«Integration funktioniert fast immer über den Arbeitsplatz»
In Zeiten einer weltweit zunehmenden Zahl kriegsbedrohter Menschen, wird ein Grossteil der Flüchtlinge wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang in der Schweiz bleiben. Die Stadt Zürich hat 2003 angefangen, Asylsuchende und Flüchtlinge mittels gemeinnütziger Arbeitseinsätze in die Schweizer Gesellschaft zu integrieren. Im Säuliamt besteht in diesem Bereich noch sehr viel Potenzial.
Um die Jahrtausendwende wurde in der Stadt Zürich immer vehementer gefordert, dass die Kriminalität von Flüchtlingen aus dem Balkan einzudämmen sei. Anstatt den Rufen nach härteren Strafen nachzugeben, erinnerte sich der damalige Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber daran, wie Zürich Anfang der 90er-Jahre das Problem mit der offenen Drogenszene in den Griff bekommen hatte. Anstatt nur auf Repression zu setzen, wurden für die Süchtigen Entzugsangebote aufgebaut, Drogen entkriminalisiert und städtische Abgabestellen für sauberes Heroin eingerichtet. Innerhalb weniger Jahre hatte sich das Problem für die Öffentlichkeit in Luft aufgelöst.
Flüchtlinge sollen eine Gegenleistung für die bezogene Sozialhilfe leisten
Anfang der 2000er-Jahre galt für Asylsuchende aus Exjugoslawien ein mindestens dreimonatiges Arbeitsverbot, da sie nach dem Krieg wieder zurückkehren sollten. Sie blieben jedoch und manche engagierten sich in Branchen, für die es weder eine Arbeitsbewilligung braucht noch gibt. Um diese Menschen zu integrieren, initiierte Elmar Ledergerber gemeinnützige Arbeitsplätze für Asylsuchende. Die Asyl Organisation Zürich (AOZ), eine Fachorganisation der Stadt Zürich, wurde mit der Aufgabe betraut, ein Netzwerk gemeinnütziger Arbeitsplätze aufzubauen.
Hans Nef, ein Sozialarbeiter mit langjähriger Erfahrung im Baubereich, übernahm diese Aufgabe: «Asylsuchende und Flüchtlinge sind im überwiegenden Teil der Fälle von Sozialhilfe abhängig. Das Ziel der Sozialhilfe ist die berufliche und soziale Integration. Dies können am Anfang Intensivkurse in Deutsch sein oder Arbeitseinsätze. Asylsuchende sollen eine sinnvolle Gegenleistung für die Sozialhilfe leisten, Tagesstrukturen haben und die Schweiz möglichst gut kennenlernen. Meistens sind sie extrem motiviert, im Sinne der Gastfreundschaft ihren Anteil zu leisten. Leider gibt es viel zu wenige Arbeitsplätze für Asylsuchende.»
Riesiges Potenzial liegt brach
Da der politische Wille da war, konnte Hans Nef zahlreiche ergänzende Einsatzplätze für Flüchtlinge in städtischen Betrieben schaffen. Die Asylsuchenden können in diesen Einsatzplätzen maximal für ein Jahr in einem Betrieb arbeiten, erhalten weiterhin Sozialhilfe und als Anerkennung ihrer Leistung zusätzlich ein Taschengeld. «Das Fernziel der gemeinnützigen Einsätze ist immer der erste Arbeitsmarkt. Zuerst müssen die Asylsuchenden aber die Schweiz verstehen lernen. Pünktlichkeit, Genauigkeit, Arbeitstempo, Umgangsformen und vieles mehr erlernen Flüchtlinge und Asylsuchende nur in der Interaktion mit der Bevölkerung. Wenn sie gemeinnützige Arbeit leisten, stärkt das auch ihr Selbstwertgefühl. Dank dieser Einsatzplätze werden die städtischen Betriebe stark entlastet. Ausserhalb der Stadt Zürich liegt dieses Potenzial grösstenteils noch brach», erläutert Hans Nef.
Wo es Arbeit, aber keine Budgets gibt
Auch wenn für die Koordination der Arbeitseinsätze etwas Geld in die Hand genommen werden muss, zahlen sich gemeinnützige Arbeitsplätze für Flüchtlinge gesellschaftlich aus und sind finanziell ein Nullsummenspiel. Hans Nef ist sich sicher: «Überall dort, wo es Arbeit gibt, aber keine Budgets, bieten sich gemeinnützige Arbeitsplätze für Flüchtlinge an. Unterstützung des technischen Dienstes in Schulhäusern, Putzen in Gemeindeliegenschaften und Zweckverbänden, Unterstützung des Werkdienstes und Bachputzen sind nur einige Möglichkeiten. Beispielsweise das Aufräumen von Schularealen oder anderen Treffpunkten von Jugendlichen am Morgen nach den Wochenenden kann für alle Beteiligten und die gesamte Gemeinde einen riesigen Mehrwert bedeuten. Wenn die Politik will, kommen die Arbeitseinsätze auch bei den verantwortlichen Angestellten gut an.»


