"Burgunderprinzessin" in Mettmenstetten
Die Proben sind in vollem Gange, die Theaterbühne im «Rössli» Mettmenstetten erwacht zu neuem Leben. Am 1. Oktober wird zum ersten Mal «Die Burgunderprinzessin» gespielt. Reservierung und Vorverkauf sind angelaufen.

Eine Prinzessin? Jung, quirlig und süss? Oder traurig auf den erlösenden Kuss wartend? Oder hochmütig bis der Prinz kommt, der sie zu zähmen vermag? Die Burgunderprinzessin hat keine dieser Eigenschaften, ja sie ist nicht mal besonders hübsch. Aber eines kann sie mit grossem Durchhaltevermögen: schweigen. Schweigen kann für Menschen enorme Auswirkungen haben; Eltern, die ihre Kinder zur Strafe anschweigen, bringen diese zur Verzweiflung. Auch in einer Partnerschaft kann Schweigen als emotionale Waffe eingesetzt werden, unfair und brutal. Warum die Prinzessin aus dem Burgund das tut, hat wohl keinen dieser Gründe. Und doch bewirkt sie so einiges, provoziert mit grosser Kraft. Der ganze Hof des Prinzen, der sie aus lauter Trotz geheiratet hat, steht Kopf. Dunkle Geheimnisse und Untaten aus der Vergangenheit werden an die Oberfläche geschwemmt. Der Stolz der Adelsleute erhält empfindliche Brüche. Absurdität und Skurriles werden ausgelöst, die Aufrechterhaltung von angenommenen Fassaden verunmöglicht.
Der Autor – ein Provokateur, nicht nur für seine Zeit
Der polnische Autor Witold Gombrowicz (1904 bis 1969) stammte selbst aus Adelskreisen. Die herrschenden Normen in Gesellschaft, Ideologie und Religion sowie Nationalismus und Konventionen in der Kunst und Literatur waren ihm zuwider. In seinen Werken gibt er den Figuren geistige Freiheit, Individualität und das Recht auf Unreife als Form von Widerstand. Stilistisch experimentiert Gombrowicz mit der Vermischung von herkömmlichen Literaturformen, mit Umformungen der Sprache, um deren Unehrlichkeit zu entlarven. Obwohl er als einer der wichtigsten osteuropäischen Autoren bezeichnet und in einem Atemzug mit Kafka und Musil genannt wird, bekommt er doch auch die Bezeichnungen Punk und Provokateur von seinen so verachteten Kritikern. Lange Zeit lebte er in Argentinien, später in Berlin, wo er auch seine Homosexualität in einem Tagebuch akribisch dokumentierte – auch wenn er, über sechzigjährig, noch seine knapp halb so alte Frau Rita heiratete, die sein Geheimnis über vierzig Jahre hütete.
Die Burgunderprinzessin» erschien 1938 erstmals in einer Zeitschrift. Gombrowicz scheint wohl auch mit der Form des Textes beziehungsweise mit dem Schweigen seiner Inspiration gekämpft zu haben, als er diese Shakespearesche Parodie schrieb, während er bei seinem kranken Vater wachte. Die Welturaufführung fand 1957 in Warschau statt, bis dahin hatte er alle 25 Äusserungen der Prinzessin aus der ursprünglichen Version gestrichen. Ingmar Bergmann inszenierte das Stück zweimal, 1980 in München und 1995 in Stockholm. Weltweit wurde und wird es an Theaterhäusern gezeigt. Und auch das Schauspielhaus Zürich spielte «Die Burgunderprinzessin» Anfang 2015 mit Erfolg. Als Laienbühne zeigt sich die Aemtler Bühne mutig, dieses nicht eben einfache Stück aufzuführen. Dazu mit einem blutjungen Regisseur – Nico Jacomet ist gerade mal 26. Er verspricht eine komödiantische Inszenierung. Man darf gespannt sein. Bisher arbeitete er mit Jugendlichen, nun zum ersten Mal mit erwachsenen Schauspielenden; diese berichten von spannenden und durchaus auch heiteren Proben.
Keine Mühe gescheut
Auf der «Rössli»-Bühne wird man einige wohlbekannte sowie neue Gesichter antreffen. Peter Affentranger ist als Bühnenbildner bekannt aus Circolino Pipistrello sowie Karl’s Kühne Gassenschau. Die Musik wurde vom Luzerner Theaterkomponisten und -musiker Christov Rolla eigens geschrieben.
Natalie Péclard ist nicht zum ersten Mal für die Aemtler-Bühne-Kostüme verantwortlich. Unzählige helfen im Hintergrund, unzählige Stunden Freizeit werden investiert, Sponsoren zeigen ihr Vertrauen auch in ein gewagteres Projekt, keine Mühe wird gescheut, um dem Publikum im Säuliamt und von weiter her einen spannenden und aussergewöhnlichen Theatergenuss zu bieten. Die Aemtler Bühne freut sich auf die Premiere vom 1. Oktober und die folgenden 15 Aufführungen im Mettmenstetter «Rössli».


