Erinnerungen eines Korrespondenten

Casper Selg referierte an der «Volkshochschule im Knonauer Amt»

Casper Selg erzählte im Säuliamt von der weiten Welt. (Bild Andrea Bolliger)
Casper Selg erzählte im Säuliamt von der weiten Welt. (Bild Andrea Bolliger)

«18 Uhr, Radio DRS, Echo der Zeit, am Mikrofon Casper Selg.» Die rund 50 Teilnehmenden dieser Vorlesung im Mehrzweckraum des Spitals Affoltern applaudierten ein erstes Mal. Der Grand Seigneur der Korrespondenten zeigte während rund anderthalb Stunden Erinnerungsfotos und erzählte Geschichten aus 36 Radio- und Fernsehjahren. Die erste Fotografie stellt gleich einen Bezug zum aktuellen Zeitgeschehen her. Es zeigte einen Aufkleber auf einem amerikanischen Lastwagen. «Nobody for President in 80», war darauf zu lesen. Schon damals also hielten gewisse Kreise keinen der Kandidierenden – Carter und Reagan – für wählbar. Die nächsten beiden Bilder zeigten die damaligen technischen Hilfsmittel, die aus Tonbändern, Kassettengeräten und Festnetztelefonen mit Kabeln bestanden.

Casper Selg hat nicht nur aus den USA berichtet. Zu Beginn der 80er-Jahre war er in Israel, Syrien und im Libanon. Dort habe er viel Erfahrung gesammelt, sagt er. Mitte 80er-Jahre gehörten die Konflikte in Zentral- und Südamerika zu den Themen eines USA-Korrespondenten. Es war ihm ein Anliegen, diese Länder kennenzulernen, bevor er aus Washington darüber berichten würde. Erst reiste er nach Kuba, dann nach Nicaragua, wo er bei einem Bauern in bescheidenen Verhältnissen unterkam. Ein Foto zeigt eine automatische Schusswaffe neben einem Karton mit Hühnereiern, ein anderes die bescheidene Behausung des Bauers. In Honduras liess er sich die andere Seite dieses Konfliktes zeigen.

Ein netter Kommunist

1988, als es den Warschauer Pakt noch gab, sei man in den USA von Michail Gorbatschow irritiert gewesen. George Bush brauchte ein Jahr, bis er bereit war, sich mit diesem «netten Kommunisten» zu treffen. Der Gipfel dazu fand auf Malta statt. Die ganze Journalistenmeute sei dorthin gereist und die Hotels seien dementsprechend hoffnungslos ausgebucht gewesen, erzählt Casper Selg. Man kann sich die Bilder dazu vorstellen. Schliesslich erzählt ein Radiomoderator, dessen Aufgabe es ist, Bilder in Worte zu fassen.

1991 kam Casper Selg in die Schweiz zurück, wo er das «Echo der Zeit moderierte und als stellvertretender Chef der Abteilung Information beim Schweizer Radio Sendungen koordinierte.

Das Ende der 25-Cent-Münzen in der Hosentasche

Mit der Digitalisierung erfuhr dasRadiomachen 1995 eine grosse technische Veränderung. Die analogen Bänder seien weiterhin bespielt worden für den Fall, dass die digitale Technik abstürze – was auch immer wieder vorkam. Agenturmeldungen, die bis dahin unter unzähligen, an Wände geklebten Telex-Ausdrucken ausgesucht werden mussten, konnten jetzt zeitsparend am Bildschirm nach Stichworten abgerufen werden. Das sei ein Riesenwandel gewesen. Zurück in den USA, wurde er zwar wieder mit einem analogen Tonband ausgestattet, aber immerhin standen ihm nun auch ein Laptop und ein Mobiltelefon zur Verfügung. Das war auch das Ende der 25-Cent-Münzen, die er immer in der Hosentasche mit dabei hatte – fürs Telefonieren aus der Kabine. Näher als während Bill Clintons zweiter Amtszeit, sei man nie an einer Nahostlösung gewesen, erinnert sich Casper Selg. Dieser habe hart dafür gearbeitet. Doch ihm war es stets ein Anliegen, nicht nur über Washingtoner Themen zu berichten, sondern auch zum Beispiel über die Entsorgung von Atommüll. Ein Thema, das in den USA kaum jemanden interessiert habe.

Am 11. September 2001 arbeitete Casper Selg wieder in der Schweiz. Trotzdem hat er über die Terroranschläge in New York berichtet, als wäre er vor Ort. Der zuständige USA-Korrespondent sei just an diesem Tag beim Zahnarzt gewesen. Er sei auch auf dem Mobiltelefon längere Zeit nicht zu erreichen gewesen. Bei der ersten Maschine habe er noch die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass es sich um ein Unglück handle und eine Maschine von der Flugschneise über dem Hudson River abgekommen sei. Als jedoch das zweite Flugzeug in den Wolkenkratzer prallte, sei ihm sofort klar gewesen: «Das wird die Welt verändern.» Jede halbe Stunde habe er über die neuesten Ereignisse berichtet. Auch als der Korrespondent in den USA erreicht worden war und dieser seinen Beitrag fertiggestellt hatte, konnte Selg sich nicht zurücklehnen, denn die Telefonleitungen waren inzwischen zusammengebrochen und der Beitrag war nicht im Studio angekommen.

