«Der individuelle öffentliche Verkehr wird unser Leben verändern»
Geht es um Elektromobilität, kommt das Gespräch heute oft auf Fragen der Reichweite pro Batterieladung und Schnellladesysteme. Diese Diskussion könnte sich schon bald erübrigen, meinte Kantonsrat Olivier Hofmann in seinem Referat über Mobilität der Zukunft an der Tagung vom Freitag.

«Die Mobilität der Zukunft heisst individueller öffentlicher Verkehr – iöV», begann Olivier Hofmann seine Ausführungen. Möglich wird der iöV mit Fahrzeugen ohne Fahrer. Ein Beispiel: Ein User benötigt einen Lieferwagen, um Möbel von Hausen am Albis nach Zürich zu fahren. Dort trifft er seine Partnerin zum Nachtessen, anschliessend fahren sie zu zweit nach Hause.
Der Hausemer User bestellt per App den Lieferwagen, der pünktlich vor seiner Türe steht, beordert diesen an die Zieladresse in Zürich. Unterwegs bearbeitet er E-Mails, dann lädt er die Möbel aus und trinkt einen Kaffee mit seinen Freunden, während der Lieferwagen selbstständig zum nächsten Einsatz fährt. Für den Weg zum Restaurant reicht ihm ein Einplätzer, der ihn abholt, vor dem Eingang abliefert und anschliessend selbstständig weiterfährt. Nach dem romantischen Dinner mit seiner Partnerin fahren die beiden in einem Zweiplätzer sicher nach Hause. Der Grappa zum Schluss des Essens ist kein Problem, denn die Steuerung des Fahrzeugs ist immer nüchtern.
IöV setzt auf geteilte Fahrzeuge, die jederzeit verfügbar, sauber, leicht und autonom sind. Dies relativiere die Anforderungen an die Reichweite, hält Olivier Hofmann fest, denn die Fahrzeuge berechnen ständig, wie weit sie noch fahren können, kennen die Ladestationen, die sie bei Bedarf selbstständig aufsuchen, können sich ablösen, wenn eine sofortige Weiterfahrt erwünscht ist.
Versuche mit selbstfahrenden Autos sind in vollem Gang. Für Projekte wie Catch-Car in Basel sind Apps entwickelt worden, welche die gemeinsame Nutzung von Fahrzeugen steuern. Bei Blitzzcar wird das gemietete Auto vor die Haustür gestellt, was gegenüber den bisherigen Carsharing-Angeboten eine grundlegende Neuerung darstellt.
Uber wird in absehbarer Zeit auch in der Schweiz das Angebot Pool anbieten, das zwischen Fahrern und möglichen Mitfahrenden vermittelt. Der Unterschied zum Autostoppbesteht einerseits in der verbindlichen Vereinbarung über Fahrstrecke und Zeit bereits bei der Planung der Fahrt, anderseits in der Sicherheit, dasowohl Fahrer als auch Mitfahrende identifizierbar sind.
Die Entwicklung der verschiedenen Technologien, die für autonome Fahrzeuge erforderlich sind, ist so weit gediehen, dass Olivier Hofmann damit rechnet, dass es bereits in wenigen Jahren nicht mehr selbstverständlich ist, dass jedes Auto von einem Mensch gesteuert wird. Alle werden berechtigt sein, autonome Fahrzeuge zu benutzen, eine öffentliche Flotte wird iöV ermöglichen und zuerst im ländlichen Raum den heutigen öV überflüssig machen: «Der iöV wird den Siedlungsdruck in Kultur- und Naturlandschaften massiv erhöhen und die Umsetzung der heutigen Raumplanungskonzepte verunmöglichen.» Mit Blick auf den Bezirk Affoltern kommt Hofmann zum Schluss: «Es wäre für das Knonauer Amt eine grosse Chance, wenn es bezüglich iöV eine Vorreiterrolle einnehmen würde.»
