dem siebenfachen des eigenen Körpergewichtes, den Kopf oben halten muss, wirken enorme Kräfte auf den Rücken und die Wirbel-säule.

Als sich bei einem Trainingsflug zur Flugshow im holländischen Leeuwarden zwei Jets in der Luft berührten, war dies ein grosser Schock für die Fans und Daheimgebliebenen. War es auch Ihr schlimmster Moment?

Es war auch für mich ein Schreckmoment. Ich bin froh und glücklich, dass am Boden oder in der Luft nichts Schlimmeres passiert ist.

Sie haben den Piloten, dessen Jet beschädigt war, bis zur Landung begleitet. Wurde Ihnen da die besondere Verantwortung, die Sie als Leader getragen haben, noch bewusster?

Ja, als Leader ist man für den ganzen fliegerischen Teil verantwortlich. Die anderen vertrauen einem während der 20-minütigen Vorführung blind. Aber auch innerhalb des Verbandes haben die Piloten einander gegenüber eine grosse Verantwortung. Schliesslich hat jeder andere Flugzeuge um sich herum. Das gegenseitige Vertrauen muss bei allen vorhanden sein.

«Die Fliegerei ist nach wie vor faszinierend und spannend.»

Kurz nach dem Ereignis tauchten die ersten Meldungen im Internet auf. Wie erfuhr Ihre Familie davon?

Wir waren nach dem Ereignis noch rund 20 Minuten in der Luft und damit beschäftigt, den beschädigten Flieger sicher auf den Boden zu bringen. Noch bevor wir allesicher gelandet waren, wurde darüber im Internet berichtet. Meine Familie erfuhr es auch auf diesem Weg, noch bevor ich anrufen konnte. Aber wir versuchen bei solchen Ereignissen immer, unsere nächsten Angehörigen so schnell wie möglich zu informieren, dass es uns gut geht.

Sie haben sich bereits einige Zeit vorher entschieden die Patrouille Suisse und die Berufsfliegerstaffel 11 zu verlassen. Warum?

Das ist altersbedingt. Ich durfte lange Zeit in der Patrouille Suisse fliegen und irgendeinmal ist fertig. Als Militärpilot fliegt man aktiv in einer Berufsfliegerstaffel bis man zirka 42 Jahre alt ist und übernimmt danach vermehrt andere Aufgaben, zum Beispiel im Büro. Für mich war dies mit ein Grund für die berufliche Neuausrichtung.

Anfang Jahr haben Sie eine neue Tätigkeit beim Lufttransportdienst des Bundes angetreten. Welche Aufgabe übernehmen Sie dort?

Ich fliege das zweimotorige Propellerflugzeug Beech 1900 D für die Luftwaffe. Wir fliegen Personal des Bundes, zum Beispiel die Bodencrew der Patrouille Suisse zu ihren Einsätzen im Ausland oder transportieren Ersatzteile. Es sind eher kleinere Einsätze. Wir bringen die Leute hin, fliegen anschliessend wieder nach Hause und holen sie nach dem Einsatz wieder ab.

Fliegen Sie auch Bundesräte?

Nein, die Dassault Falcon 900 mit der die Bundesräte reisen, ist in Bern stationiert. Ich bin in Dübendorf eingeteilt.

Dann darf sich Ihre Familie nun auf mehr gemeinsame Wochenenden freuen?

Wir fliegen primär unter der Woche. Ich werde bestimmt nicht mehr so oft am Wochenende weg sein wie während der Zeit in der Patrouille Suisse.

Sitzen Sie im neuen Job noch gleich häufig im Cockpit wie bei der Berufs-fliegerstaffel 11?

Das kommt auf die Nachfrage an. Neben der Beech 1900D im Lufttransportdienst fliege ich weiterhin den Tiger. Ich bin in der Miliz-Fliegerstaffel 8 eingeteilt. Wir sind Trainingspartner für die F/A 18 und machen Gegnerdarstellungen. Auf dem Tiger werde ich auch als Fluglehrer eingesetzt, wenn es Umschulungen auf diesen Flugzeugtyp gibt. Man ist ohnehin nicht die ganze Zeit in der Luft, sondern hat auch Administratives zu erledigen.

Gab oder gibt es noch eine Übergabe an den neuen Leader Gunnar Jansen?

