Ein wacher, denkender Geist und ein ganz einfacher Nachbar

Karl Alexander Müller ist am 9. Januar, 96-jährig, gestorben. Dem Physiker und Hedinger Ehrenbürger wurde 1987, ­gemeinsam mit dem deutschen Mineralogen Georg Bednorz, der Nobelpreis in Physik verliehen für die bahnbrechende Entdeckung der sogenannten Hochtemperatur- oder Kuprat-Supraleiter.

Sich bedeutender und verdienstvoller Menschen nach deren Hinschied zu erinnern, ist eine wohlbegründete Gepflogenheit. So gingen denn auch die Nachrufe auf Karl Alexander Müller, genannt Alex Müller, vergangene Woche durch die Medien. Redaktionen weltweit bemühten sich eilfertig, aus dem Archivmaterial Artikel unter dem Strich zusammenzustellen.

Sinnend und zugleich bescheiden

Da es nicht lohnt, über Bekanntes und dieser Tage oft Wiederholtes, noch zu schreiben, wollen diese Zeilen auch gar nichts über die Wissenschaft Müllers und sein Gewicht als Physiker und Forscher nachtragen oder hinzufügen. Es ist der Mensch Alex Müller, der mir – ich durfte ihn 1987 als Nobelpreisträger für den «Anzeiger» interviewen – im ­Gedächtnis geblieben ist. Da sass er also 1987, der frischgekürte Nobelpreisträger in Physik, in seinem schmucken Häuschen oberhalb des Dorfkerns von Hedingen. Wie ein ganz einfacher Nachbar mit durchaus eindrucksvollem Gesicht, das die ­Summe von Erfahrungen, Anfechtungen und Erfolgen vereint spiegelte. Es sprach aus, was er in seiner ihm eigenen Bescheidenheit selbst wohl kaum ausgesprochen haben würde. Gefurchte Stirn und über Bart und Schnauz ein Augenpaar, das fortwährend zu lächeln schien – nichts, das nicht «spräche». Dieses Gesicht war ein Feld, das von Hoffnungen umspielt war, bewegt von den Eingebungen und Regungen eines wachen, denkenden und forschenden Geistes, von Entschiedenheit zeugend, wie es gleichsam Güte ausstrahlte.

Diese, seine sinnende und zugleich ­bescheidene Haltung, bewegte mich sehr. Wir schwatzten über dies und das, über Alltägliches, aber kaum über seine verdiente Auszeichnung und schon gar nicht über die Erforschung und Ent­deckung, für die er diese Ehre bekam. Seinerseits wohl vor allem auch aus Rücksicht, weil er wohl wusste, dass die komplexe Materie meinen intellektuellen Horizont weit überstieg.

Ich war ihm dankbar, dass er zwar ein eigentlich nie sein Denken unterbrechender Geist war, aber dennoch mit mir darüber sprach, wie Zuhause seine Frau und er sich in Hedingen fühlten, wie er um das Haus herum gärtnerte oder wie er auf dem Garagenvorplatz sein Auto wusch.

Bescheidenheit war Alex Müllers Zier. Klar, es fehlte nicht an wissenschaftlich-beruflichen Leitersprossen – 1970 – 1987 Titularprofessor und 1987 – 1994 Professor für Festkörperphysik an der Universität Zürich –, ebenso ­wenig an Ehrungen; die grösste wurde ihm mit der Verleihung des Nobelpreises zuteil. Damals, im gemütlichen Gespräch, aber schien es mir, war sein «Denkgebäude» stets ein persönliches Haus und keine öffentliche Markthalle. Auch dies machte Alex Müller zu einem äusserst sympathischen, liebenswerten Menschen.

 

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