So war er, der Herr Hotz
Im 97. Lebensjahr verstarb der ehemalige FCZ-Präsident am 7. Dezember 2025

Das Klingeln des Telefons an einem Donnerstagnachmittag im November 2003 riss mich aus dem Verdauen der für mich negativen GC-Nachricht, die mich Minuten zuvor erreichte. «Hier Hotz, Herr Bickel, können Sie morgen Vormittag in mein Büro an der Freischützgasse kommen?» Völlig verdutzt bejahte ich, nahm die Zeitangabe entgegen und schon verabschiedete sich mein Kurzgesprächspartner wieder. Ich wusste nicht, wie ich die paar wenigen Worte einschätzen sollte, wurde unsicher und nervös.
Es ging mir seit Beginn des Jahres nicht sehr gut. Die neuen Eigentümer der Berner Young Boys hatten den Verwaltungsrat abgewählt und mich als Geschäftsführer suspendiert. Anschliessend folgten Anschuldigungen und Anzeigen wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung und Urkundenfälschung. Angeklagt oder gar verurteilt wurde ich nie. Die Medien haben trotzdem die Schlammschlacht genüsslich mitverfolgt und darüber ausführlich berichtet. Der Schaden war angerichtet. Meine Familie litt sehr darunter, und ebenso belastend war, dass ich keine Anstellung mehr als Sportchef bekam. Es gab wohl diverse Verhandlungen, vom FC St. Gallen lag ein einseitig unterschriebener Vertrag bereit und bei GC hatte man sich soeben und angesichts der langwierigen Geschichte schlussendlich für Jean-Paul Brigger als Sportchef entschieden. Keiner wollte sich mit mir die Finger verbrennen. Also, was will Herr Hotz von mir?
Entsprechend nervös und angespannt betrat ich einen Tag später das Firmenbüro von Sven Hotz im Dachgeschoss. Wieder kam er direkt auf den Punkt: «Herr Bickel, ich will Sie als neuen Sportchef verpflichten. Sind Sie bereit dazu, könnten Sie am Montagmorgen beginnen?» Klar war ich bereit für diese Herausforderung. Auch weil er mir klar und deutlich seine Zielvorgabe darlegte: «Sie dürfen nicht absteigen (der FCZ war zu diesem Zeitpunkt Tabellenletzter), Sie müssen den Trainer stark machen – von Lucien Favre werde ich mich unter keinen Umständen trennen; den übrigen Trainerstab neu zusammensetzen und eine Mannschaft für die Zukunft formen.»
«Diese Aufgabe würde ich nur zu gerne annehmen. Aber, sind Sie sicher, diesen Schritt mit mir machen zu wollen? Sie kennen meine Situation, und in den vergangenen neun Monaten wollte kein Verein mich einstellen, solange die Geschichte mit YB nicht definitiv abgeschlossen ist.» – «Herr Bickel, Sie müssen mir nichts erklären. Was ich mache, mache ich bewusst. Was ich wissen muss, weiss ich», so Sven Hotz. Ich war perplex, so hatte noch kein Präsident mit mir gesprochen. «Ich werde am Montag im Letzigrund mit der Arbeit beginnen. Ich bitte Sie, mir einen unbefristeten, sechsmonatigen Vertrag zu unterbreiten. Das Salär bestimmen Sie. Wenn Sie mit meiner Arbeit zufrieden sind, strebe ich eine langjährige Zusammenarbeit an und werde Ihnen zu diesem Zeitpunkt gerne meine Lohnvorstellungen bekannt geben.»
Er war sichtlich beeindruckt, gab mir die Hand, verabschiedete mich mit der Anweisung, mich am Montagmorgen im Letzigrund beim langjährigen, treuen FCZ-Sekretär Erich Schmid zu melden und bis dahin mich nicht mit den Medien zu unterhalten.
Am Samstag sass ich beim Morgenkaffee und lass die Zeitungen. Die Schlagzeile auf der Titelseite vom «Tages-Anzeiger» versetzte mich in Schockstarre. «Bickel ersetzt Thoma beim FC Zürich.» Die totale Verunsicherung: Denkt jetzt mein neuer Präsident, ich habe geredet, galt sein Handschlag? Versuchten die YB-Eigentümer nun wieder, mir Steine in den Weg zu legen?
