«Jetzt sind die Gemeinden am Zug»

Gut 30 Personen nahmen am Montag vor einer Woche an der Informationsveranstaltung für gemeinnützige Arbeitsplätze für Flüchtlinge der glp teil. Das Expertenpodium war sich einig, dass gemeinnützige Arbeitseinsätze für Flüchtlinge nicht nur in Zürich und Uster, sondern auch im Bezirk Affoltern funktionieren.

Zur Einführung erzählte der Bonstetter glp-Kantonsrat und Podiumsmoderator Hans Wiesner, welches Land wie viele Flüchtlinge aufgenommen hat: «Libanon, Jordanien und die Türkei haben ein Flüchtlingsproblem. Die Türkei hat zwar 75 Millionen Einwohner aber auch über 2,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Ähnlich sieht es im Libanon aus, das mit 4,5 Millionen Einwohnern eine Million Flüchtlinge aufgenommen hat. In der Schweiz waren es im selben Zeitraum 15 000 Flüchtlinge. Bei uns ist es kein Problem, sondern eine Herausforderung. Eine starke Nation wie die Schweiz wird diese aber sicher gut meistern. Im Anschluss stellte er die Podiumsteilnehmenden vor: Hans Nef, der Leiter Gemeinnützige Arbeitsplätze der Asylorganisation der Stadt Zürich (AOZ), die Ustermer Stadträtin Barbara Thalmann und die Leiterin Asyl des Zweckverbands Sozialdienst Affoltern, Michelle Högger.
Gemeinnützige Arbeitseinsätze sind bereits ein Erfolgsmodell
Zuerst fragte Gesprächsleiter Hans Wiesner, was Integration überhaupt sei. Michelle Högger nahm den Ball auf: «Integration ist ein zweiseitiger Prozess, der für beide Seiten stimmen muss.» Barbara Thalmann ergänzte: «Es geht darum, dass aufgenommene Flüchtlinge befähigt werden, sich in der Schweiz ein eigenes Leben aufzubauen. Die Stadt Uster hat folgende Angebote für diese Menschen mit dem N-Ausweis erarbeitet; wir koordinieren Freiwilligenarbeit, bieten gemeinnützige Arbeitsplätze an und sorgen mit verschiedenen Angeboten für schnelle Deutschförderung. Arbeitseinsätze ohne Deutschförderung wären völlig unsinnig. Denn das Angebot von Deutschkursen und die Deutschkenntnisse sind der Schlüssel zum erfolgreichen Zusammenleben.»

Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Präzision

Hans Wiesner hakte nach: «Und die Flüchtlinge haben bei den Arbeitseinsätzen einfach so mitgearbeitet?» Der Grossteil der Flüchtlinge habe sehr positiv reagiert, erzählte Barbara
Thalmann: «Sie waren froh, dass das Herumsitzen endlich ein Ende hatte. Zudem gibt es für die gemeinnützigen Arbeitseinsätze ein Taschengeld. Bei der Arbeit eignen sie sich wichtige
Eigenschaften wie Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und präzise Arbeitsweise an. So lernen sie, dass sich Arbeit auszahlt und was auf dem Arbeitsmarkt erwartet wird.» Die Stadt Uster habe auch sehr gut darauf geachtet, dass die Flüchtlinge sich gut über die ganze Stadt verteilten, um die Durchmischung zu fördern und um die Bildung von sozial schwachen Quartieren zu verhindern. Im Bezirk Affoltern gab es noch keine Initiativen für gemeinnützige Arbeitsplätze.

Sinnvolle Tagesstrukturen

Im Anschluss stellte Hans Nef die Gemeinnützigen Arbeitsplätze des AOZ vor: «2003 hat der ehemalige Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber auf die zahlreichen unbeschäftigten Flüchtlinge reagiert, die auch auffielen und dem AOZ den Auftrag erteilt, 100 gemeinnützige Einsatzplätze in städtischen Betrieben zu schaffen. Die Idee war, sinnvolle Tagesstrukturen für Flüchtlinge zu schaffen und einen spürbaren Nutzen für die Öffentlichkeit zu erzielen. Ledergerber war ein Manager und hat gesehen, dass die Betriebe begleitet und geführt werden müssen. So liess sich das Personal der Stadt für die Idee gewinnen und nach ersten positiven Erfahrungen waren alle begeistert. Wichtig war auch die Einrichtung einer Hotline, damit das Personal anrufen konnte, wenn etwas nicht funktionierte.» Es brauche aber vor allem auch einen klaren Auftrag der Politik, die auch Geld in die Hand nehmen müsse. Es werde nur ein Integrationszuschlag von 150 Franken pro Monat an die Flüchtlinge ausbezahlt, die restlichen Kosten fielen für die nötige Administration an. Wenn man die geleisteten Stunden anschaue, sei es sehr günstig, da es ja einen realen Mehrwert für die Öffentlichkeit gebe.

Dort wo die Ressourcen knapp sind

Darauf meldete sich Andreas Roth, der Leiter Hausdienst des Schulhauses
Käferholz in Zürich Affoltern zu Wort: «Ich bin seit 2003 dabei und leite gemeinnützige Arbeitseinsätze von Flüchtlingen. Alle Beteiligten haben schnell gemerkt, dass die Ressourcen der öffentlichen Verwaltung immer knapp sind. Durch die gemeinnützigen Arbeitsplätze kann schlicht und einfach mehr gemacht und erreicht werden. Wir dürfen beispielsweise keine Unkrautspritzmittel mehr verwenden, was den Aufwand stark erhöht. Ohne die gemeinnützigen Einsatzplätze könnten wir vieles nicht mehr gut erledigen. Es gibt schlicht und einfach in jedem Schulhaus, in jeder Gemeinde Sachen, die schon lange gemacht werden sollten.»
Er sei den Flüchtlingen immer mit Vertrauen entgegengetreten und sei nie enttäuscht worden, auch wenn man sich manchmal mit Händen und Füssen unterhalten müsse.

Keine Gefährdung vollwertiger Arbeitsplätze

Hans Nef zog einen Vergleich zu einer Alltagssituation, welcher die Motivation von Flüchtlingen für Arbeitseinsätze veranschaulichte: «Wenn mich jemand zweimal auf einen Kaffee einlädt, dann will ich den Nächsten zahlen. Flüchtlingen geht das genauso. Sie werden von der Schweiz aufgenommen und wollen der Schweizer Gesellschaft für die erfahrene Gastfreundschaft etwas zurückgeben.» Wichtig sei, dass die Gemeinden sich genau mit den Anforderungen des Einsatzortes auseinandersetzten und einen für diese Anforderungen optimalen Teilnehmenden suchten. Dafür brauche es Gespräche mit beiden Seiten. Und Einsatzzeiten von maximal einem Jahr pro Einsatzplatz, um zu verhindern, dass vollwertige Arbeiter günstig ersetzt würden.
Schlussendlich brauche es aber auch auf beiden Seiten Fehlertoleranz. Und Behörden, die sich engagierten. Denn immerhin fänden etwa 10 Prozent der gemeinnützigen Arbeitskräfte nach dem Einsatz eine Anstellung im ersten Arbeitsmarkt. Dafür lohne es sich auch, zu Beginn etwas Geld in die Hand zu nehmen. Eine junge Frau habe beispielsweise 2003 einen gemeinnützigen Einsatz im Stadtspital Triemli geleistet und anschliessend
eine Stelle erhalten. Vor einigen Wochen habe sie eine Kaderstelle im Triemli erhalten. «Wenn die Politik will, dann funktioniert die Arbeitsintegration von Flüchtlingen», hielt Hans Nef fest.

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