«Hurra – du fröhliche Turnerschar ...»
850 Zürcher Turnveteranen zu Gast in Mettmenstetten an der 104. Zürcher Turnveteranentagung
Sie sind nicht mehr so schnell wie einst, und können nicht mehr so hoch springen wie früher – aber ihre Kameradschaft ist geblieben. Und die Freude am Beisammensein. Die Rede ist von den Turnveteranen. Jedes Jahr trifft sich die Turnveteranenvereinigung des Zürcher Turnverbands zu einer Tagung, diesmal am vergangenen Samstag in Mettmenstetten, auf dem Gelände des Zürcher Kantonalschwingfests.
Ausschlaggebend für die Ortswahl war mitunter die Teilnehmerzahl: 850 Turner – und einige wenige Turnerinnen – im Alter von 50 Jahren plus hatten sich für die Tagung angemeldet! Da reicht eine normale Turnhalle nicht aus. Schon gar nicht, wenn auch noch allen ein Mittagessen serviert werden soll. So bot sich als Tagungsort das Festzelt des Kantonalschwingfests in Mettmenstetten an. Dem Schwingfest-OK diente die Versammlung nebenbei als willkommener Testlauf für den eigentlichen Wettkampftag und das Festbankett am Sonntag mit über 2000 Personen.
Welchen hohen Stellenwert die Turnveteranen geniessen, liess sich am Samstag schon an der anwesenden Politprominenz ablesen: Regierungsrat Mario Fehr war ebenso anwesend wie Kantonsratspräsidentin Romaine Rogenmoser, die höchste Zürcherin. Dazu kamen rund 50 Ehrengäste aus Turner- und anderen Sportkreisen. Für Fehr war der Besuch bei den Veteranen schon fast ein Heimspiel. Sein Auftritt in Mettmenstetten war der 15. bei den Turnern. Nicht umsonst kündigte ihn der Obmann der Veteranenvereinigung, Urs Pulvermüller, als «öise Mario Fehr» an.
«Wir leisten unseren Beitrag»
Fehr dankte es mit einer kernigen, unterhaltsamen Rede. Er forderte die Turnerschar angesichts der «besonders struben Zeiten» auf, nicht in Panik zu verfallen oder gar zu resignieren. Wichtig sei in dieser Situation, zu sich selber zu sagen: «Wir machen, was wir können. Wir erledigen die eigenen Hausaufgaben. Wir leisten unseren Beitrag: Jeder und jede auf seine und ihre Art, nach den eigenen Möglichkeiten, zugunsten der Gemeinschaft.»
Selber Mitglied des TV Adliswil, lobte Fehr die Tugenden, die beim Turnen gefordert sind: Fleiss, Einsatz und die Fähigkeit, nötigenfalls auch mal auf die Zähne zu beissen. «Ihr pflegt gegenseitigen Respekt, Bescheidenheit und Anstand.» Deshalb, so Fehr, «machen wir uns auch stark für den Sport». Er erinnerte unter Applaus daran, wie der Bundesrat nach breiten Protesten geplante Kürzungen beim Förderprogramm Jugend & Sport wieder fallen liess und stattdessen die Beiträge an die Sportlager sogar aufstockte.
Breiten Raum nahm an der Tagung die Ehrung der Ehrenveteranen ein, Turner mit Jahrgang 1936 oder älter. Etwa drei Dutzend von ihnen waren in Mettmenstetten vor Ort. Sie alle wurden mit Geburtsdatum namentlich aufgerufen und durften aus den Händen von Ehrendamen zwei Flaschen Wein entgegennehmen. Tagungsältester war diesmal der 101 Jahre alte Ehrenveteran Renato Bonomo vom Turnverein Zürich-Wiedikon. Er wurde zusätzlich mit einem speziellen Sitzplatz geehrt, direkt neben Fehr und Rogenmoser.
Von spezieller Bedeutung bei den Tagungen der Veteranen ist jeweils auch das Gedenken an die verstorbenen Kameraden. Symbolisch wurden in Mettmenstetten für jede der fünf Zürcher Veteranenvereinigungen zwei Sonnenblumen auf dem Podium platziert. Zuvor war nach einer Einstimmung mit Glockengeläut eine Schweigeminute abgehalten worden. Andreas Fritz, Pfarrer in Mettmenstetten, hielt in einer kurzen Ansprache fest, dass sich ab einem gewissen Alter «das Feld immer mehr ausdünnt» und der eine oder andere Platz leer bleibt. Musikalisch begleitet wurde der offizielle Teil von der Spielgemeinschaft Mettmenstetten-Ottenbach.
Erinnerungen austauschen
Im Vordergrund stand an der Tagung aber die Freude. Das zeigte sich zu Beginn beim gemeinsamen Singen des Turnerlieds mit dem Refrain: «Hurra, hurra, hurra, hurra! – Du fröhliche Turnerschar». Was dem einen oder anderen mittlerweile an Muskelkraft fehlt, wurde durch intensive Nutzung der Stimmbänder kompensiert. Oder, wie der Mettmenstetter Gemeinderat Fabio Oetterli es in seiner Grussbotschaft ausdrückte: Es gehe nicht mehr darum, wer schneller ist oder höher springt, sondern dass man sich treffe und lache, gemeinsame Erinnerungen austausche und die Kameradschaft pflege.
Die Zürcher Veteranenvereinigung zählt derzeit 115 Gruppen mit 4715 Mitgliedern. Während sich die Turnangebote für Kinder und Jugendliche weiter sehr grosser Beliebtheit erfreuen, nimmt die Zahl der Aktiven und damit der späteren Veteranen seit einiger Zeit ab, erklärte dazu der Schreiber der Veteranenvereinigung, Werner Haltner, gegenüber dem «Anzeiger». Die Leute fühlten sich nicht mehr so stark an einen Verein gebunden, wie früher, zudem scheuten bei den Veteranen viele davon zurück, ein Amt zu übernehmen.
Tröstend für manchen Veteranen mag da am Samstag der Blick auf die sechs Schwingplätze neben dem Festzelt gewesen sein. Dort massen sich über 300 Jungschwinger mit derselben Hingabe, wie sie sich selber vor Jahrzehnten als junge Turner ins Zeug legten.












