Bewegender Austausch mit einem Holocaust-Zeitzeugen
Markus Blechner schilderte an der Sekundarschule Mettmenstetten die Geschichte seiner Familie
«Es ist nun das fünfte Jahr, in dem wir diese Veranstaltung machen, sie ist schon zu einer festen Tradition geworden bei uns an der Schule», erklärt Erika Bigler, Fachlehrerin an der Sekundarschule Mettmenstetten, bei der Begrüssung des Schreibenden im Singsaal der Schulanlage Wygarten. Eine fast schon körperlich spürbare Spannung liegt in der Luft an diesem sommerlich heissen Donnerstagvormittag vergangener Woche. Gleich wird ein nicht alltäglicher Referent im Singsaal eintreffen, jemand, dessen Familie die Schrecken des Holocaust am eigenen Leibe erfahren musste. Was bisher vor allem ein abstrakter, in seinen Ausmassen und seiner Tragik schwer fass- und begreifbarer Geschichtsstoff war, wird für die Schülerinnen und Schüler der dritten Sekundarschulklassen (A- und B/C-Klassen) in der nächsten Stunde ein konkretes Gesicht erhalten. Markus Blechner, ehemaliger polnischer Honorarkonsul für grosse Teile der Ostschweiz, wird über das bewegende Schicksal seiner jüdischen Familie im Dritten Reich berichten. Darunter ist auch eine Geschichte, die Parallelen aufweist zu jener des durch die Hollywood-Verfilmung «Schindlers Liste» ins kollektive Gedächtnis eingegangenen Industriellen Oskar Schindler.
Vom Aufwachsen in einer Schweiz: Trotz Schweizerdeutsch ein Fremder
Zehn Minuten später ist der Saal fast randvoll mit Schülerinnen und Schülern besetzt. Dennoch ist kaum eine Regung zu vernehmen, als Markus Blechner auf der Bühne zu seinen Ausführungen ansetzt. «Ich war das erste polnische Flüchtlingskind, das in der Schweiz geboren wurde», beginnt der Referent seine Geschichte. Er schildert das Wohnhaus an der Scheuchzerstrasse in Zürich, in dem er zu Hause war, die Schule, den Alltag. Sehr schnell aber merkt man, dass es sich um keine gewöhnliche Kindheit handelt. Es geht um das Aufwachsen in einem Umfeld, das ihn nur schwer akzeptieren wollte. «Ich sprach zwar Schweizerdeutsch, war aber trotzdem ein Fremder, ein Pole, und dazu noch ein Jude», bringt es der heute 85-Jährige auf den Punkt. Aus München waren seine Eltern in die Schweiz gekommen, beide hatten die polnische Staatsangehörigkeit, stammten jedoch ursprünglich aus Galizien, das bis 1918 österreichisch war. Markus Blechner berichtet davon, wie im Jahr 1938, drei Jahre vor seiner Geburt, alle jüdischen polnischen Staatsangehörigen in Deutschland verhaftet und nach Polen abgeschoben wurden, inklusive seiner Familie. Über eine Odyssee, die zwischenzeitlich auch wieder nach München geführt hatte, seien seine Eltern am 22. August 1939, acht Tage vor Kriegsausbruch, mit einem Linienflugzeug im schweizerischen Altenrhein gelandet. «Mit dem Zug wäre es zu gefährlich gewesen, aus Deutschland zu fliehen», so die Erklärung für die ungewöhnliche Reiseart.
Schicksal abhängig von Behörden ohne Interesse an Flüchtlingen
Im weiteren Verlauf des Vortrags ist von der schweizerischen Fremdenpolizei die Rede, von einer sogenannten «Toleranzbewilligung», von wiederholten Aufforderungen seitens der Behörden, das Land zu verlassen. «Die Situation war überhaupt nicht mit derjenigen der heutigen ukrainischen Flüchtlinge zu vergleichen, die den ‹Status S› innehaben», betont der Referent. Für Emigranten komme die Schweiz nur als Durchgangsland infrage, heisst es in einem Brief der eidgenössischen Fremdenpolizei vom September 1940, aus dem Markus Blechner vorliest. Trotz allem aber habe sein Vater den Krieg hier in der Schweiz überstanden und schliesslich im Jahr 1950 eine Niederlassungsbewilligung erhalten. «Schweizer hat er jedoch nicht werden wollen, denn er war böse auf die Schweiz», lässt der Zeitzeuge sein Publikum wissen. Mehrere Familienmitglieder des Vaters seien von Schweizer Behördenvertretern mit Gewalt in einen Zug zurück nach München gesetzt worden, für seinen Grossvater habe dies die tragische Konsequenz gehabt, dass er vom nationalsozialistischen Regime ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht und dort ermordet wurde.
