Jahresrechnung schliesst deutlich im Minus
Geopolitische Situation mit Auswirkungen auf den Sozialdienst des Bezirks Affoltern

An der Jahresversammlung des Sozialdienstes des Bezirks Affoltern am letzten Donnerstagabend in Affoltern legte die Geschäftsleitung die Bilanz und die finanzielle Entwicklung des vergangenen Jahres offen. Verwaltungsratspräsident Rico Roth wies in seiner Begrüssung darauf hin, dass die anspruchsvollen globalen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen direkte Auswirkungen auf die operative Arbeit und die Zahlen des Sozialdienstes haben. Er betonte die Notwendigkeit einer verlässlichen Leistungserbringung für die Trägergemeinden.
Die von Bea Herger präsentierte Jahresrechnung 2025 weist bei einem Gesamtaufwand von 30.314 Millionen Franken und einem Ertrag von 29.9 Millionen Franken einen Aufwandüberschuss von 475732 Franken aus. Dieses Ergebnis weicht deutlich vom Budget ab, welches ursprünglich mit einem Gewinn von 2311 Franken gerechnet hatte. Als Hauptursache für das Defizit wurde der anhaltende Fachkräftemangel genannt. Zur Sicherstellung des Betriebs und zur Überbrückung personeller Engpässe war der Einsatz externer Fachkräfte beziehungsweise kostenintensiver Springerlösungen erforderlich. Insgesamt betreuten 55 Mitarbeitende im Berichtszeitraum 1715 Personen.
Zwei Hauptausgabenbereiche
Die Verteilung des Aufwands zeigt zwei Hauptbereiche: Der grösste Posten entfällt mit 54 Prozent auf das Asyl- und Migrationswesen, einschliesslich der Klientenleistungen und Unterbringungskosten. Weitere 26 Prozent des Budgets wurden für die Wirtschaftliche Sozialhilfe aufgewendet. Das Service-Center beanspruchte 10 Prozent der Mittel. Das Wohnheim Zentral und die Berufsbeistandschaft machten je 4 Prozent des Aufwands aus, während auf die Suchtberatung und die persönliche Hilfe je 1 Prozent entfiel. Das Wohnheim Zentral erwirtschaftete innerhalb dieser Struktur einen Gewinn von 68000 Franken, dies dank einer 100-Prozent-Auslastung der Wohnplätze.
Die Entwicklung des Eigenkapitals spiegelt die finanziellen Schwankungen der letzten Jahre. Im Jahr 2018 belief sich das Dotationskapital der Mitgliedergemeinden auf eine Million Franken. Bis zum Jahr 2022 stieg dieser Betrag auf knapp zwei Millionen Franken an. Aufgrund dieser Reserven erfolgte im Jahr 2023 eine Rückzahlung von 631000 Franken an die Trägergemeinden. Nach dem Aufwandüberschuss aus dem Jahr 2025 liegt das Eigenkapital nun bei rund 1.4 Millionen Franken. Geprüft wurde die Rechnung von Baumgartner und Wüst. Die Zahlen müssen nun noch von den angeschlossenen Gemeinden genehmigt werden, bevor sie am 30. Juni dem Bezirksrat vorgelegt werden. Es kamen keine Fragen von den Anwesenden.
Geschäftsführer Alexander Schibli erläuterte den Geschäftsbericht und wies darauf hin, dass die Rechenschaftsberichte der Fachbereiche digital abrufbar seien. Er bezeichnete das Geschäftsjahr aufgrund zunehmender gesellschaftlicher Komplexität und steigender Anforderungen in allen Bereichen als «sehr herausfordernd». Trotz des Fachkräftemangels konnte die Erbringung der Dienstleistungen aber jederzeit sichergestellt werden. Aktuell sind alle Stellen besetzt und die Personalsituation ist wieder stabil.
Stabilisierung als Schlüssel
Die Strategie des Sozialdienstes ist auf eine nachhaltige Stabilisierung der Klienten ausgerichtet. Schlüssel seien eine frühe Intervention, bevor es zur Eskalation komme, sowie die Förderung der Selbstständigkeit mit dem Ziel, Langzeitabhängigkeit zu vermeiden. Dieser präventive Ansatz werde durch die revidierten SKOS-Richtlinien gestützt. In der Praxis sehen sich die Mitarbeitenden mit einer steigenden Fallkomplexität konfrontiert, bei der häufig psychische Belastungen und Wohnungsprobleme kombiniert auftreten. Der Sozialdienst reagiert darauf mit niederschwelliger Beratung und Begleitung, um eine Stabilisierung der betroffenen Personen zu erreichen. Dank der persönlichen Hilfe konnten im vergangenen Jahr 17 Personen stabilisiert und passende Anschlusslösungen gefunden werden. Dadurch konnte ein Wohnungsverlust verhindert werden. Weiter konnten 26 Personen von der Sozialhilfe wieder ins Erwerbsleben begleitet werden.
Sehr dynamisch sei der Asyl- und Migrationsbereich, wo sich die Mitarbeitenden vermehrt mit jungen Erwachsenen zu beschäftigen hätten. Hier strebe man an, die Asylsuchenden in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das erfordere einen hohen Integrations- und Betreuungsbedarf mit Fokus auf Spracherwerb, Ausbildung und Beschäftigung in einer geregelten Tagesstruktur. In diesem Bereich habe man im ablaufenden Jahr 150 Personen in die Erwerbstätigkeit eingebracht, 379 Integrationskurse und 618 Sprachförderkurse durchgeführt sowie den Arbeitgeberanlass «Von der Flucht zur Fachkraft».
Weiterentwicklung der Verwaltung
Parallel zum Tagesgeschäft läuft das Entwicklungs- und Organisationsprojekt «SOBA Go!», dessen Notwendigkeit sich anlässlich einer Retraite des Verwaltungsrates herauskristallisiert habe. Die Strategie-Roadmap wirkt ambitioniert, zumal sie während des laufenden Betriebs umgesetzt werden soll. Neun Bereiche sind definiert: Dialog, Monitoring, EG KESR, BE WSH, ICT-Betrieb, Leistungsangebot, BE Asyl und Migration, Nachfolgeplanung, Führung und Kultur. Zur Debatte steht auch die Software KLIBnet der Firma Diartis, mit der die Fälle erfasst und behandelt werden, denn die ist zentral.
«Diese Projekte sind notwendig, weil wir davon ausgehen, dass die Sozialkosten künftig markant steigen werden. Mit einer effizienten Struktur sowie kompetenten und motivierten Mitarbeitenden wollen wir dafür gewappnet sein», sagte Verwaltungsratspräsident Rico Roth. Vor allem die Geflüchteten mit dem Status S sorgen derzeit für finanzielle Ungewissheit. Es kommt zu einer Verschiebung der Kosten vom Bund auf die Kantone und Gemeinden. Anfangs Mai hatte der Bundesrat bekanntgegeben, dass nach fünf Jahren Aufenthalt in der Schweiz die Bundes-Globalpauschalen für Ukraine-Flüchtlinge wegfallen. Die Kantone und Gemeinden rechnen bereits mit Mehrkosten im dreistelligen Millionenbereich.


