Harte, aber faire Auseinandersetzung mit demokratischen Prozessen

Vor 50 Jahren wurde die Arbeitsgruppe autobahnfreies Knonaueramt gegründet

Fungierte einst als Präsident der Arbeitsgruppe autobahnfreies Knonaueramt: der heute 88-jährige Hans Ruedi Haegi. (Bild Werner Schneiter)

Fungierte einst als Präsident der Arbeitsgruppe autobahnfreies Knonaueramt: der heute 88-jährige Hans Ruedi Haegi. (Bild Werner Schneiter)

Hinter jedem erfolgreichen Politiker steht eine starke Frau: Christine (2024 verstorben) und Hans Ruedi Haegi.

Hinter jedem erfolgreichen Politiker steht eine starke Frau: Christine (2024 verstorben) und Hans Ruedi Haegi.

Die Auseinandersetzung um den Bau der Autobahn A4, die im Projektstadium N4 hiess, erstreckte sich über viele Jahre. Das harte Ringen fand am 1. April 1990 sein Ende, als die Schweizer Stimmberechtigten die Kleeblatt-Initiativen klar ablehnten und damit Ja zur Fertigstellung der vier Teilstücke sagten. Im November 2009 wurde das Ämtler Teilstück der A4 mit dem damaligen Verkehrsminister Moritz Leuenberger eröffnet. Was sagt Hans Rudolf Haegi, einer der Protagonisten für eine andere Variante im Säuliamt, wenn er heute auf das Trassee schaut? «Es ist nicht mehr das, was ursprünglich geplant gewesen war», bemerkt er und fügt bei: «Wir haben heute wieder so viel Verkehr durch die Dörfer wie vor der Autobahneröffnung. Ohne A4 vermutlich noch mehr», räumt der 88-Jährige ein, der immer noch über ein exzellentes Erinnerungsvermögen und einen wachen Geist verfügt.

Das sorgte für Verwunderung: Mit dem Handörgeli nach Bern

Vor exakt 50 Jahren formierte sich im Säuliamt der Widerstand gegen die Autobahn. Auslöser bildete eine Veranstaltung von Pro Amt, bei der Hans Rudolf Haegi nie Mitglied war, aber am Schluss Arbeitswillige rekrutiert hat. Nach seinen Worten ging es dabei nicht um eine grundsätzliche Opposition, sondern um die Frage über Verbesserungen und um die Schonung von rund 100 ha Kulturland. Im Anschluss an diese von Reinhard Möhrle, Toni Baredi und anderen initiierte Veranstaltung wuchs bei Hans Rudolf Haegi die Erkenntnis: «Wir müssen etwas tun.» So formierten sich die kritischen Geister im Mai 1976 zur Arbeitsgruppe autobahnfreies Knonaueramt, die mit Vertretern aus allen politischen Parteien bestückt war. Damals fungierte Hans Rudolf Haegi als Präsident und dazu auch als Präsident der SVP des Bezirks. «Im Rahmen einer Überprüfung der Teilstücke brachten wir von Anfang an die Zimmerberg-Variante ins Spiel – eine Verbindung der A4a mit der N3 mit einem Hirzeltunnel bis Sihlbrugg, um das Netz für die Zentralschweiz zu schliessen.» Das brachte die Diskussion in Schwung und fand ihre Fortsetzung mit der Lancierung einer Petition, die 10000-mal unterschrieben wurde. «Diese haben wir dann mit einer Delegation in die Session der eidgenössischen Räte gebracht und dazu auch Äpfel, Brot und Käse verteilt.» Der Handörgeler Ruedi Hägi und ein Bassgeiger sorgten für lüpfige Töne – «zur Verwunderung der Parlamentsmitglieder», erinnert sich Hans Rudolf Haegi. Die humorvolle Aktion generierte ein grosses Medienecho, und plötzlich wurde die Arbeitsgruppe schweizweit wahrgenommen.

Junge Säuliämtler auf eigener Schiene

In den folgenden Jahren leisteten die Jungen Säuliämtler der Arbeitsgruppe Flankenschutz mit spektakulären Aktionen, zum Beispiel mit einer gespielten «Hochzeit». Das «Brautpaar» sass in einer Kutsche, die anlässlich einer Veranstaltung der Autobahnbefürworter auf dem Autobahnstummel bei Knonau Aufwartung machte – und «Füürstei» in die vorerst entzückte Menge warf. Das Verpackungspapier enthielt dann den Slogan «N4 – nie». «Solche Aktionen der Jungen Säuliämtler liefen aber unabhängig von unserer Arbeitsgruppe», so Haegi. Auch der Vorstand der Arbeitsgruppe lancierte – wenngleich weniger spektakulär – Aktionen: So empfing er sowohl die nationalrätliche als auch die ständerätliche vorberatende Kommission in Zwillikon. Sie wurden im Garten von Franz Waser – unter dem geplanten Viadukt – mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Haegi und seine Mitstreiter leisteten darüber hinaus weiter Lobby- und Überzeugungsarbeit, sie verfassten Arbeitspapiere und untermauerten Argumente mit Zahlen und Fakten. «Nie mit Polemik und Anfeindungen, aber hartnäckig und ausdauernd.» Mit regelmässigen Medienkonferenzen hielt man sich und die Sache im Gespräch.