Die wohl mutigste Aktion seines Lebens nahm sein Vater mit ins Grab
Es folgt die nur noch in Bruchstücken rekonstruierbare Geschichte von den gefälschten südamerikanischen Pässen, mit deren Hilfe vermutlich um die dreieinhalbtausend Menschen vor der Schoah gerettet werden konnten. «Ich hatte im Jahr 2015 gerade meine Familiengeschichte aufgearbeitet, als ich in Zürich einen orthodoxen jüdischen Mann traf», erinnert sich Markus Blechner. «Er fragte mich, ob ich von der Sache mit diesen Pässen wisse, was ich verneinte.» Nach intensiven Recherchen und einer Reise nach Jerusalem habe er dann immer mehr von der Sache in Erfahrung bringen können, nicht zuletzt auch, dass sein 1978 verstorbener Vater Jakob Blechner in die mutige Aktion involviert gewesen war. Das Engagement von Markus Blechner, zu dem der mit beträchtlichem Aufwand verbundene Ankauf der in Israel entdeckten Dokumente aus einem Privatarchiv gehörte, brachte ihm zwei Orden vom Präsidenten der Republik Polen und dem damaligen Kulturminister ein. Wie wir nachträglich vom Referenten erfahren, ist auch beim Staatsbesuch des heutigen polnischen Präsidenten in der Schweiz, der sich mit Markus Blechners Auftritt in Mettmenstetten zeitlich überschnitt, die Aktion mit den Pässen vom polnischen Gast würdigend thematisiert worden.
«Vieles geschieht heute auch aus Leichtsinn»
Der Vortrag Markus Blechners in Mettmenstetten wurde von zwei Fragerunden unterbrochen, die nach anfänglichem Zögern auch rege benutzt wurden. So wollte eine Schülerin vom Referenten wissen, was heutige junge Menschen aus der Geschichte seines Vaters lernen könnten. «Nicht immer alles akzeptieren, was von oben kommt, beispielsweise auch von der Regierung», lautete hier die Antwort. Man müsse lernen, selbst zu denken, und, wenn etwas nicht in Ordnung sei, dagegen aufzustehen. Eine andere Frage war, ob Markus Blechners Vater später über die Verfolgung gesprochen habe, der er und seine Familie ausgesetzt waren. «Nein, er wollte nicht darüber sprechen, um seine Kinder und Kindeskinder nicht zu belasten», erfuhren die Anwesenden. Dem Zeitzeugen wurde auch die Frage gestellt, was er meine, warum es immer noch Menschen gebe, die Hakenkreuze irgendwo reinritzten oder an Fassaden schmierten. «Es ist heute wieder so eine Stimmung, ausgelöst auch durch den Krieg in Gaza», konstatierte Blechner. Er glaube aber, dass vieles aus Leichtsinn und nicht aus wirklichem Judenhass geschehe, wenngleich er natürlich jedes Mal innerlich zusammenzucke, wenn er so etwas sehe.
Auch ein Betroffener denkt nicht immer so wie erwartet
Am Ende seines Referates stand der Zeitzeuge der Schülerschaft noch für persönliche Gespräche zur Verfügung, was eine grössere Gruppe von Schülerinnen nutzte, um noch weitere Fragen zu stellen oder sich auszutauschen. Als es um die Weltpolitik und die Mächtigen unserer Zeit ging, zeigte sich aber auch, dass die Meinung des Gastes nicht deckungsgleich mit den Erwartungen war, die aufgrund seiner Rolle von den Fragestellerinnen in ihn hineininterpretiert worden waren, was kurzzeitig für betretene Gesichter sorgte. Auch dieser Umstand könnte ein spannender Punkt in der weiteren Behandlung des Themas in der Schule sein, der von den Lehrkräften bestimmt noch aufgegriffen werden wird. Am Interesse seitens der Schülerschaft wird es sicher nicht fehlen: «Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust sind das Thema, das von der ersten Sekundarklasse an jeweils am meisten interessiert im Geschichtsunterricht», gibt Stefan Urecht, Klassenlehrer einer Mettmenstetter Sek-B-Klasse, am Rande des Vortrags zu Protokoll. Umgekehrt habe auch er es schon erlebt, dass in einem seiner Schreibtische ein Hakenkreuz eingeritzt war. «Wenn auch in manch einem Fall ‹nur› pubertierende Aufmüpfigkeit dahintersteckt, zeigt es doch, wie wichtig es ist, solche Veranstaltungen zu machen», so Urechts Fazit.





