«Die Realität ist der grösste Fantast»
Wilfried Meichtry las in der Buchhandlung Scheidegger in Affoltern aus seinem neusten Buch

Wilfried Meichtry hat sie nicht gesucht, die Geschichte über Katharina von Arx. Sie hat ihn gefunden, interessiert und nicht mehr losgelassen. Nach dem Buch «Die Welt ist verkehrt, nicht wir!» befasst sich der Autor nun mit der Verfilmung der Biografie des reisenden und schreibenden Paares Katharina von Arx und Freddy Drilhon. Auch Katharina und Freddy haben sich nicht gesucht. Sie haben sich gefunden, interessiert und nicht mehr losgelassen.
Das Archiv – ein Offenbarung
Der Funke sprang über, als die 80-jährige Katharina von Arx Wilfried Meichtry ihr privates Archiv öffnete. Der Historiker war sich bewusst, hier einen Schatz gefunden zu haben, den es so aufzuarbeiten galt, dass die Leben der beiden einzigartigen Persönlichkeiten echt und authentisch erzählt wurden. Der Roman ist nicht nur ein Roman, sondern auch Zeitgeschichte vom Zweiten Weltkrieg bis zur Jahrtausendwende.
Kisten und Stapel von Zeitungsausschnitten, Manuskripten, Fotos und Briefen hat der Autor im 800 Jahre alten Haus des Priors in Romainmôtier gesichtet, geordnet und ausgewertet. Katharina von Arx wohnte in ihrer kleinen Wohnung im Priorenhaus. So konnte Meichtry mit Trouvaillen aus dem Archiv immer gleich direkt das Gespräch mit ihr suchen, bis zu ihrem Tod 2013. Die Geschichte der beiden zugleich starken und verletzlichen Menschen beweist einmal mehr: «Die Realität ist der grösste Fantast.»
Katharina von Arx
Die Mutter war moralisch und schwierig, der Vater einfach verschwunden. Katharina von Arx reagierte mit Freiheitsdrang und Rebellion. Was sie von anderen Frauen ihrer Zeit unterschied: Sie sperrte sich gegen eine Ehe und sie verstand es – wie man heute sagt – zu vernetzen. Sie hatte zeit ihres Lebens die Gabe, auf Menschen zu stossen, die sie förderten, unterstützten und ihr die Türen zu interessanten Welten öffneten.
Bekannt wurde Katharina von Arx durch ihre Reise, die sie allein als 25-Jährige rund um die Welt machte – ohne Geld. Nach ihrer Rückkehr entstand daraus 1956 der Bestseller: «Nehmt mich bitte mit: Eine Weltreise per Anhalter», der nun wieder neu aufgelegt wurde. Den zweiten Bestseller landete Katharina von Arx 1975 mit ihrem biografischen Roman «Mein Luftschloss auf Erden», der von der aufwendigen Restaurierung des Priorhauses, das sie «Schloss» nannte, erzählt. Denn Katharina von Arx wollte ihre Luftschlösser auch bewohnen.
Freddy Drilhon
Auch die Kindheit von Freddy Drilhon war absolut nicht geprägt von Geborgenheit und Verständnis. Die grossbürgerlichen Eltern verstiessen ihn, als er sich mit 16 Jahren zur Armee meldete, um mit de Gaulles Forces françaises libres mit den Alliierten gegen Hitler in den Krieg zu ziehen. Er war zuerst in U-Booten in Kriegseinsatz, U-Boote, die man damals eiserne Särge nannte. Traumatisiert von den Seeschlachten des Zweiten Weltkriegs verliess der19-jährige Freddy Drilhon 1946 Europa als Matrose. Er reiste durch die Südsee und lebte längere Zeit bei einem ehemaligen Kannibalen-Stamm.
Nicht ohne einander – und nicht zusammen
Katharina von Arx und Freddy Drilhon lernten sich 1956 in der Südsee kennen. Sie reisten zusammen drei Jahre lang durch wenig erforschte Gebiete und verfassten Reportagen, die sie in ganz Europa bekannt machten. 1958 kehrten sie mit eindrücklichen Fotos, Filmaufnahmen und der kleinen Tochter Frédérique nach Europa zurück und entdeckten das Priorenhaus in Romainmôtier, dessen Sanierung ihre Beziehung so belastete, dass es zu einer Trennung kam. Freddy Drilhons Leben nahm eine tragische Wende. Als das Paar nach langen Jahren der Krise wieder einen gemeinsamen Weg zu finden schien, war es zu spät. Mit knapp fünfzig Jahren starb Freddy Drilhon im Jahr 1976. Katharina von Arx fühlt sich schuldig am frühen Tod ihres Mannes. Doch, wie der Titel der Paar-Biografie von Wilfried Meichtry sagt: «Die Welt ist verkehrt, nicht wir!»