Vielfältige Fahrzeugkonzepte
Die marktgängigen Fahrzeugkonzepte nehmen mit der Elektromobilität rasch zu. An der Tagung zur Elektromobilität stellte Heidi Hofmann, Geschäftsführerin von NewRide, dem Schweizer Kompetenzzentrum für Elektrozweiräder, die Ergebnisse des Projektes «Elektrozweiräder in Unternehmen und Verwaltungsabteilungen» vor. 16 private und öffentliche Betriebe haben im Rahmen mehrwöchiger Mietverträge leichte Elektrofahrzeuge vom E-Bike bis zum Renault Twizy getestet. Im Anschluss an das Projekt haben verschiedene Betriebe die gemieteten E-Bikes erworben, ein KMU hat sich zudem für einen Twizy entschieden. Da bei allen Elektrofahrzeugen, bei welchen die Batterie erworben wird, die Betriebskosten im Vergleich zum Anschaffungspreis sehr bescheiden sind, wird der Betrieb mit einer Steigerung der Fahrleistung immer kostengünstiger.
Bei einer Fortführung des Projektes müsste die Palette nach oben geöffnet werden, stellte Heidi Hofmann fest, da zurzeit bereits verschiedene elektrische Lieferwagen im Einsatz sind. Dies unterstrich in der Diskussion der Hausemer Othmar Maag, dessen Firma Maag & Wetli AG erfolgreich einen Nissan e-NV200 einsetzt. Positive Erfahrungen haben regional ausgerichtete Betriebe auch mit den elektrischen Renault Kangoo, Citroën Berlingo und Peugeot Partner gemacht.
Das bisher erfolgreichste elektrische Fahrzeugkonzept in der Schweiz ist der Kyburz DXP, von dem die Post 6000 Fahrzeuge einsetzt. Das dreirädrige Transportfahrzeug ist unter dem Namen DXS individuell konfigurierbar für die Bedürfnisse von Gemeindebetrieben und Unternehmen. Es eignet sich besonders dort, wo auf kurzen Strecken viele Stopps vorkommen, sei es in Werkhallen, bei Gemeindewerken, in Gärtnereien, Spitälern oder auf Baustellen. Die Kyburz-Fahrzeuge werden im Zürcherischen Freienstein angefertigt.
Während der Kyburz auf maximale Belastbarkeit und geringem Verschleiss bei häufigen Bremsvorgängen ausgelegt ist, steht bei Zero die Geschwindigkeit im Vordergrund. Der Elektrofahrzeugspezialist Jonas Moser, der mit seiner Firma elfar in Unterentfelden Fahrzeuge des führenden amerikanischen Elektromotorrad-Herstellers importiert, stellte den speziell für Polizeibedürfnisse ausgerüsteten Zero SR vor, der in 3.3 Sekunden von 0 auf 100 beschleunigt, gleichzeitig aber auch in der Lage ist, durch enge Gässchen oder über Treppen zu fahren. Jonas Moser empfiehlt das Fahrzeug ausser für Polizeicorps namentlich auch für Notärzte und Führungskräfte der Feuerwehr.
Firma Schweizer: Der Ort ist Programm
Gastgeberin der 3. Elektromobilitätstage Knonauer Amt war die Ernst Schweizer AG, Metallbau, in Hedingen. Als Herstellerin von Sonnenenergie-Systemen schafft sie eine wichtige Voraussetzung für CO2-neutralen Verkehr: Wer auf dem eigenen Dach den Strom für seine Elektrofahrzeuge generiert, fährt nicht nur umweltgerecht, sondern auch wirtschaftlich effizient, denn der selbst genutzte Strom ersetzt teuren Strom vom Netz. Innovative Konzepte zur Speicherung von elektrischer Energie sind bereits auf dem Markt oder befinden sich in der Entwicklung. Fazit der Tagung: So rasch, wie sich die Telekommunikation in den vergangenen zehn Jahren verändert hat, werden sich die Verkehrsmittel in den kommenden zehn Jahren entwickeln.


