Konsequentes Denken, pragmatisches Handeln
500 Jahre nach der Reformation (3): Zwingli überzeugt die Obrigkeit
Huldrych Zwingli wurde als Sohn eines wohlhabenden Toggenburger Bauern geboren, der es sich leisten konnte, seinen Sohn an die Lateinschulen in Basel und Bern zu senden, anschliessend an die Universitäten Wien und Basel, wo er 1506 mit dem Titel Magister Artium abschloss. Im selben Jahr wurde er in Konstanz zum Priester geweiht und nach Glarus berufen. 1513 und 1515 begleitete er die Glarner Truppen als Feldprediger auf den Italienfeldzügen und war in dieser Funktion unter anderem Augenzeuge der Schlacht bei Marignano.
Kampf gegen den Solddienst
Im Umfeld der Italienfeldzüge verfasste Zwingli das Fabelgedicht «Der Labyrinth». Der Text befasst sich nicht konkret mit den Kriegen, sondern ist voller Bilder und Symbole. Der Ochse als Symbol für die Urner und ihre Miteidgenossen wird von den Katzen, den bestochenen Verfechtern der französischen Kriegsdienste, verführt, während sich der treue Hund zum Wohle des Ochsen für den Wechsel in die Dienste des Papstes starkmacht.
Die ganze Geschichte stellte Zwingli mit der Theseus-Sage aus der griechischen Mythologie dar, in welcher der Held aus Athen im Labyrinth des kretischen Königs Minos das Ungeheuer Minotaurus besiegte. Am Schluss der Fabel kommt die Auflösung: Zwingli bittet die Irrenden, also die Eidgenossen, «ander sitten» anzunehmen.
Für seinen Einsatz, dass die Glarner Söldner weiterhin für den Papst kämpften, erhielt Zwingli ab 1516 von diesem eine stattliche jährliche Zahlung, eine sogenannte Pension, die zum Leben mehrerer Familien gereicht hätte. Auf diese verzichtete er ab 1520, da er mittlerweile das Reislaufen grundsätzlich ablehnte.
Verführung durch das Geld
In seiner Schrift «Göttliche Vermahnung an die Eidgenossen zu Schwyz» von 1522 prophezeite Zwingli, es werde Unglück wie in Sodom und Gomorra über sie kommen, wenn sie weiterhin fremden Herren statt Gott dienten, wenn sie sich vom Sold – wie Eva von der Schlange – verführen liessen, ihr Gebirge und damit ihre Schutzbefohlenen zu verlassen. Indirekt scheint hier Zwingli bereits Stellung zum Jahrhunderte dauernden Kampf zwischen Zürich und Schwyz zu beziehen. Der Vergleich mit der biblischen Legende von Sodom und Gomorra unterschob den Schwyzer Söldnern äusserste Ruchlosigkeit und Frivolität. 1525 hielt er in einer Predigt fest, viele Bezüger von Pensionen wollten nur kriegen, um ihre Bezüge nicht zu gefährden.
Der Zwingli-Spezialist Johannes Voigtländer fasste an der Tagung des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte 2019 in Zürich zusammen: Zwinglis klares Nein zum Solddienst habe ihn 1516 genötigt, von Glarus nach Einsiedeln zu ziehen, wo er knapp drei Jahre lang lebte und arbeitete, «auf der Suche einer neuen Sachlichkeit, die er sich nicht mehr von der Welt und ihrer bisherigen Theologie auftragen lassen» wollte.
Streit um die «Wahrheit»
Auf den 1. Januar 1519 wurde Zwingli von den 24 Grossmünster-Chorherren als Leutpriester des Grossmünsters nach Zürich berufen. 1479 nämlich hatte Papst Sixtus IV. dem Kleinen Rat der Stadt Zürich das Recht erteilt, wichtige kirchliche Funktionen gegen gewisse Geldleistungen selbst zu besetzen. Der Papst sicherte sich damit Einkünfte, die Stadt Zürich Einfluss auf die Kirche und der Bischof, der sich hierarchisch dazwischen befand, ging leer aus. Geld benötigte der Papst namentlich für seine kriegerischen Operationen. Spätere Päpste wollten das Privileg von 1479 zwar nicht mehr anerkennen, doch die Stadt Zürich scherte sich nicht darum. Der aus Deutschland stammende Theologieprofessor an der Yale University Volker Leppin betrachtet die Zürcher Chorherrengemeinschaft als die nach dem Domkapitel angesehenste im Bistum Konstanz. Er stellte 2019 einen Vergleich an zwischen Zwingli und seinem Vorgänger Konrad Hofmann, der ebenfalls einen Sittenzerfall in der Kirche beklagte und das Söldnerwesen bekämpfte, in Bezug auf das Zölibat aber Zwinglis Gegner anführte. Hofmann beurteilte den nicht unüblichen Bruch des Zölibats als schlimmer als Inzest. Auch in der Frage des Ablasses, des Freikaufs von Sünden, stellte er sich dezidiert gegen Zwingli. Vorerst betrachtete er Zwingli allerdings trotz dieser Vorbehalte noch als Verbündeten im Kampf gegen das Söldnerwesen und gab ihm bei der Wahl zum Leutpriester seine Stimme. Als Zwingli allerdings 1521 zusätzlich zum Chorherrn gewählt werden sollte, was für den Zürcher Leutpriester unüblich war, reichte Hofmann eine Klageschrift gegen den Reformator ein.
