«Er steht mit beiden Beinen in der Wirtschaft»

Polemik, Skurriles und Humorvolles in früheren Wahlkämpfen

In den 90er-Jahren wurden noch ganze Seiten im «Anzeiger» mit Wahlpropaganda gefüllt. Ein Traum für jeden Verlagsleiter. (Bilder Archiv «Anzeiger»)

In den 90er-Jahren wurden noch ganze Seiten im «Anzeiger» mit Wahlpropaganda gefüllt. Ein Traum für jeden Verlagsleiter. (Bilder Archiv «Anzeiger»)

Natürlich existieren sie immer noch, die klassischen Wahlhilfen: Inserate, Plakate, Flyer oder die Leserbriefspalten. Aber sie haben in Zeiten von Facebook, Instagram, X, Tiktok und anderen sozialen Medien an Bedeutung eingebüsst. Wahlempfehlungen und Statements zu aktuellen politischen Fragen finden sich häufig auf solchen Plattformen, auch angereichert mit Polemik und skurrilen Aussagen.

Nun, Polemik, Skurriles und Humor begleiteten Wahlkämpfe schon in früheren Zeiten, im Säuliamt besonders in den 1980er- und 1990er-Jahren. Auf Flugblättern, aber vor allem in Inseraten. Rund einen Monat vor dem Wahltermin fanden sich jeweils auf mehreren Seiten (pro Ausgabe!) nicht nur profane Wahlempfehlungen und Konterfeis mit hoffnungsvoll lachenden Kandidatinnen und Kandidaten. Da ging es auch hart zur Sache. «Besorgte Bürger» und «unabhängige Wähler», vereint auch in Ad-hoc-Komitees, teilten auf vier, fünf oder gar zehn Spalten ordentlich aus, spielten voll auf den Mann (viel weniger auf die Frau). Beinahe inquisitorischer Eifer begleitete Empfehlungen für und vor allem gegen gewisse Anwärter für den Gemeinderat, die Schulpflege oder für andere Behörden. Auch Pfarrer wurden nicht verschont. «Nicht verzagen, Pfarrer X jagen», stand da schwarz auf weiss, unterschrieben von «besorgten Katholiken». Für «ebenso besorgte Eltern und Mitchristen» nichts anderes als ein »FEDHUWA»-Theater (Abkürzungen für damalige CVP-Exponenten). Auch der Kommunismus musste herhalten, um einen SP-Gemeinderatskandidaten in Obfelden zu verhindern. Anfang der 80er-Jahre geisterte der «Igor Rotwasser» durch die Inseratespalten. Mit Hammer und Fisch versehene Annoncen warnten mit solcherlei Sprüchen: «Wir wandern. Zwar unterwandern wir Sie. Aber wir wandern.» Dann wieder: «Wählen Sie rot, dann sind Sie Ihre Kinder los.»

Wahlkampf mit Prominenz

Auch ein Prominenter kandidierte im gleichen Wahljahr für den Aeugster Gemeinderat: Mario Corti, damals stellvertretender Direktor der Schweizerischen Nationalbank und später (erfolgloser) Swissair-Sanierer. «Weil er der richtige Mann ist. Einem Mann mit Humor kann man trauen – er nimmt sich selber nicht zu ernst», hiess es im Wahlinserat. Corti wurde gewählt und fungierte als Finanzvorsteher. Fast gleichzeitig erregte ein Inserat zum Aeugster Wahlkampf Aufmerksamkeit: «Im Dorf ist ein Revolverheld. Er publiziert und zieht ins Feld. Mit kampfbereitem Komitee – Patronenspitze: EFDEPEE.»

Vier Jahre später, 1986, sorgten ein paar pfiffige Jünglinge für etwas Pfeffer im Affoltemer Wahlkampf. Sie brachten sich mit einer fast zeitungsseitegrossen Karikatur über die Konkurrenz und träfen Sprüchen als EOP-Partei (Entweder-oder-Partei) ins Spiel, aber stets oberhalb der Gürtellinie. «Unsere Lebenserwartung liegt 20 bis 25 Jahre über der unserer politischen Gegner.» Amüsant dann auch ihr Inserat unmittelbar vor dem Urnengang, als man «alli Lüt vo Affoltere» zur Siegesfeier einlud.

Fridolin frisst auch faule Äpfel

1994 erregte, einmal mehr in Obfelden, «Der Apfelfreund» Aufmerksamkeit. Er wetterte «vom faulen und wurmstichigen Apfel, der trotzdem im Korb bleibt». Die vorerst anonym geführte und mit einem Flugblatt abgeschlossene Kampagne führte letztlich zur Abwahl des angeschossenen FDP-Bauvorstands und zu einer (erfolglosen) Wahlbeschwerde. Aber sie sorgte auch für Heiterkeit. Turner kreierten ein Inserat, auf dem das Schwein Fridolin zur Wahl empfohlen wurde. «Er frisst auch faule Äpfel» stand da zu lesen.

In Wahlkämpfen dominierten in der Tat nicht nur Gehässigkeiten. Es war auch viel Humor im Spiel. Etwa dann, als ein Affoltemer Wirt als Gemeinderat empfohlen wurde. «Er steht mit beiden Beinen in der Wirtschaft», stand da geschrieben. Wie wahr … «Affoltern wählt clever – Jucker for ever» hiess es andernorts in grossen Lettern. Oder, ebenfalls gereimt: «Mir bruched kein Schnuri, sondern en Macher. Darum Rickenbacher.» Im Bezirkshauptort machte auch «s’Würmli» Wahlkampf, etwa mit der Empfehlung: «Wähle nicht GUT – wähle besser.» Eine Empfehlung im Zusammenhang mit dem damals geplanten, umstrittenen Einkaufszentrum «Drüü Öpfel». In selbst entworfenen Inseraten gingen Kandidaten mit Negativ-Werbung auf Stimmenfang. Zum Beispiel: «Alt und debil – Peter X ist unser Ziel», empfahl sich ein Gemeinderatskandidat mit dieser Eigenwerbung.

1998 wurde es ruhiger in Wahlkampfzeiten – auch deshalb, weil Angriffe enthaltende Annoncen mit Klarnamen unterzeichnet werden mussten. Aber auch ohne grössere öffentliche Auseinandersetzungen schafften bezirksweit sechs bisherige Gemeinderätinnen und Gemeinderäte die Wiederwahl nicht mehr, allein drei in der kleinsten Ämtler Gemeinde, in Maschwanden.

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