Ein Gerät schenkt Freiheit
Thomas Hunziker ist einer von 16 Menschen in der Schweiz mit einem Dialysegerät
Thomas Hunziker, 70-jährig, sitzt guten Mutes an seinem Esstisch in der lichtdurchfluteten Wohnung in Affoltern. Seine Erzählungen wollen so gar nicht passen zum sonnigen Spätsommertag und der ungetrübten Sicht auf die Innerschweizer Bergwelt, die sich hinter seinem Rücken eindrücklich präsentiert. Doch Thomas Hunziker strahlt Zuversicht und Optimismus aus. Angesichts seiner Krankheitsgeschichte eine Meisterleistung.
Wenn die Nieren versagen
«Bis ich 49 Jahre alt war, fühlte ich mich topfit und kerngesund.» Doch der Schein trog. Thomas Hunziker wusste schon lange, dass er die Erkrankung ADPKD von seiner Mutter geerbt hatte, so wie sein Bruder. Diese autosomal-dominante polyzystische Nierenerkrankung (ADPKD), auch «Zystennierenerkrankung» genannt, ist eine der häufigsten vererbten Nierenerkrankungen. Dabei bilden die Nieren laufend Zysten, die durch ihr Wachstum das normale Nierengewebe verdrängen und schliesslich zu einem Nierenversagen führen. Dieser zerstörerische Prozess beginnt bereits im Mutterleib und setzt sich bis ins mittlere Erwachsenenalter, lange symptomlos, fort.
2005 zwang die Krankheit Thomas Hunziker in die Knie. Die Nieren funktionierten immer schlechter, starke Bauchschmerzen und ein vergrösserter Bauch waren die Folgen. «Meine Nieren wirkten wie ein Gebilde voller Seifenblasen. Vom gesunden Gewebe war kaum mehr etwas übrig», erinnert sich Hunziker.
Versagen die Nieren, muss das Blut künstlich gereinigt werden. Bei der Dialyse wird das Blut des Patienten durch einen dünnen Schlauch aus dem Körper geleitet und mittels Membranen in einer Maschine gereinigt. Das gefilterte Blut fliesst schliesslich wieder zurück in den Körper. Eine Behandlung dauert rund vier Stunden – und findet meist dreimal pro Woche statt.
Hoffnung auf Spenderniere
Damit Thomas Hunziker nicht an die Dialyse musste, suchte er eine Spenderniere für eine Lebendtransplantation. Eine solche zu finden, ist schwierig. Es sind komplexe medizinische Voraussetzungen zu erfüllen. Die Blutgruppe und Gewebemerkmale müssen möglichst übereinstimmen. Zudem muss der Gesundheitszustand des Empfängers die grosse Operation und die anschliessende lebenslange Medikamenteneinnahme zulassen. Thomas Hunziker hatte Glück: Seine ehemalige Geschäftspartnerin spendete ihm 2006 eine Niere. Nach rund drei Wochen arbeitete er wieder stundenweise und konnte sein gewohntes Leben zunächst weitgehend weiterführen. Doch ab 2012 folgte eine schwere Erkrankung auf die nächste: Diabetes, Gicht, ein Darmdurchbruch mit septischem Schock, Brustkrebs − eine bei Männern eher seltene Erkrankung – mit anschliessendem Lymphödem am Arm, Covid mit einer Lungenentzündung, um nur einige zu nennen. Im vergangenen Jahr musste er sich drei Bypässe legen lassen und erkrankte zusätzlich am Pfeifferschen Drüsenfieber.
Neues Ziel
Nach 20 Jahren mit der Spenderniere, zahlreichen schweren Erkrankungen und wiederkehrenden Delirien lehnten die Ärzte eine erneute Transplantation ab. Für Thomas Hunziker bedeutete das: zurück an die Dialyse. «Wenn ich schon keine Niere bekomme, möchte ich wenigstens ein Dialysegerät für zu Hause», sagte er sich.
Aufgrund seiner langen Krankheitsgeschichte und in seiner Tätigkeit als Vorstandsmitglied des Verbands Nierenpatienten Schweiz sowie als Patientenvertreter in der Nierenstiftung verfügt Hunziker über ein breites Netzwerk. Sein Wunsch erfüllte sich. Nach umfangreichen Abklärungen wurde die Maschine Physidia S3 angeschafft und Hunziker absolvierte eine vierwöchige Schulung, bis er die Maschine am 3. Juni in diesem Jahr nach Hause nehmen durfte.
Mehr Freiheit dank Heimdialyse
Heute steht sie in einem eigenen Zimmer, daneben ein bequemer Liegestuhl. Anders als im Dialysezentrum verbringt Hunziker nun jeweils zweieinhalb Stunden an der Maschine, dafür fünfmal pro Woche. Währenddessen liest er, hört Podcasts oder arbeitet am Computer.
Das Gerät wiegt 25 Kilogramm und ist etwa so gross wie ein Mini-Kühlschrank. Für jede Behandlung benötigt er mehrere Säcke hochreinen Lactosewassers sowie diverses medizinisches Verbrauchsmaterial wie Blutschläuche und den künstlichen Filter (Dialysator). Bei Thomas Hunziker erfolgt die Dialyse über einen zentralen permanenten Katheter unterhalb des Schlüsselbeins. «Für jeden Patienten, der an der Dialyse ist, gerne reist und möglichst flexibel sein möchte, bewährt sich ein solches Gerät», stellt Thomas Hunziker fest.
Er selbst will sich von seiner Krankheit nicht alles nehmen lassen. Erst kürzlich ist er von einer mehrwöchigen Wohnmobilreise durch Tschechien zurückgekehrt. Immer mit dabei: das Dialysegerät. Überhaupt wirkt er wie ein Stehaufmännchen. Trotz seiner vielen Tief- und Rückschläge lässt er sich nicht unterkriegen. Regelmässig trainiert er im Fitnesszentrum. Kraft gibt ihm auch die Arbeit mit Affirmationen. Die Zuversicht, die Thomas Hunziker am Esstisch ausstrahlt, wirkt deshalb nicht aufgesetzt. Sein Glas ist bis heute eher halb voll als halb leer.