Ab 2010 war Casper Selg im Schweizer Radio und Fernsehen die Stimme aus Berlin. Binationale Themen wie die Anflüge über deutsches Gebiet auf den Flughafen Zürich hat er ebenso aufgegriffen wie deutsche. Etwa jenes, als sich im Thüringer Wald «Grüne» gegen den Bau von Hochspannungs-Stromleitungen gewehrt haben. Diese wird gebaut, um die Stromversorgung nach Abschaltung der Atomkraftwerke zu sichern, indem sie Strom aus erneuerbaren Energien von Nord- nach Süddeutschland bringen soll. Auch in Deutschland war es ihm wichtig, unterwegs zu sein und mit den Beteiligten zu sprechen. Dies gebe ein anderes Bild als nur aus den Zeitungen abzuschreiben, sagt Casper Selg.

Korrespondenten sind zu teuer

Das «Nagra», ein sechseinhalb Kilogramm schweres Tonbandgerät und eine Hermes-Schreibmaschine waren in den Anfängen seine Arbeitsgeräte. «Radiomachen war ein Handwerk», sagt Selg. Tonband und Schreibmaschine mussten natürlich mit auf Reisen. Auch wenn es bei seiner Körpergrösse unbequem gewesen sein musste: Er sei nur in der «Holzklasse» gereist und habe in Zweisterne-Hotels logiert. Den ersten Computer habe er sich gegen den Willen der SRG gekauft. Das Equipment der Korrespondenten ist deutlich leichter und weniger geworden. Ein Laptop und ein Mikrofon für Aufnahmen nimmt Casper Selg heute noch mit. Mit diesen Möglichkeiten sei der Beruf kreativer geworden. Allerdings hätte ein Journalist früher wesentlich mehr Zeit gehabt, sich zu überlegen, worüber und was er schreiben wollte. Heute würden die Berichte kurz nach den Ereignissen online gestellt und bei Bedarf aufdatiert. In solchen Portalen arbeiten keine Fachjournalisten mehr, sondern Generalisten. Casper Selg bedauert, dass die Auslandredaktionen abgeschafft wurden. «Für den Markt sind Korrespondenten schlicht nicht mehr finanzierbar», sagt er. Während Inserate in Printmedien rückläufig sind, bringen Klicks auf Onlineportalen Geld. Diese sagen aber nichts über die Qualität eines Artikels aus oder ob dieser überhaupt gelesen wurde. Oft würden Titel dazu verleiten, einen Beitrag zu öffnen. «Das sind die Kehrseiten», so Casper Selg. Ihn ärgert es, wenn es heisst, die SRF wende da zu viel Geld auf. Dabei produziere ein Korrespondent pro Tag einen bis drei Beiträge. Dazu gehört, dass er die Themen aufbereitet, Reisen plant und organisiert, Abrechnungen erstellt und Konten führt. Das alles erledigte eine Person. Wenn die No-Billag-Initiative angenommen würde, ist sich Casper Selg sicher, könnte das Schweizer Radio und Fernsehen. den Standard der heutigen Berichterstattung nicht mehr anbieten.

Wer wird Präsident der USA?

Die Zuschauer liessen sich nicht lange bitten Fragen an den Referenten zu stellen: Warum er immer wieder selbst als Korrespondent hinaus an die Front gehe? Die Chef-Rolle habe ihm nicht am besten gefallen, so Casper Selgs Antwort. Er habe sich als Korrespondent wohler gefühlt. Zudem sei sein Motto stets gewesen: «Was der Chef predigt, muss er auch können.» Die letzte Frage lautete – man ahnt es – wer in Amerika künftig regieren werde. Casper Selgs Prognose ist klar: Trumps Bild als starker Manager sei in der Bevölkerung verankert. Clinton habe einen grossen Vorsprung, den Trump nicht mehr einholen könne. Allerdings garantiere er für nichts, wenn in den letzten Wochen vor den Wahlen noch ein Anschlag passiere.

Es sei ein stressiger und anstrengender Job, der viel Nerven kosten könne, sagt Casper Selg und erzählt wie ein Wahltag in den USA aus Sicht des Korrespondenten ablaufe. Er beginne morgens um 10 Uhr mit dem Einrichten des Studios. Man decke sich mit ausreichend Verpflegung ein. Rund 36 Stunden später könne man die Füsse hochlagern und schlafe dann meist sofort ein. «Im Grossen und Ganzen ist es aber ein fantastischer Job», schliesst er sein Referat. Und die Zuhörenden bedankten sich mit langem und kräftigen Applaus.

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