Die Leidenschaft für das Velo mit der Kundschaft teilen

Benjamin De Sanctis erzählt von seiner Lehre als Fahrradmechaniker EFZ bei Fredy Rüegg Velo-Sport in Affoltern

Vor dem Hinterradmontieren wird noch aufgepumpt.

Vor dem Hinterradmontieren wird noch aufgepumpt.

Walo Rüegg mit seinem Lernenden Benjamin De Sanctis im Velogeschäft am Bahnhofplatz 8 in Affoltern. (Bilder cle)

Walo Rüegg mit seinem Lernenden Benjamin De Sanctis im Velogeschäft am Bahnhofplatz 8 in Affoltern. (Bilder cle)

Es sei für ihn schon ein Traumberuf, den er hier erlernen könne, sagt Benjamin De Sanctis, während er das Schutzblech eines der Ausstellungsmodelle poliert. Bei seinem Start in das Berufsleben hatte der 19-Jährige aber noch keine Ahnung, dass er am Ende im Fahrradgeschäft «Fredy Rüegg Velo-Sport AG» in Affoltern zum Fahrradmechaniker EFZ ausgebildet werden würde. Denn begonnen hatte er damals eine Lehre als Fachmann Gesundheit im Luzerner Kantonsspital. Diese Lehre brach der aus Cham stammende junge Mann jedoch nach einem halben Jahr ab. «Es ging mir alles ein wenig zu nahe, und mir wurde bewusst, dass das nicht das Richtige für mich ist», erzählt Benjamin. Er besuchte ein Zwischenprogramm, das im Kanton Zug für Jugendliche angeboten wird, die die Lehre abgebrochen haben oder die nach dem zehnten Schuljahr noch keine Lehrstelle gefunden haben. Diese Zeit hat Benjamin gut genutzt, um sich im Klaren zu werden, was er eigentlich für seine berufliche Zukunft wollte.

Wer die Wahl hat, hat die Qual

In seiner Heimat in Italien, wo Benjamin De Sanctis die ersten sechs Jahre seines Lebens verbrachte, würden die Leute nicht sonderlich viel Velo fahren, erzählt er und meint schmunzelnd: «Das macht auf dem Pflasterstein auch nicht so Spass.» Aber hier in der Schweiz entdeckte er seine Leidenschaft fürs Velofahren und vor allem zum Mountainbiken. Den Zuger Bike Trail fahre er am liebsten. Und so schraubte er schon als Sechsjähriger unter Anleitung des Vaters am eigenen Velo herum: «Damals habe ich jedoch mehr kaputt geflickt, als repariert.» Das ist jetzt anders, denn am 6. August 2024 konnte er im Velogeschäft von Walo Rüegg die Lehre als Fahrradmechaniker antreten. Heute im dritten Lehrjahr kennt er sich bestens aus im Reparieren von Velos, aber auch mit regulären Servicearbeiten, Kundenberatung, Verkauf, Garantiearbeiten, Fakturierung und diversen Akkordarbeiten, die sonst noch im Fahrradladen anfallen. «Als Benjamin hier angefangen hat, konnte er kaum einen Reifen auf die Felge aufziehen», erinnert sich Lernendenausbildner Walo Rüegg zurück. Jetzt gehe das innerhalb weniger Minuten. «Benjamin hat eine schöne Entwicklung durchgemacht, seit er bei uns im Geschäft die Lehre begonnen hat», so der Fahrradmechaniker-Meister. Aber auch das Interesse, das sein Lernender für die Materie hat, schätzt er sehr. Das und auch dass Benjamin vieles aus eigenem Antrieb mache und sein Kundenumgang, war es, womit er seinen heutigen Lehrmeister beim Schnuppern überzeugte. Benjamin hatte nach dem Schnuppern aber sogar die Auswahl zwischen zwei Betrieben.

Aus welchem Grund hat er sich dann schliesslich für Fredy Rüegg Velo- Sport in Affoltern entschieden? «Es gibt hier eine langjährige Tradition, man hat ein Auge für das Detail und legt grossen Wert auf Qualität», erklärt Benjamin. Das unterscheide den Betrieb auch von anderen Velogeschäften. Nicht überraschend, denn es handelt sich um einen Familienbetrieb in bereits zweiter Generation. 1969 begann Walo Rüeggs Vater Fredy mit Lötarbeiten, 1974 folgte die Gründung von Fredy Rüegg Velo-Sport, damals noch am einstigen Standort in Escholzmatt im Entlebuch bei Luzern. 1981 dann der Umzug nach Affoltern, um näher bei der Kundschaft zu sein. Seit 1998 werden im Velogeschäft Lernende zu Fahrradmechanikern ausgebildet und seither ist ein Lernender aus dem Betrieb nicht mehr wegzudenken.