Alles kein Problem. In der Präsidialzeit von Sven Hotz (1986–2006) stand der «Blick» GC überaus nahe. Das missfiel ihm, und so hat er hin und wieder dem «Tages-Anzeiger» Vorinformationen zugesteckt. Auch in meinem Fall.
Zu Beginn sah ich in ihm den Patron. Er war für mich ein Mann, der sich auf seine Geschäfte konzentrierte, bewusst handelte, sich dabei nicht beeinflussen liess und so auch nicht nach rechts oder links schaute. Weit gefehlt. Ja, ein Patron war er, eine grosse Persönlichkeit, aber bestimmt Patriarch alter Schule. Er war sehr wohl weltoffen und überaus weitsichtig. In unseren regelmässigen Essen im Restaurant Camino – wo er immer darauf bestand zu zahlen – gab er mir die Chance, auch seine private, andere Seite kennenzulernen. Er hörte zu, redete selbst gerne und lange, war nahbar. Er konnte gesellig sein und sprach auch gerne über die Dinge neben dem Fussballplatz. Über seine Frau Ruth (verstorben 2017), seine fünf Kinder («Der FCZ ist mein sechstes Kind»). Die Familie war ihm sehr wichtig. Er erzählte auch von seinen Anfängen, als er ein Kino übernahm, dort selbst Tickets verkaufte. Er wollte über das Säuliamt – insbesondere die Handwerker – Bescheid wissen («Euer Gipser, den Hengeler Hans, musste ich schon zwei-, dreimal so richtig in die Schranken weisen. Der hat sich auf der Tribüne immer so laut über den Schiedsrichter oder einzelne Spieler beklagt»). Erzählte über seine Liegenschaften – insbesondere in Affoltern; über Autos und seine heimliche Leidenschaft, das Tanzen. Erfreut war er auch, wenn ich Gäste zu unseren Essen mitnahm. Vom langen, gemütlichen Nachmittag mit Werner Schneiter vom Affoltemer Anzeiger und Hans Jucker erzählte er auch später noch gerne.
Als Vorgesetzter – ob als Präsident vom Fussballclub oder als Geschäftsinhaber – hatte er eine klare Linie, gab Vorgaben unmissverständlich durch. Für Fehler machte er nie einen Einzelnen verantwortlich. Er behandelte seine engsten Mitarbeitenden immer mit grossem Respekt. Die Du-Form kannte er innerhalb seiner Geschäfte nicht. Grössere Aufträge wurden an Stadtclub-Sympathisanten vergeben oder aber, sie mussten sich nach Arbeitsübergabe gegenüber dem FC Zürich erkenntlich zeigen.
Was Fussballverträge betraf, erhielt ich vom Präsidenten viele Freiheiten. Er wollte aber jede Personalveränderung – Abgänge, Zugänge, aber auch Vertragsänderungen – bis ins Detail begründet haben. Waren für ihn die Ausführungen stimmig, erteilte er die Carte blanche. Selbstverständlich immer mit abgestimmten Finanzvorgaben. War das Jahressalär festgesetzt, gab es nichts daran zu rütteln. Egal wie klein die Differenz auch war, er liess sich nie umstimmen. Eben, ein Patron. Was er auch in sehr cleverer, subtiler und guter Art immer wieder zeigte.
Die Unterzeichnung der Spieler- und Trainerverträge fand ausschliesslich in seinem Büro an der Freischützgasse statt. Er begrüsste, war höflich und nahbar. Er blätterte still, in aller Ruhe den Vertrag durch. Dabei beobachtete er sein Gegenüber. Hinterliess dabei der neue Mitarbeiter einen guten ersten Eindruck, stoppte er bei den Zahlen, schaute diese an und lächelte. «Ah, hat Sie der gute Herr Bickel etwas gedrückt? Ja, da legen wir noch etwas drauf. Aber, ich erwarte Ihr absolutes Bekenntnis zum FCZ»!
