Sport
19.08.2021

Sie haben sich in eine andere Liga gekickt

Das Team (von links): Albert «Albi» Ott, Lorena Ponte, Gabriele Schürch, Natasha Damotharam, Ylenia Stöckle, Anna Arnold, Julia Hagenbuch, Cyra Herzig, Melani Herzog, Simona Püntener, Aischa Kohler (vorne mit Ball), Jacqueline Wanner, Céline Schnider, Sibylle Grob, Rania Chehade, Jasmine Herzog, Philine Lebküchner, Noela Dähler, Julia Romer und Stella Scagliola. Es fehlen: Tanja Ottiger, Arianna Loria, Zara Aschwanden, Filipa Isabel da Silva Rodrigues und Diana Vincenzi. (Bild zvg.)

Das Team (von links): Albert «Albi» Ott, Lorena Ponte, Gabriele Schürch, Natasha Damotharam, Ylenia Stöckle, Anna Arnold, Julia Hagenbuch, Cyra Herzig, Melani Herzog, Simona Püntener, Aischa Kohler (vorne mit Ball), Jacqueline Wanner, Céline Schnider, Sibylle Grob, Rania Chehade, Jasmine Herzog, Philine Lebküchner, Noela Dähler, Julia Romer und Stella Scagliola. Es fehlen: Tanja Ottiger, Arianna Loria, Zara Aschwanden, Filipa Isabel da Silva Rodrigues und Diana Vincenzi. (Bild zvg.)

Sie haben schon länger im oberen Tabellendrittel mitgespielt, nur für den Aufstieg hat es nie ganz gereicht. Unter ihrem neuen Trainer sind die Frauen des FC Affoltern in der letzten Saison über sich hinausgewachsen. Als Tabellensiegerinnen sind sie aufgestiegen, ab morgen spielen sie in der ersten Liga. Wie ist ihnen das gelungen?

Von: Livia Häberling

24 Füsse sind da, an einem regnerischen Dienstagabend, um 19.59 Uhr, auf dem Kunstrasenplatz im «Moos». Die zitronengelben und die mintgrünen, die pinken und die schwarzen. Nach den Begrüssungsworten joggen 22 Füsse um den Platz. Zwei rennen nicht mit. Sie gehören dem Trainer ­Albert Ott, den hier alle nur «Albi» ­rufen. Der 63-Jährige schreitet über den Rasen und verteilt bunte Plastik­hütchen. Die elf Frauen, die heute zum Training gekommen sind, werden ­später mit diesen Markierungshilfen an ihrer Kondition arbeiten, an Schnelligkeit und Taktik, an Ballführung und Spielübersicht. Damit die kommende Saison für die Fussballerinnen so erfolgreich beginnt, wie die letzte aufgehört hat.

Dabei habe es sich ihr Team ursprünglich gar nicht zum Ziel gesetzt, aufzusteigen, erzählt Simona Püntener tags darauf am Telefon. Die 25-Jährige spielt seit vier Jahren für den FC Affoltern, die vergangene und erfolgreichste Saison in der Mannschaftsgeschichte war ihre zweite als Spielführerin. In der zweiten Liga, ihrer bisherigen ­Stärkeklasse, habe man die Saison meist unter den besten vier beendet. «Um den Tabellensieg und den Aufstieg haben wir jedoch nie gespielt», sagt sie, «dazu fehlte uns die Konstanz.»

Das wusste auch Albi Ott, als er sich bei Simona Pünteners Team im Frühling 2020 als Trainer bewarb. Die ­Mannschaft war dem ehemaligen Nati-B-Spieler ein Begriff, er hatte sie schon spielen sehen und sich, als er von der freien Trainer-Stelle erfuhr, ihre Spielresultate angeschaut. Er wusste, dass ihnen eine schwachklassierte Mannschaft an einem schlechten Tag eine Niederlage bescheren konnte. Doch er wusste auch, dass sie an einem guten Tag in der Lage waren, die Tabellen-führerinnen zu schlagen. «Dieses Team hatte das Potenzial, um vorne mitzuspielen», sagt Albi Ott, doch ihm sei klar gewesen, dass er die Spielerinnen nicht unter Druck setzen durfte, dass nicht der Aufstieg das Ziel sein musste, sondern etwas anderes: «Sie sollen Spass haben am Spiel. Dann kommt der Rest von selbst.»

Die Punkte rasselten zahlreich auf das Konto der FCA-Frauen. Nach der Vorrunde führten sie die Tabelle mit einem Vorsprung von sieben Punkten an. Von der Rückrunde konnten coronabedingt nur die letzten drei Matches gespielt werden. Dank ihres komfortablen Punktepolsters fehlte nur ein Sieg für den Aufstieg.