Die Vorwürfe, die Hofmann gegen Zwingli ins Feld führte, bewegten sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Sie reichten von der Polemik, Zwingli rede zu schnell, bis zu juristischen Vorwürfen betreffend Verleumdung «Altgläubiger», mit welchen der Reformator den Frieden in der Stadt Zürich gefährde. Hofmanns Forderung, Zwingli müsse Gottes Wort «luter und fry, tapfer und fridlich» verkünden, ging auf die Frage hinaus, wer von den beiden die «Wahrheit» kenne. Nun forderte Hofmann, Zwingli bis zu einer verbindlichen Entscheidung der Kirche über die reformatorischen Ideen zu verbieten, irgendetwas davon heimlich oder öffentlich zu vertreten. In der Überzeugung, Zwingli müsse bestraft werden, damit nicht die ganze Stadt Zürich vom Bischof von Konstanz zur Rechenschaft gezogen werde, verlangte er anschliessend eine öffentliche Disputation zwischen ihm und Zwingli. Tatsächlich kam am 29. Januar 1523 die erste Disputation zustande. Zwingli nutzte die Gelegenheit zur Präsentation seiner 67 Thesen. Diese beruhten auf dem Prinzip, dass ungültig sei, was sich nicht auf die Bibel abstütze. Der Kleine Rat der Stadt Zürich entschied, Zwingli dürfe seine Überzeugungen lehren und verkünden, solange sie nicht widerlegt würden. Damit entzog das politische Führungsgremium der Stadt dem Bischof von Konstanz die Oberaufsicht über die Zürcher Kirche auch in theologischen Fragen.
Gegner an mehreren Fronten
Die politische Folge waren zwei Konflikte mit entgegengesetztem Hintergrund. Einerseits begannen begeisterte ländliche Anhänger der Reformation, die Kirchen zu stürmen und zu plündern. Diese Gewaltausbrüche waren wohl vor allem Anzeichen der Wut von Bevölkerungsgruppen, die hungernd mitansehen mussten, wie sich insbesondere Söldnerführer bereicherten. Mit ihnen befasste sich die zweite Disputation vom 26. Oktober 1523. Die zweite Konfliktlinie, die sich verschärfte, verlief zwischen Zürich und den Waldstätten, die einen neuen Soldvertrag mit Frankreich abschlossen.
Zwingli nahm eine führende Rolle ein in der Frage des Solddienstes. Gleichzeitig war er kein Sozialrevolutionär. Ein Faktor war zweifellos seine Erkenntnis, dass die städtische Obrigkeit über die Ausrichtung der Kirche entscheide und er daher nur mit Unterstützung des Kleinen Rates die Reformation durchziehen könne. Daher unterstützte er den Kampf des Rates gegen die Täufer-Bewegung, welche die Autorität der städtischen Oberschicht in Religionsfragen ablehnte, und befürwortete deren Vertreibung und die Hinrichtung von Anführern. So tolerierte er die Ertränkung seines langjährigen Weggefährten Felix Manz. Dasselbe trifft auf die Bilderstürme zu. Zwingli wünschte zwar, dass die Bilder aus den Kirchen entfernt werden, lehnte aber Zerstörungen, unkontrollierte Ausbrüche und damit zusammenhängende sozialpolitische Forderungen vehement ab. Unter seinem Einfluss erliess der Zürcher Rat unter anderem die Sittengesetze, die sich während der kommenden Jahrhunderte als äusserst effizientes Instrument zur Unterdrückung der Landbevölkerung erwiesen.
Indem sich der Kleine Rat der Stadt Zürich für die reformierte Seite entschied, gelang es ihm, die Entwicklung wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Gleichzeitig verschärften sich dadurch aber die Gegensätze, insbesondere zwischen Zürich und Schwyz. Zürich lagen wirtschaftliche Sanktionen näher als Kriege. Offen ist daher die Frage, weshalb Zürich mit der Getreidesperre die Kappeler Kriege provozierte. Glaubte der Rat, die Waldstätte zu erobern, was Zürich eine Führungsrolle unter den reformierten Städten eingebracht und die für den wirtschaftlichen Austausch wichtigen Alpenpässe gesichert hätte? Dominierte die Angst, Angriffe aus der katholischen Innerschweiz könnten die Reformation gefährden? Oder wollte Zürich vor allem die Innerschweizer Söldner in die Schranken weisen?
Was auch immer die Gründe für die Kappelerkriege und für die wegweisende Schlacht bei Kappel gewesen waren: Es erscheint als bittere Ironie der Geschichte, dass Huldrych Zwingli als ein Hauptexponent des Widerstandes gegen das Soldwesen 1531 von Innerschweizer Söldnern erschlagen wurde.
An der Zürcher Reformation änderte sein Tod allerdings nichts. Zwingli war der durchsetzungsfähige, innovative Theologe mit feinem politischem Gespür gewesen, der die Erneuerung des Glaubens inhaltlich prägte und politisch umsetzte. Ohne seinen Pragmatismus wäre dies kaum möglich gewesen. Seinem Nachfolger Heinrich Bullinger gelang es, die reformierte Kirche zu konsolidieren und in ruhigere Gewässer zu führen.