Benjamins Arbeitsalltag als Lernender

Ein normaler Arbeitstag beginnt für Benjamin De Sanctis um halb acht Uhr. Es wird im Team besprochen, was es am Tag alles so zu tun gibt, und die Aufgaben werden zugeteilt. Auch etwas, was Benjamin an seinem Lehrbetrieb schätzt: «In anderen Betrieben sind die Arbeiten in einen Kalender eingetragen, den man am PC aufrufen kann, hier läuft das noch über eine persönliche Besprechung.» Das möge altmodisch erscheinen, aber so könne man viel besser aufeinander eingehen, findet der Lernende.

Das Geschäft öffnet um acht Uhr. Benjamin stellt ein Ausstellungsmodell draussen im Aussenbereich neben die Eingangstür. Dann wird bis zum Mittag durchgearbeitet. Benjamin repariert, montiert, baut zusammen, berät Kundschaft und hält Ordnung. Dabei ist er praktisch die ganze Zeit auf den Beinen, sodass er, wenn er in der Mittagspause endlich mal absitzen kann, dementsprechend froh ist. «Es ist ein ‹stehender› Beruf», so der 19-Jährige. Darum schätzt er den einen Tag, den er jeweils pro Woche in der Berufsschule verbringt. Und weil es eine Auflockerung sei. Doch es ist nicht so, dass er lieber die Schulbank drückt: «Ich finde es immer toll, wenn ich etwas Theoretisches in der Schule lerne und ich das dann mit dem Praktischen verknüpfen und hier im Lehrbetrieb anwenden kann.» Samstagsarbeit ist für den jungen Mann normal. «Der Montag ist unser Sonntag», so Benjamin. Das sei aber nicht schlimm, denn am Montag habe es weniger Leute unterwegs als am Samstag, wenn man beispielsweise ein Einkaufscenter besuche. So hat eben alles seine Vor- und Nachteile.

Genauso wichtig wie Wartungsarbeiten und der Verkauf sind aber auch sogenannte Akkordarbeiten. «Heute Morgen haben wir das Altmetall und den Elektro-Schrott entsorgt», erzählt Benjamin. Und ganz wichtig sei dem Chef, dass Ordnung gehalten werde und alles stets sauber sei. Benjamin zeigt vom Ausstellungsbereich an der Kasse vorbei zu den Wänden dahinter, an denen diverse Werkzeuge hängen, und zur Station, wo Velos repariert oder montiert werden. «Wir haben eine offene Werkstatt, die Kunden können uns beim Arbeiten über die Schulter schauen», so der Chamer. Und was würde es für einen Eindruck machen, wenn ein Durcheinander herrschen würde? «Bei mir in der Werkstatt zu Hause sieht es ganz anders aus», meint Benjamin lachend. Er habe die Tendenz, chaotisch zu sein. Aber hier auf der Arbeit sei er selbst froh, wenn alles am richtigen Ort sei. Die Werkzeuge zu putzen, sei auch wichtig, denn gerade wenn mit Bremsflüssigkeit gearbeitet werde, die Stahl angreift, dann würden die sonst korrodieren. Um 17.30 Uhr ist unter der Woche dann Feierabend, samstags schliesst das Geschäft um 14 Uhr, hat aber über Mittag offen.

Begeisterung für das Velo

Besonders an seinem Beruf mag Benjamin De Sanctis die Vielfalt an Arbeiten im mechanischen Bereich und gleichzeitig den Kontakt mit Menschen, den er dabei hat. Er habe damals nicht einfach so eine Lehre als Fachmann Gesundheit angefangen, sondern weil er gerne mit Menschen rede. Nur eben war es in der falschen Branche. Hier im Velogeschäft kann er Menschen beraten und ihnen weiterhelfen in einem weniger bedrückenden Kontext, als im Spital und sein Hobby mit seinem Beruf verbinden. «Es gibt Stammkunden, mit denen ich auch ‹Duzis› bin, die laufen jeweils hier durch und kommen kurz rein, um sich zu unterhalten», erzählt er. Das seien schon ältere Leute, aber mit diesen die Leidenschaft für das Velo zu teilen, das empfinde Benjamin als etwas vom Schönsten in seinem Arbeitsalltag.

Grosse Pläne für seine Zukunft hat Benjamin noch keine geschmiedet, denn er habe bereits seinen Traumberuf gefunden. Nach dem Abschluss im nächsten Sommer würde er gerne in seinem Lehrbetrieb weiterarbeiten und sich selbst zum Lehrmeister weiterbilden.

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