Der Wein, der sie gefunden hat

Wie zwei Schwägerinnen in Hedingen das Lebenswerk des Vaters weiterführen

Sylviane und Renata Ney schreiben mit der Weinhandlung Gil Vins Trouvailles de France das nächste Kapitel einer Familienleidenschaft. (Bild Deviprasad Rao)

Sylviane und Renata Ney schreiben mit der Weinhandlung Gil Vins Trouvailles de France das nächste Kapitel einer Familienleidenschaft. (Bild Deviprasad Rao)

In Hedingen führen Sylviane und Renata Ney die Weinhandlung Gil Vins Trouvailles de France, die Sylvianes Vater vor über 25 Jahren gegründet hat. Beide sind Quereinsteigerinnen – und schreiben nun gemeinsam das nächste Kapitel einer Familienleidenschaft.

Sylviane Ney muss lachen, wenn sie es erzählt: Bis fast 30 hat sie kaum Wein getrunken. Heute ist sie seit über 25 Jahren im Weinhandel tätig und führt mit ihrer Schwägerin Renata eine Weinboutique in Hedingen. «Wir haben uns hier einen lang gehegten Traum erfüllt», sagt sie.

Angefangen hat alles beim Vater. Er kam aus der Kaffeebranche, kannte die Gastronomie bestens und liebte Frankreich, seine Sprache und seine Weine. Zunächst brachte er Flaschen für Freunde mit und organisierte Sammelbestellungen. Als ihm ein Kollege riet, französische Weine doch professionell zu importieren, nahm er die Idee ernst. Nach der Frühpensionierung erfüllte er sich mit der eigenen Weinhandlung seinen Lebenstraum. Jedes Jahr reiste er nach Südfrankreich und besuchte die Winzer persönlich.

Er war es auch, der seiner Tochter den Einstieg vorschlug. Sylviane sagte zu, stellte sich aber selbst eine Bedingung: Ohne Ausbildung geht es nicht. «Jeder wusste mehr über Wein als ich», sagt sie. Mitte dreissig besuchte sie die Université du Vin in Suze-la-Rousse, liess sich in einer Fremdsprache zur Sommelière ausbilden und absolvierte verschiedene Praktika bei Winzern. «Wenn du ein Produkt verkaufen willst, musst du Bescheid wissen. Du musst dahinterstehen und beraten können.»

Gegen den Strom

Vater und Tochter setzten auf Südfrankreich, als die Region aus der Mode war. Als sie vor rund 25 Jahren mit Châteauneuf-du-Pape kamen, wurden sie belächelt: Das trinke doch niemand mehr. Viele Restaurants winkten ab, gefragt waren Italiener und Spanier. Mit Degustationen und Beratung überzeugten die Neys – die Kundschaft entdeckte die Qualität neu. Inzwischen, so Sylviane, seien viele auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Abheben könne man sich nur durch Qualität, guten Service und Weine, die keine Massenware sind.

Mit manchen Winzern arbeitet die Familie seit zwanzig Jahren zusammen, man ist befreundet. Das Vertrauen reicht weit: Winzer haben ihnen manchmal sogar geraten, einen schwächeren Jahrgang auszulassen – und die Neys haben in jenem Jahr nicht bestellt. Manche Weine gibt es nur in Auflagen von 200 oder 300 Flaschen, man spricht hier schon fast von einer limitierten Auflage. Gesucht sind Kundinnen und Kunden, die keine «Etikettentrinker» sind, sondern auf Qualität und gute Beratung setzen.

Nichts davon umsonst

Renata Neys Weg verlief noch verschlungener. Sie machte eine Lehre als Floristin, wechselte dann zur UBS und arbeitete dort als Wirtschaftsinformatikerin. Mit der Geburt ihrer zwei Kinder trat sie kürzer. «Ich wollte wirklich ein paar Jahre Mutter sein und meine Kinder geniessen», sagt sie. Da die Rückkehr in die Informatik schwierig war, erfand sie sich neu: Sie backte aufwendige Motivtorten und Cupcakes und führte ein Backwaren-Geschäft. An Weinmessen half sie immer wieder aus. Vor sieben Jahren stieg sie fest ins Familienunternehmen ein.

Nichts davon war umsonst. Die Floristin zeigt sich in den Geschenkkörben, die sie gestaltet, die Informatikerin im Webshop, in den sozialen Medien und im Marketing; dazu kommen Lager und Messen. Sylviane leitet das Geschäft und ist zudem für die Finanzen, den Verkauf und die Akquisition verantwortlich. Zu zweit ist aber jede ein «Mädchen für alles». «Wir ergänzen uns mit dem, was wir gut können», sagt Renata. «Alles andere teilen wir.»

Eine formale Weinausbildung hat Renata nicht, dafür sieben Jahre intensive Praxis. Sie interessiert sich für das, was hinter der Etikette steckt: die Familien, die Weingüter, Geschichten, die bis ins Mittelalter zurückreichen. «Die Leute wollen die Geschichte hinter dem Wein hören», sagt sie. Diese aufzuspüren, ist ihr Teil der Arbeit.

Jetzt oder nie

Lange war das Geschäft in der Industriezone von Birmensdorf versteckt, ohne Laufkundschaft. Vor zwei Jahren entdeckten die beiden beim Durchfahren in Hedingen ein freies Ladenlokal. «Wir haben gesagt: jetzt oder nie», erinnert sich Sylviane. Ein Umzug nach Zürich war nie ein Thema. Die Familie lebt seit Jahrzehnten in Wettswil, die Kundschaft verteilt sich über das ganze Säuliamt bis nach Zürich, Zug und Luzern.

Die Boutique mit der Flasche vor der Tür ist ihres Wissens die einzige ihrer Art im Bezirk. Auf das Eröffnungsfest folgten ein gut besuchtes Rosé-Festival und Degustationen mit Essensbegleitung für Vereine. Wer hereinkommt, schätzt den speziellen Rahmen und das gemütliche Ambiente. Schönfärben will Sylviane dennoch nichts: Die Boutique sei noch im Aufbau, «und es steckt viel Arbeit dahinter». Manche im Dorf, die täglich vorbeifahren, staunen noch heute, dass es in Hedingen ein Weingeschäft gibt.

Eine weitere Herausforderung: Gerade Junge trinken weniger Wein oder gar keinen Alkohol mehr. Die Neys haben alkoholfreie Weine gesucht, die sich abheben, und ihr Sortiment um Spezialitäten aus Südfrankreich und Italien erweitert – Öle, Oliven, Kräuter, Konfitüren und Honig. Ob der Trend vorübergeht, weiss niemand. «Wir sind selber gespannt», sagt Sylviane.

Der Blick nach vorn

Als Nächstes steht die Expovina in Zürich an, eine ihrer wichtigsten Messen. Eines Tages soll eine eigene Hausmesse folgen. Renata wünscht sich, dass Gastronomen in der Region vermehrt auf kleine regionale Lieferanten setzen statt nur auf Grossisten. Und beide hoffen, dass noch mehr Leute aus der Umgebung des Säuliamts vorbeischauen werden.

Gross werden um jeden Preis ist nicht das Ziel. Beide können sich vorstellen, über die Pensionierung hinaus zu arbeiten. «Wir haben beide grosse Freude an unserer Arbeit», sagt Sylviane. «Da steckt viel Herzblut drin.» Gut 25 Jahre, nachdem ein Vater ein paar Flaschen für Freunde heimbrachte, geht die Suche nach der nächsten erlesenen Trouvaille weiter.

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