Die Devise: Agieren. So blieb der Autobahn-Befürworterseite oft nur das Reagieren. Haegi betont, dass alles im Rahmen demokratischer Prozesse ablief. «Wir haben stets mit unseren Widersachern geredet. Polizei und Gerichte hatten nie Arbeit mit uns. Aber wir wurden im Rahmen einer ausserordentlichen Mitgliederversammlung in Hedingen fichiert», ergänzt der hartnäckige Widerstandskämpfer, der von 1987 bis 1991 im Kantonsrat sass – für die EVP und nicht mehr für die SVP. Dort wirkte er in der Raumplanungskommission; seine Wahl ins Parlament verdankt er vor allem seinem Engagement gegen die N4. Es war damals schlicht «Autobahn-Kantonsratswahlen», weil auch mit Rolf Hegetschweiler (A4-Befürworter) und Margit Huber (Gegnerin) zwei FDP-Leute und SP-Vertreter/N4-Gegner Hans Steiger mit sehr guten Resultaten gewählt wurden. Auch als Mitglied der Zürcher Planungsgruppe Knonaueramt brachte der selbstständig tätige Ingenieur-Agronom Haegi Argumente zugunsten von Landschaftsschutz ein. Das hat ihm beruflich nicht geschadet, weil er auch regelmässig Aufträge des Kantons erhielt.

Erfolg blieb nicht aus. So sagte das Zürcher Stimmvolk bereits 1985 Ja zu einer Standesinitiative für ein autobahnfreies Knonauer Amt, während die TCS-Initiative für eine rasche Fertigstellung am gleichen Sonntag verworfen wurde. «Unsere Arbeitsgruppe zählte 2000 Mitglieder, der TCS etwa 200000», schmunzelt Haegi.

Kleeblatt-Initiative entstand im Hause Lüchinger

Das war sechs Jahre vor der finalen Auseinandersetzung mit der sogenannten Kleeblatt-Initiative. Von zahlreichen Organisationen wurden für die vier Teilstücke innert drei Monaten je 133000 Unterschriften gesammelt. Das Kleeblatt gegen das N4-Teilstück beschäftigte 24 Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die Hälfte davon aus der Arbeitsgruppe. Die Idee einer Kleeblatt-Initiative ist laut Hans Rudolf Haegi im Hause von FDP-Nationalrat Hans-Georg Lüchinger entwickelt worden, zuvor ein Befürworter der N4-Fertigstellung im Säuliamt. Mutmasslich stammt der Begriff «Kleeblatt-Initiative» von Kantonsrätin Margit Huber. Andere Organisationen schlossen sich an beziehungsweise stimmten dem Begriff zu. Es waren vier Initiativen und vier Abstimmungen. Hans Rudolf Haegi erinnert sich: «Bundesrat Adolf Ogi rief mich an und wollte uns zum Rückzug der Initiative bewegen – dies mit dem Hinweis auf den Islisbergtunnel, der mit einer Motion des Joner CVP-Nationalrats Albert Rüttimann ins Spiel gebracht wurde; Ogi war bereit, die Motion entgegenzunehmen.» Haegi strebte anfänglich einen Rückzug der Initiative beim Ämtler Teilstück an, «weil ich eine Niederlage abwenden wollte und die Kleeblatt-Initiative ursprünglich nicht für eine Volksabstimmung vorgesehen war». Nun, die Abstimmung fand schliesslich am 1. April 1990 statt. Mit knapp 70 Prozent Nein-Stimmen zur Initiative hiess es dann final: Ja zur Fertigstellung der vier Teilstücke. Ein über mehr als zwei Jahrzehnte dauernder Kampf war entschieden. Und mit dem Islisbergtunnel erhielt das Säuliamt ein europaweites Novum: Er führt längs durch den Berg.

Die Arbeitsgruppe wurde nach der A4-Eröffnung im Restaurant Löwen in Affoltern aufgelöst. In Erinnerung geblieben ist auch eine Ausstellung in der Galerie am Märtplatz in Affoltern, unmittelbar vor der A4-Eröffnung. Autobahngegner und -befürworterinnen im Gespräch, allesamt eines betonend: «Es war eine harte, aber faire Auseinandersetzung im Rahmen demokratischer Prozesse.» Auch Befürworter sagten damals: Gut, dass «man» sich gewehrt hat. Beim «Man» huscht Hans-Rudolf Haegi ein schelmisches Lächeln übers Gesicht – bemerkenswert ist schliesslich, dass der Gemeinderat Hedingen seinem ZPK-Delegierten und Arbeitsgruppen-Vorstandsmitglied Emil Attenhofer im Pflegeheim Rigi in Affoltern den offiziellen Dank der Gemeinde ausgesprochen hat.

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