War er beeindruckt von der Arbeit, vom Auftreten seiner Mitarbeitenden, konnte er sehr grosszügig sein. Als ich nach Wochen meinen ersten Vertrag bekam, erschrak ich. Wohl habe ich ihm die Möglichkeit gegeben, mein Salär selbst zu bestimmen, dachte dabei aber nie, dass er dieses so tief ansetzen würde. Nach drei Monaten, bei einem Mittagessen, erklärte er mir, dass er meinen Vertrag um drei Jahre verlängern wolle. Wie abgemacht, fragte er mich nach meinen Vorstellungen. Er hatte mich im Sack. Nun konnte ich ihm unmöglich mitteilen, dass ich mir eigentlich den dreifachen Monatslohn vorgestellt habe. Also bat ich vorerst um das doppelte Salär. Er bestimmte, dass wir die Mitte nehmen, weil so grosse Sprünge doch einfach nicht machbar seien. Prämien hatte ich keine. Aber der gleiche Sven Hotz überwies mir nach dem Cupsieg 2005 einen schönen Betrag mit dem Hinweis «den haben Sie sich verdient». Nach dem Meistertitel 2006 (seinem ersten und einzigen) kam er wieder auf mich zu, verlängerte selbstbestimmend meinen Vertrag erneut und stattete diesen neben einer Salärerhöhung mit Prämien aus. So war er, der Herr Hotz.
Er trat nach dem Meistertitel zurück, übergab das Ruder Ancillo Canepa. Ich hatte meinen schnellen Abgang zu den Young Boys Ende 2012. Ich konnte mich trotz aller Verbundenheit zu Präsident Ancillo Canepa mit den im Jahre 2011 neu gewählten Verwaltungsratsmitgliedern und dem dadurch veränderten Geschäftsgebaren nicht weiter identifizieren. Sven Hotz verstand beide Seiten nicht. Aber – so wie immer nach seinem Rücktritt – äusserte er sich weder intern noch extern darüber. Wir begegneten uns weiter freundschaftlich, mit gegenseitigem Respekt und Dankbarkeit.
Ein letztes Mal traf ich ihn kurz vor seiner bevorstehenden Überweisung ins Pflegeheim. Ich sah mir ein Spiel vom FCZ im Letzigrund an und begegnete dabei zufällig seiner Tochter Kristina und dem Schwiegersohn Heinz Scheiwiller. Ob ich in der Pause nicht kurz Sven in der Loge begrüssen wolle, war die Frage. Er habe aber nicht mehr immer nur helle Momente und wie er auf mich reagieren werde, sei unklar. Klar war mir, dass ich dies unbedingt wollte. So trat ich in der Halbzeit in seine Loge. Er sass im Rollstuhl, reckte sich, schaute mich an, strahlte und meinte: «Nei, dä Fredy, so schön!» Für mich bereitete er mir bei diesem letzten Zusammentreffen die grösste Freude. Er sprach mich das erste und letzte Mal mit meinem Vornamen an.
Am 19. Dezember fand seine Beisetzung im Friedhof Manegg statt. Im engsten Familienkreis und unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Seinem Wunsch entsprechend durften zwei ehemalige «Tages-Anzeiger»-Mitarbeiter dazustossen, eine Handvoll Wegbegleiter aus dem Fussball und ebenso viele Vertrauenspersonen aus seinem Berufsleben.
Dass ich dabei sein durfte, bedeutet mir unheimlich viel. Während Pfarrer Andrea Bianca die wunderbaren, treffenden Worte sprach, dachte ich ein weiteres Mal über Sven Hotz nach: fordernd, klare Vorstellungen, zielstrebig, vorausschauend. Nicht mehr Schein als Sein, familienverbunden, demütig, Menschenkenner, dankbar und grosszügig am für ihn richtigen Ort.
Danke, Herr Hotz! Ich werde Ihren Glauben und Ihr Vertrauen an die Mitmenschen, verbunden mit grossem Respekt, nie vergessen.
Fredy Bickel