Ich habe ihm die Tricks und Finessen darüber, wie man als Leader vorausfliegt, bereits weitergegeben. Dann fliegen wir in sogenannten Übergabeflügen das Programm gemeinsam im Doppelsitzer ab, damit er vom Flieger aus sieht, welche Werte es zum Beispiel für einen Looping braucht oder wo man als Leader hinschauen muss, damit das Programm vor den Leuten gut aussieht. Auf meinen Nachfolger kommt viel Neues zu.

Was geben Sie ihm mit auf den Weg?

Er soll das Team so führen, wie es ihm entspricht und dafür sorgen, dass das gegenseitige Vertrauen vorhanden ist. Er soll Gutes von seinen Vorgängern übernehmen, aber auch neue Ideen einbringen. Aus fliegerischer Sicht empfehle ich ihm, weil es viele Wechsel im Team gibt, ein einfacheres Programm zu machen. Denn dieses hängt immer auch von der Erfahrung der einzelnen Teammitglieder ab.

Berufs-Militärpilot ist immer noch ein Buben- mittlerweile auch ein Mädchentraum. Wem können Sie diesen Beruf empfehlen?

Ganz allgemein kann ich einen Beruf in der Fliegerei allen empfehlen. Die Fliegerei ist nach wie vor faszinierend und spannend. Man hat mit Technik und den unterschiedlichen Wetterlagen zu tun, ist nicht immer am gleichen Ort und kommt mit verschiedenen Menschen in Kontakt. Kein Tag ist gleich wie der andere. Jugendliche, die sich für eine Karriere in derAviatik interessieren, finden unter www.sphair.ch Informationen und können sich dort melden.

Das Auswahlverfahren für Luftwaffenpiloten ist streng und die Anforderungen sind hoch. Was raten Sie jungen Leuten, wie sie sich vorbereiten sollen?

Auf der Sphair-Plattform gibt es Vorbereitungen und Tests, so dass Jugendliche dort schnuppern und testen können, ob ihnen das Metier grundsätzlich liegt. Ich rate jedem, es zu versuchen, auch wenn sie vielleicht denken, es sei nicht zu schaffen. Probieren, das Beste geben, natürlich bleiben und nichts vorspielen wollen. Das Ziel, das man erreichen will, sollte man immer vor Augen haben. Die Motivation ist wichtig, denn es müssen viele Selektionsschritte durchlaufen werden.

«Das Ziel, das man erreichen will, sollte man immer vor Augen haben.»

Woran werden Sie sich immer gerne zurückerinnern, wenn Sie an ihre Karriere als Jet-Pilot zurückdenken?

An die schönen Flüge mit den Kollegen, an die speziellen Erlebnisse die wir miteinander teilen konnten, wenn wir schwierige und anspruchsvolle Missionen so gemeistert haben, wie wir es in der Ausbildung gelernt hatten. Vor allem aber an den Teamgeist sowohl in der Berufsfliegerstaffel wie auch in der Patrouille Suisse.

Ihr neuer Arbeitsort liegt in Dübendorf, bleiben Sie trotzdem hier zu Hause?

Ja, ich werde weiterhin im Säuliamt wohnen.

Ihre aviatische Karriere begann doch mit dem Modellflug – trifft man Sie auch an den Hausemer Modellflugtagen?

Fliegen hat mich immer fasziniert. Ich fing mit Modellflug an und war eine Zeit lang Mitglied der Modellfluggruppe Affoltern. In den letzten zwei Jahren haben wir die Modellflugtage in Hausen besucht. Die Kinder haben sich die Modellflugzeuge immer gerne angeschaut und es ist auch ganz schön auf dem Flugplatz Hausen.

Dann brauchen Sie wohl auch einmal einen Modellbaukeller?

Ja, irgendwann vermutlich schon (lacht).

Werden Sie künftig mit Ihrer Familie an Vorführungen der Patrouille Suisse anzutreffen sein?

Meine Kinder sind begeistert von der Fliegerei – sie sind durch mich ja auch ein wenig reingerutscht. Ich denke, wir werden auch mit der ganzen Familie ab und zu Flugveranstaltungen besuchen.

Interview: Andrea Bolliger

Die Patrouille Suisse zusammen mit dem Airbus A321 der Swiss Januar 2016
am Lauberhorn