Und die Frauen nutzten die erste Gelegenheit, die sich ihnen bot: Mitte Juni besiegten sie den SC Veltheim auswärts mit 4:2 und standen zwei Runden vor Schluss als Tabellen­siegerinnen fest. Für die Feier hatte Albi Ott T-Shirts bedrucken lassen. Darauf stand sein Erfolgs-Dreiklang: «Spass, Freude, Aufstieg.»

Grosser Wille zur Verausgabung

Auf dem Sportplatz «Moos» dribbeln die Spielerinnen inzwischen in zwei Gruppen um die farbigen Plastikhütchen. Zunächst wird locker gejoggt, dann soll der Parcours als Wettrennen absolviert werden. Albi Ott stellt sich bei der unterzähligen Gruppe zuvorderst in die Kolonne, ruft: «Los!» und rennt davon. «Huuuere Bschiss», lachen die Gegnerinnen, und eine aus dem Team rennt ebenfalls los.

Sie schätze es, dass Albi Ott bei den Übungen selber mitmache, sagt Zara Aschwanden später am Spielfeldrand. Die 22-Jährige hat vor einem Monat zur Mannschaft gewechselt und erlebt die Trainingsmotivation im Team als hoch. An diesem Dienstag in den Sommerferien sind 11 von 17 Spielerinnen anwesend. «In meiner alten Mannschaft waren wir manchmal zu fünft.» Auch Filipa Rodrigues Da Silva spielt seit Kurzem für Affoltern. «Jedes Team trainiert anders», sagt sie. In ihrem letzten habe der Fokus stark auf der Kondition gelegen, «hier arbeiten wir auch an der Taktik oder ­spielen Matches.»

«Schnäller, Simi!», ruft eine Spielerin ihrer Kollegin während des Parcours-Wettrennens zu. «Go, go, go!» Albi Ott hat in seiner Trainerlaufbahn mit beiden ­Geschlechtern gearbeitet. «Die Frauen habe ich dabei als deutlich disziplinierter erlebt.» Sie würden sich in Übungen ­oftmals fast bis zur Erschöpfung verausgaben, während die Männer in einem ­unbeobachteten Moment häufig einen Gang runterschalteten.

Schmaler Grat als Trainer unter Frauen

Um das konditionelle Gerüst seiner Spielerinnen zu stärken, fordert Albi Ott im anderthalbstündigen Training viel Laufarbeit. Dazwischen streut er koordinative Übungen ein. Einmal sollen sie in möglichst flinken Schrittchen über eine Laufleiter hinwegrennen, die auf dem Rasen liegt. Er feuert sie mit Zurufen an: «Hopp, hopp, hopp!», «jaa, super so!» Da sehe man nun, wer samstags in der Disco sei. «Du bisch ja beweglich wie es jungs Rehli!», ruft er einer Spielerin zu. Bei einer anderen findet er: «Da isch ja mini Grossmueter schnäller!»

Nicht alle Frauen lassen die Neckereien ihres Trainers unkommentiert. Manchmal muss auch er einen Spruch einstecken. Simona Püntener sagt, Albi Ott gelinge es gut, die Spielerinnen zu motivieren. Die Trainings seien zwar streng, aber auch abwechslungs- und lehrreich – und deshalb sehr gut besucht.

An jenem Dienstagabend wirkt die Stimmung auf dem Sportplatz «Moos» positiv aufgeladen, der Umgang eingespielt, vertraut. Wie fragil dieses Beziehungsgebilde tatsächlich ist, sieht man kaum, aber man erfährt es im Einzelgespräch mit Albi Ott. Wie viel Spass liegt drin? Und wie viel Körperkontakt? Wie verhält man sich, wenn eine Spielerin verletzt auf dem Feld liegt? Und was ist mit einem Schulterklopfen als Anerkennung für einen besonders erfolgreichen Einsatz? Für eine Spielerin ist das eine lockere Geste, eine andere fühlt sich möglicherweise begrapscht. «Als Trainer, und gerade als Mann in einem Frauenteam ist man ständig auf einer Gratwanderung.»

Wäre die Zusammenarbeit mit seinem Team jedoch nicht so erfüllend, würde Albi Ott kaum zweimal pro ­Woche aus dem Schwarzwald anfahren. «Es macht mir riesig Freude, mit dieser Mannschaft zu arbeiten», sagt er. In der ersten Liga wollen sie es ab morgen machen wie zuvor in der zweiten: Mit Spass und Freude nehmen sie Schritt für Schritt.

Frauen 1. Liga, Gruppe 2: Samstag, 21. August, FC Staad 1 vs. FC Affoltern a/A, 19.30 Uhr, Sportplatz Bützel, Staad (SG).