Politisches, Berührendes und Unsinniges

Beim achten Affoltemer Poetry Slam war vergangenen Samstag in der Galerie Märtplatz einiges anders: Zum ersten Mal wurde der Dichter-Wettstreit im Cup-Modus ausgetragen und mit Patti Basler und Etrit Hasler – kurz: «Bass-Hass» – mischte diesmal auch ein Team mit.

Moderator Simon Chen analysiert das Cup-Tableau. Im Hintergrund die Slammer, von rechts: Johanna Reiter, Daniela Dill, Ivo Engeler, Remo Zumstein, Lisa Brunner, Andreas Kessler und Hans Jürg Zingg. (Bilder Thomas Stöckli)

Moderator Simon Chen analysiert das Cup-Tableau. Im Hintergrund die Slammer, von rechts: Johanna Reiter, Daniela Dill, Ivo Engeler, Remo Zumstein, Lisa Brunner, Andreas Kessler und Hans Jürg Zingg. (Bilder Thomas Stöckli)

Remo Zumstein gewinnt den Whisky, Finalgegnerin Daniela Dill applaudiert.

Remo Zumstein gewinnt den Whisky, Finalgegnerin Daniela Dill applaudiert.

Kaum jemand in der Galerie Märtplatz hätte nach der ersten Runde darauf gesetzt, dass sich Remo Zumstein die heiss begehrte Flasche Whisky auf der Bühne holen würde. Diskutiert wurden in der Pause nämlich andere. Etwa seine Finalgegnerin Daniela Dill, die im Gegensatz zu allen anderen nicht auf Humor, sondern auf Betroffenheits-Lyrik setzte – «die andere Masche beim Poetry Slam», wie sie selber zugab –, oder der 71-jährige Slammer-Senior Hans Jürg Zingg aus Hasle-Rüegsau im Emmental, der wie bereits bei seinem Auftritt vor zwei Jahren tief in seinem Wörtersack kramte und das Publikum mit der Schönheit von «wüsten Wörtern» zu beeindrucken suchte. Und nicht zuletzt natürlich Moderator Simon Chen, der dem Wettstreit einen eigenen Text über den Volks(un)willen und dessen Durchsetzung vorausgeschickt hatte. «Geht wählen», so seine Botschaft, die er den ganzen Abend immer wieder platzierte.

Skurrile Texte, spitzbübisches Grinsen

Am besten im Gedächtnis der Zuhörer festgekrallt hatte sich allerdings Ivo Engeler. Seine skurrilen Kurztexte, mit spitzbübischem Grinsen in Frauenfelder Dialekt vorgetragen, lösten hier und dort scheinbar unkontrollierbare Lachsalven aus. Die Geschichten handeln vom Dialog zwischen Hans-Peter und seinem Kuchen, von zwei Menschen, die in einem engen Gang beim Kreuzen stecken bleiben oder von einem Bauern, der die Kühe aus seinem Stall verbannt, um diesen stattdessen mit dem Tausendfachen an Steinen zu füllen. Und jedesmal, wenn die Zuhörer gebannt auf die Pointe warteten, schaute Engeler ebenso erwartungsvoll ins Publikum zurück – und blätterte zum nächsten Text.

Sehr politisch performte das einzige Team am Start. So ging es bei Patti Basler und Etrit Hasler um die bräunende Wirkung der SVP-Sonne und um Hürlimann-Traktoren, die grüne Flächen beackern. «Sei spontan», hat sich Andreas Kessler zum Ziel gesetzt – und dabei festgestellt, dass das im entscheidenden Moment nie klappt. Etwa, wenn ihm in einer Prüfungssituation das Gelernte partout nicht einfallen will oder wenn ihn auf der Strasse eine «Tussi» um 20 Franken anbettelt, weil sie sonst auf den Strich müsse.

«Ich habe es wie eine Nacktschnecke: Ich bin ziemlich aus dem Häuschen.» So unspektakulär startete Zumstein in den Wettstreit. Erst gemütlich, fast lethargisch, legte er im Verlauf seiner ersten sechs Minuten Redezeit allerdings deutlich zu mit seinem «Danke viel Mal, für den Einsatz». Mit ihren kleinen Freuden im Alltag blieb die euphorische Lisa Brunner ebenso in der ersten Runde auf der Strecke wie die gebürtige Österreicherin Johanna Reiter, deren Geschichten aus dem Alltag einer Logopädin im Vergleich zu den anderen Vorträgen etwas abfielen.

Ausrufezeichen im Halbfinal

«Das Leben ist ein einziges Koan.» Über eine «Ü40-Party der ausrangierten Seelen» fand Andreas Kessler im Halbfinale zum Zen-Buddhismus und zum Versuch, auf den Klang zu hören, wenn man mit einer Hand klatscht. Remo Zumstein hielt mit seinem Text für alle Selbstverhinderer erfolgreich dagegen. «Ich bin offen für Neues – wenn es wirklich nicht anders geht», so die Kernbotschaft des «bärtigen Jammeris», wie ihn Moderator Simon Chen spontan betitelte.

Gewohnt sinnentleert und bar jeder Relevanz ging es bei Ivo Engeler weiter: «Ich kaufte mir einen Wagen und fuhr nach Osten. Es war keine einfache Auswahl – schliesslich standen mir noch drei weitere Himmelsrichtungen zur Verfügung.» Gegen Daniela Dills Aufruf gegen Ausrufezeichen sollte das allerdings nicht reichen: «Ausrufezeichen sind mir zu laut. Ich erschrecke jedes Mal», erklärte sie und beschrieb die Eskalation eines SMS-Dialogs. So weit gehe ihr Trauma inzwischen, dass selbst ein Geburtskärtchen «Hurra! Unser Kind ist da!» in ihr das Gefühl wecke, sie werde jetzt auch noch dafür verantwortlich gemacht.

Mit ihrer Familiengeschichte vom Souvenir-Kauf mit Streit-Potenzial und seelischer Grausamkeit hatte Daniela Dill im Finale dann allerdings das Nachsehen. Und das obwohl – oder vielleicht auch weil – Remo Zumstein alles andere als zimperlich mit dem Publikum umging: als «In-der-Fahrtrichtung-Autobahnfahrer», «Baubewilligungs-Einholer», «Robbenbaby-Beschützer» und «Beim-Frauenlauf-am Strassenrand-Jubler», beschimpfte er es minutenlang, nur um zum Schluss anzufügen, dass ihn das tröstet, dass er nicht als einziger so sei.

Sein Applaus dafür fiel hörbar frenetischer aus als jener für seine Finalgegnerin und so durfte Zumstein die Siegesprämie – eine Flasche Balvenie Whisky – in Empfang nehmen. Dem Publikum bleibt die Vorfreude auf den nächsten Poetry Slam in Affoltern.

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