Sport
14.09.2020

Höhenflug von Jenny Dürst

Jenny Dürst hat in letzter Zeit ihre Physis stark verbessert, was ihr eine offensivere Spielweise ermöglicht. (Bilder zvg.)

Jenny Dürst hat in letzter Zeit ihre Physis stark verbessert, was ihr eine offensivere Spielweise ermöglicht. (Bilder zvg.)

Die 21-jährige Wettswiler Tennisspielerin Jenny Dürst ist nach der Corona-Pause fulminant in den wieder angelaufenen Wettkampfbetrieb gestartet. Glanzlichter setzte sie im Interclub mit Siegen im Einzel gegen die 25-fache Grand-Slam-Siegerin Martina Hingis und im Doppel gegen die aktuell beste Schweizer Tennisspielerin Belinda Bencic.

Ob es in sportlicher Hinsicht der wertvollste Sieg in der noch jungen Profikarriere von Jenny Dürst war, lässt sich nicht objektiv beurteilen. Immerhin hat die Wettswilerin, die als Nr. 19 der Schweiz und Nr. 783 der Welt geführt wird, schon mehrfach Spielerinnen aus den aktuellen Top 500 der Weltrangliste geschlagen. Der Sieg gegen Martina Hingis ist aber mit Sicherheit ihr prestigeträchtigster Erfolg, und das wird wohl noch lange so bleiben. Die 39-jährige Hingis, aktuell immer noch die Nr. 8 der Schweiz, führte die Weltrangliste im Frauentennis während 209 Wochen an. Mit fünf Grand-Slam-Titeln im Einzel, 13 im Doppel und sieben im Mixed ist sie eine lebende Schweizer Tennislegende.

«Wahrscheinlich bestes Spiel meiner Karriere»

Zum Aufeinandertreffen mit Jenny Dürst kam es am 29. August in der Interclub-Begegnung zwischen den NLB-Teams von Zug und Lido Luzern. Nach verlorenem erstem Satz beeindruckte die für Lido antretende Jenny Dürst das Publikum mit druckvollem und mutigem Spiel, wodurch sich die Fehlerquote bei Martina Hingis erhöhte. Das Tie-Break im Entscheidungssatz gewann Dürst schliesslich klar mit 7:1 und sprach danach vom «wahrscheinlich besten Spiel meiner Karriere». Eine Einschätzung, deren Berechtigung durch den Umstand gestützt wird, dass Hingis ihre Partien in den folgenden zwei IC-Runden klar gewann, zuletzt mit einem 6:0, 6:0 gegen die Westschweizerin Julie Schalch.

Einen weiteren klingenden Namen hatte Jenny Dürst ihrem Palmarès bereits am 28. Juli hinzugefügt. In der NLA traf sie mit ihrem Club Urdorf Weihermatt auf Chiasso mit Belinda Bencic als Teamleaderin. Zwar hatte sich Dürst bereits einen Namen als gute Doppelspielerin (Nr. 577 der Weltrangliste) gemacht. Dass sie mit Julia Grabher das Doppel gegen Bencic und Joanne Züger gewann, war aber zumindest eine Überraschung und ein persönliches Highlight zum Auftakt der IC-Saison.

«Corona-Zeit als Belastung und Chance»

«Die guten Resultate zeigen mir, dass ich in der Corona-Zeit richtig gearbeitet habe», bewertet Jenny Dürst ihre jüngsten Leistungen. Sie spricht dabei neben dem Interclub auch eine Turnierserie für Tennisprofis an, die im Vorfeld der Interclubmeisterschaft von Swiss Tennis organisiert wurde. Dürst nahm an zwei Turnieren teil und stiess jeweils nach Siegen über stärker eingestufte Spielerinnen ins Viertelfinale vor. Allerdings macht sie keinen Hehl daraus, dass die Corona-Zeit mental für sie belastend war. Sie trainierte in Konstanz, und da die Grenze geschlossen war, konnte sie ihre Familie in Wettswil während vier Wochen nicht besuchen. Als positiv erwies sich, dass sie ihren überstrapazierten Knien in dieser Zeit eine willkommene Wettkampfpause gönnen konnte.

Athletischer und schneller geworden

«Als es nach der Ungewissheit der Lockdown-Phase wieder losging, war die Motivation zum Glück schnell wieder da», bilanziert Jenny Dürst. «Ich habe mich in letzter Zeit physisch sehr positiv entwickelt, bin athletischer, schneller geworden.» Dadurch könne sie ihr Spiel noch offensiver gestalten und habe gleichzeitig ihre Defensivqualitäten verbessert. «Ich denke, in der Schweiz kann ich nun bereits mit den Besten mithalten.» Potenzial sieht sie noch beim Aufschlag. «Bei meiner Körpergrösse wird das wohl nie meine stärkste Waffe werden», gibt sich die Wettswilerin realistisch. «Aber wenn ich daran arbeite, kann ich meine Gegnerinnen damit sicher noch stärker unter Druck setzen.»

Die Zeichen stehen somit gut, dass die Kurve auch international weiter nach oben geht. Weil der Turnierkalender ausgedünnt und der Andrang entsprechend gross ist, haben Spielerinnen aus den Ranglistenregionen ab 500 zwar Mühe, an ITF- und WTA-Turnieren in die Tableaus aufgenommen zu werden. Abschrecken lässt sich Jenny Dürst davon aber nicht: «Meine Motivation ist sehr hoch, und ich kann es kaum erwarten, wieder um Weltranglistenpunkte zu spielen.» Bruno Kesseli