Einwandern ins Knonauer Amt
Das Neujahrsblatt 2016 der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirkes Affoltern

Das Neujahrsblatt 2016 gibt einen historischen Überblick über die Entwicklung der Einwanderung in unserem Land mit Einblicken in die Situation im Knonauer Amt. Der Wandel der Schweiz von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungsland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts widerspiegelt sich auch in den Zahlen von Affoltern: Noch 1850 lebten bei einer Gesamtbevölkerung von 1855 nur 16 Ausländer im Bezirkshauptort.
Während gewisse Gebiete der Schweiz bereits Ende des 17. Jahrhunderts Hugenotten im grösseren Umfang Asyl gewährten, liessen sich bis Ende des 19. Jahrhunderts nur wenige Ausländer im Knonauer Amt nieder. Zu dieser kleinen Gruppe gehörten gut ausgebildete Handwerker aus Süddeutschland. Zwischen 1880 und 1914, dem Beginn des Ersten Weltkrieges, strömten vermehrt Bau- und Textilarbeiter, vom Wirtschaftsaufschwung in der Schweiz profitierend, auch ins Säuliamt und ermöglichten, namentlich im Bauwesen, die Ausführung von wichtigen Vorhaben. Um die Jahrhundertwende betrug der Ausländeranteil in Affoltern 10 Prozent; gegenwärtig beträgt er rund 26 Prozent im Bezirkshauptort. Wie schwierig es ist, «Ausländer» zu definieren, beweist der Umstand, dass bis zur Gründung des Bundesstaates im Jahre 1848 beispielsweise ein Glarner, der in den Kanton Zürich zog, dort als «Ausländer» galt und damit rechtlich auf gleicher Stufe wie ein von ausserhalb der Schweiz Eingewanderter stand. Den Schweizer Pass gibt es erst seit 1915! Meilensteine fassen die wichtigsten Stationen der Einwanderung und des Asyls bis in die Gegenwart zusammen.
«Svizzero» in Italien
Der Schwerpunkt des aktuellen Neujahrsblattes liegt aber nicht auf den historischen Fakten, sondern auf den Geschichten von Einwanderern ins Knonauer Amt aus Vergangenheit und Gegenwart. Ihre lebendigen Porträts geben dem vielschichtigen Thema ein Gesicht. Sie zeigen auf, was die Menschen zur Auswanderung bewog, welche Erfahrungen sie im Bezirk Affoltern sammelten und wie es ihnen schliesslich gelang, sich zu integrieren. In diesen Geschichten wird ein bunter Bogen gespannt. Er reicht von einem Handwerker aus Süddeutschland, den die Liebe nach Hedingen führte, über Auswanderer-Schicksale von Italienern und Italienerinnen und anderer Nationen bis zu Menschen, die vor dem blutigen Bürgerkrieg in Sri Lanka flüchteten. Eine junge Familie, die unter den Schutzgeld-Erpressungsversuchen der Camorra litt und sich deshalb zum Auswandern entschloss, gehört ebenso dazu wie der zehnjährige Antonio, welcher in den 1890er-Jahren in die Schweiz immigrierte, um sein Brot als Pflasterjunge zu verdienen und dabei am Bau der katholischen Kirche in Affoltern mitwirkte. «In meinem Geburtsland werde ich wegen meiner Schweizer Tugenden als «Svizzero» bezeichnet», erzählt ein erfolgreich integrierter Italiener, der stolz auf seine Wurzeln ist und die italienische Kultur weiterhin pflegt. Bei ihm und vielen dieser Porträts wird deutlich, dass eine gelungene Integration die Pflege der ursprünglichen kulturellen Werte keineswegs ausschliesst. Der Bericht über das Fest der Kulturen, in dem Mitwirkende aus verschiedensten Nationen ihre kulinarischen Spezialitäten und ihre musikalischen und tänzerischen Fähigkeiten demonstrieren, zeugt eindrücklich davon. Hinter der Fröhlichkeit dieses farbenfrohen Festes liegen jedoch oft tragische Schicksale. Besonders betroffen sind unbegleitete Minderjährige, die im Lilienberg auf ihrem schwierigen Weg zur Integration unterstützt werden.
Ein Inserat, 1970 im «Anzeiger» erschienen, zeigt den Genfer Henri Dunant, Gründer des Roten Kreuzes, mit schmutzigen Händen. Dieser Artikel des Neujahrsblattes beleuchtet, wie die «Schwarzenbach-Initiative» in unserem Amtsblatt behandelt wurde und offenbart das Abstimmungsverhalten im Bezirk. Abgerundet wird das vielschichtige Neujahrsblatt durch die Rubrik «Wussten Sie, dass..? in welcher eine Fülle von wissenswerten und überraschenden Details auftaucht. Wussten Sie beispielsweise, dass 1974 in der Primarschule Affoltern über 300 von 720 Kindern Ausländer waren, was spezielle Einführungsklassen für Italienisch Sprechende notwendig machte?


