«Ein einzelnes Bier im Ziel ist kaum ein Problem»
Fortsetzung des Interviews zu Ernährungsfragen von Sportlerinnen und Sportlern von Seite 1

Frau Flück, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war das Wissen über Sporternährung vergleichsweise begrenzt. In den letzten Jahrzehnten hat die Forschung enorme Fortschritte gemacht. Wie gross ist der Anteil der Ernährung an den Leistungssteigerungen, die gerade in Ausdauersportarten zu beobachten sind?
Joëlle Flück: Diese Frage lässt sich nicht mit exakten Zahlen beantworten, doch der Zusammenhang zwischen Ernährung und Leistung ist eindeutig. Das Wissen ist dabei nicht durchwegs neu, doch die Verbreitung der Erkenntnisse vom professionellen Bereich über die Eliteamateure bis zum Fitnesssport hat enorm zugenommen. Dies zeigt sich beispielsweise bei den afrikanischen Läufern im Marathon, die es lange Zeit von zu Hause aus gewohnt waren, einen Wettkampf ohne oder mit sehr wenig Verpflegung durchzulaufen. Inzwischen haben sie erkannt, wie viel leistungsfähiger sie sind, wenn sie genügend Flüssigkeit, Kohlenhydrate und Salze zu sich nehmen.
Sie sind selbst Spitzenläuferin. Testen Sie Ihre Erkenntnisse auch selbst?
Ich bin neugierig und teste selbst, was ich den Athletinnen und Athleten, die ich betreue, empfehle. Ich weiss, wie wichtig es ist, die im Wettkampf verwendeten Produkte zu trainieren, und setze dies konsequent um, denn ich muss im Voraus testen, welche Produkte mein Magen in welcher Menge erträgt und verarbeiten kann. Ein Beispiel: Bicarbonat, ein chemischer Säurepuffer, der die Übersäuerung der Muskeln hinauszögern soll, bringt mir persönlich in einem Marathon nicht viel. Ich habe es dennoch getestet, um, neben der Forschung, auch meine eigenen Erfahrungen zu machen.
Sie haben sich in Ihrer Dissertation mit Supplementen befasst. Wo liegt der Unterschied zwischen Supplementierung und Doping?
Nahrungsergänzungsmittel, also Supplemente, sind dazu da, die normale Ernährung zu ergänzen. Sie enthalten Nährstoffe in konzentrierter Form, als Getränk, Tablette oder als Lebensmittel. Als Doping wird ein solches eingestuft, wenn mindestens zwei von drei Kriterien erfüllt sind: Das Produkt steigert die Leistung, gefährdet die Gesundheit der Athleten und die Anwendung widerspricht den ethischen Werten des Sports wie Fairness und Integrität. Wissenschaftlich ist Doping somit klar definiert, die Listen mit verbotenen Substanzen oder Methoden regeln dies und es gibt kaum Grauzonen.
Koffein als Beispiel war zeitweise verboten, jetzt ist Koffein wieder erlaubt.
Man weiss, dass hohe Dosierungen von Koffein gefährlich oder gar tödlich sein können. Koffein wirkt nur begrenzt leistungssteigernd. Es konnte gezeigt werden, dass sich bei sehr hohem Konsum die Leistung verschlechtert. Koffein wurde deshalb wieder von der Wada-Liste der unerlaubten Substanzen entfernt. Das Monitoring von Koffein bei Dopingkontrollen wird aber fortgeführt, um den Konsum im Sport weiter zu beobachten.
In den Anfängen der Tour de France wurde unterwegs ziemlich viel Alkohol getrunken. Wurde Alkohol auch schon verboten?
Für gewisse Sportarten, beispielsweise Motorsport, ist Alkohol aus Sicherheitsgründen verboten. In den meisten Sportarten ist aber klar ersichtlich, dass Alkohol die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.
Es gibt grosse Ausdauerwettkämpfe, bei welchen im Ziel ein Bier angeboten wird, nicht immer nur alkoholfreies. Behindert dessen Konsum die Regeneration?
Ein einzelnes Bier im Ziel ist kaum ein Problem, aber sicherlich nicht ideal. Gerade wenn man überhitzt, im Flüssigkeitsmangel und nicht gewohnt ist, Alkohol zu trinken, kann man sich unwohl fühlen. Am besten für die Regeneration ist es, rasch die unterwegs verbrauchten Substanzen, insbesondere Flüssigkeit, Kohlenhydrate und Salz, zu ersetzen. Dieser Prozess wird von einem Bier zumindest nicht unterstützt.
Ist Sportmagersucht ein häufiges Problem?
Es gibt verschiedene Essstörungen, die – nicht nur – im Sport zu beachten sind. Sie treten etwas häufiger bei Frauen auf, können aber durchaus auch Männer betreffen. Oft sind Essstörungen kombiniert mit sogenannter Sportsucht, das heisst mit zu häufigem, zu intensivem Training, das den Körper schwächt, statt stärkt.
Wie sehen Sie Ihre eigene sportliche Zukunft?
Für mich ist Sport ein Ausgleich zur Arbeit. Wettkämpfe helfen mir, dass ich mir genügend Zeit zum Training nehme, denn es findet sich immer ein guter Grund, um zu arbeiten, statt sich zu bewegen. In diesem Jahr plane ich, an der Halbmarathon-Schweizer-Meisterschaft und am Luzern Marathon teilzunehmen.


