Ein Aeugster entschlüsselt die Keramik-Geheimnisse der Antike
Johannes Weiss fertigt für Museen Kopien von römischen und griechischen Gefässen an
Am liebsten hätte er seine Töpfereien mit «Albinus» signiert, dem römischen Wort für seinen Nachnamen, erklärt Johannes Weiss, Grabungstechniker aus Aeugst. Weil es in der Römerzeit einen Töpfer mit diesem Namen gab, musste er davon allerdings Abstand nehmen. «Ich wollte nicht als Fälscher Probleme bekommen», sagt er und lächelt. Stattdessen entschied er sich für die griechische Version «Leucos» oder latinisiert «Leucus». Entsprechend ist in seinen Gefässen «Leucusf» eingestempelt, die Kurzform von «Leucus fecit» (Weiss hats gemacht) oder «OfLeucus» für «Officia Leucus» (aus der Werkstatt von Weiss).
Wasserdichtes Geschirr in Massen
Doch zuerst galt es, die vor rund 1500 Jahren verlorene Technik wieder zu entdecken, mit der die Römer ihre glänzend roten und ohne Glasur wasserdichten Tonwaren hergestellt haben. 20 bis 30 Jahre habe er am Geheimnis hinter der «Terra Sigillata» getüftelt, verrät der gelernte Möbelschreiner, der sein Hobby Archäologie zum Beruf gemacht hat. Um unvoreingenommen an die Thematik heranzugehen, hat er sich das Töpfern von Grund auf selber beigebracht. Zahllose Übungsstücke zeugen von der Auseinandersetzung mit verschiedenen Materialen, Techniken und Brennverfahren. Die Drehscheibe mit Fussantrieb in seiner Atelier-Scheune ist ebenso Eigenbau wie die verschiedenen Brennöfen aus alten Biberschwanzziegeln im grossen Garten.
Die veredelte «Terra Sigillata» war so revolutionär, dass sie sich im ganzen Römischen Reich durchsetzte. Kein Wunder wurde die rötlich glänzende, harte und sogar wasserdichte Keramik in Massen gefertigt. So fanden sich historische Öfen für bis zu 50000 der stapelbaren Schalen und Teller. Von einem deutschen Forscher erhielt Weiss den Tipp, feinen Schlicker aus Regenwasser und eisenreichem Ton auszuschlämmen und mit Essig abzusetzen. Den charakteristisch rötlichen Farbton erreichte der Kollege damit allerdings nicht. Und so tüftelte der Aeugster weiter. Die Zugabe von Hämatit erzielte den gewünschten Effekt: «Heute bringe ich «Terra Sigillata» hin, die sich praktisch nicht vom Original unterscheiden lässt», so Weiss. Deshalb musste er einige seiner Kreationen sogar mit der Aufschrift «Kopie» kennzeichnen.
Griechen brannten anders
Den gleichen Überzug, den die Römer für die Veredelung ihrer Gefässe nutzten, hatten vor ihnen schon die Griechen verwendet. Allerdings bedienten diese sich eines anderen Brennverfahrens: «Wenn der Ofen bei voller Hitze verschlossen wird, entsteht eine reduzierende Atmosphäre», erklärt Johannes Weiss. Damit der gewünschte Kontrast von rötlichem Tonuntergrund und schwarzem Überzug entsteht, muss das Timing allerdings ganz genau stimmen. Das sei selbst den Griechen nicht immer geglückt, weiss Weiss. In den Museen werden allerdings oft nur die besten Stücke ausgestellt.
Mit gestempelten Formschüsseln, wie sie schon in der Antike Verwendung fanden, kann Johannes Weiss komplexe Relief-Gefässe nachbilden. Weiter hat sich der Aeugster auch die Barbotine-Technik angeeignet. Knackpunkt dieser Verzierungen, die wie beim Konditor mit einem Spritzsack aufgetragen werden, sind die grossen Spannungen. So gehen die Verzierungsreliefs aus feuchtem Ton beim Trocknen viel stärker ein als das schon ziemlich feste Gefäss.
Keramik aus der Bodengrube
Die Griechen haben die Keramik zur Kunstform verfeinert, die Römer zur Massenproduktion optimiert, den Nutzen von Tongefässen kannten allerdings bereits vorgeschichtliche Kulturen. Sie haben darin gekocht und Vorräte aufbewahrt. Auch ihren Techniken ist Johannes Weiss auf den Grund gegangen. Um Spannungsrisse, die durch unregelmässige Hitze entstehen, zu vermeiden, zerklopfte man Urgestein und mischte den entstandenen Sand in den Ton. Damals wurden die Gefässe in Bodengruben gebrannt. Der Aeugster erklärt: «Faustgrosse Steine werden im Feuer erhitzt. Wenn nur noch Glut da ist, verteilt man das Geschirr auf den glühend heissen Steinen.» Mit Temperaturen, die unter 300 Grad liegen müssen, ist nach einer Stunde die Restfeuchtigkeit aus dem Ton verschwunden. Dann heisst es nochmals einfeuern und die Grube mit Heu und einer Schicht Asche zudecken. Wenn diese Deckschicht ganz luftdicht ist, werden die Gefässe tief schwarz.
«Sachen, die ich noch nie gemacht habe, reizen mich», sagt Johannes Weiss. Und so wird er auch in Zukunft weiter tüfteln. Noch erarbeiten will er sich etwa das Geheimnis der marmorierten römischen Terra Sigillata.








