«Siedlungsgebiete sind Spannungsfelder»
Nach dem Leitbildprozess werden in Mettmenstetten Massnahmen zur Förderung der Biodiversität umgesetzt.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe zu 900 Jahren Mettmenstetten fand am 12. März ein Anlass zum Thema Biodiversität in der Gemeinde statt: vom Leitbild zu Taten. Nach dem abgeschlossenen Leitbildprozess hat sich der Mettmenstetter Gemeinderat entschieden, die vorgenommenen Ziele auch in die Tat umzusetzen. Dazu wurde eigens eine Biodiversitätskommission gegründet. Sie besteht aus acht Mitgliedern und geniesst eine sehr breite Abstützung in der Bevölkerung. Neben der politischen Gemeinde sind die Schulgemeinden, die Naturschutzgruppe und der Landschaftsgärtner Daniel Mäder dabei. Unterstützt wird die Kommission von Umweltnaturwissenschaftlern der Organisation Drosera, die auf erlebbare, naturnahe Entwicklungen spezialisiert ist.
Gemeinde muss mit Vorbildcharakter vorangehen
Am vergangenen Samstag gab es auf dem Platz vor dem Gemeindehaus Informationen zu den verschiedenen Möglichkeiten der Biodiversifizierung im Siedlungsraum und beim Friedhof konnten die Besucherinnen und Besucher direkt Hand anlegen, bei der Schaffung eines Trockenstandorts (auch Ruderalstandort genannt).Andrea Funk von Drosera, die selber in Mettmenstetten aufgewachsen ist, erklärt die Idee: «Siedlungsgebiete sind Spannungsfelder geworden. Unterschiedlichste Interessen prallen mit hoher Dichte aufeinander. Die Gemeinde kann im Bereich Biodiversität mit gutem Beispiel vorangehen, schlussendlich entstehen im Dorf aber erst nachhaltige Lebensräume, wenn ein Bewusstsein für die Vorteile einer grossen Artenvielfalt entsteht. Im Frühling fangen viele Mettmenstetterinnen und Mettmenstetter an, ihren Garten zu verändern, deshalb haben wir diese Veranstaltung jetzt durchgeführt. Ziel der Veranstaltung war es, aufzuzeigen, wie einheimische Pflanzen auch einheimischen Tieren Lebensräume bieten.»
Biodiversität stabilisiert Ökosysteme
Ökosysteme sind hochkomplex, vielfältig und verändern sich mit der Zeit. Auf Veränderungen reagieren sie fragil. Welche Veränderungen sich negativ auswirken, ist jedoch oft schwierig vorauszusehen. Stabile Ökosysteme profitieren von einer grossen Biodiversität. Sie stellt sicher, dass, wenn eine Pflanzenart unter Stresseinwirkung eingeht, nicht das gesamte Gefüge aus dem Gleichgewicht gerät – wie dies bei Monokulturen, wie Rasenflächen, der Fall ist. Von grosser Biodiversität profitieren zuerst verschiedenste Insekten, die in funktionierenden Ökosystemen gute Lebensgrundlagen vorfinden. Sie ziehen, abhängig vom Standort, Reptilien, Amphibien, Nager und zahlreiche Vögel an, auf deren Speiseplan sie stehen.
«Wir probieren der Bevölkerung aufzuzeigen, was es braucht, damit sich beispielsweise die gewünschten Vögel im Garten auch wohl fühlen. Nahrung, Nistplätze, Bodenbeschaffenheit und vieles mehr spielen zusammen. Siedlungsräume können gerade für lärmunempfindliche Arten tolle Lebensräume bieten», weissAndrea Funk.
Insekten leisten wichtige Dienste
Wie wichtig Biodiversität für die Natur ist, zeigt kein Insekt besser als die Wildbiene. Durch das Sammeln von Pollen auf verschiedensten Blüten bestäuben sie diese auch. Zum Überleben brauchen Wildbienen aber viel mehr als nur Obstbäume, deren Überleben sie sichern. Im Siedlungsraum bieten sich sogenannte Wildbienen-Hotels an, diese formschönen Setzkästen können an trockenen Lagen, beispielsweise an der Hauswand, angebracht werden. Zudem sind sie auf einheimische Frühblüher angewiesen, Forsythien und andere exotische Frühblüher ziehen sie jedoch nicht an.
Um die Förderung der Biodiversität zu illustrieren, führte die Biodiversitäskommission beim Friedhof die Erstbepflanzung eines Trockenstandorts durch. Als Untergrund wurde ungereinigtes Reusssediment verwendet. Als Unterschlupf für Reptilien und Insekten wurde das Beet durch einen ausgegrabenen Wurzelstock ergänzt. Neben einer grossen Vielfalt an Pflanzen und Tieren wird die entstehende Magerwiese viel günstiger zu bewirtschaften sein als herkömmliche Blumenbeete der Gemeinde.
Die grösste Agrarkastastrophe der Moderne
Kein Phänomen zeigt die fatalen Folgen von mangelnder Biodiversität so drastisch auf, wie die Geschichte der Reblaus. Aus dem amerikanischen Kontinent eingeschleppt, zerstörte sie im 19. Jahrhundert fast alle europäischen Reben. Die Rebbaugebiete liegen in den meisten europäischen Ländern nahe beieinander. Über Quadratkilometer gibt es fast nur Reben: Monokulturen. Die Reblaus, welche in Europa keine Feinde hatte, konnte sich also unaufhaltsam von einem Weinbaugebiet zum nächsten weiterfressen. Reben sind auch auf dem amerikanischen Kontinent heimisch, wurden dort aber von der einheimischen Bevölkerung nicht kultiviert. Ihre Wurzelstöcke konnten deshalb über Generationen Abwehrmechanismen gegen die Reblaus aufbauen. Sie werden befallen, aber nicht zerstört.
Reblaus ist eine Zeitbombe
Die Lösung des Problems in Europa bestand darin, dass europäische Edel-reben auf wilde, amerikanische Wurzelstöcke aufgepfropft wurden. Das Problem der Monokulturen ist jedoch auch, dass sich Rebläuse rasend schnell vermehren und sich ihr Genmaterial anpasst. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis sich eine Reblaus entwickelt, die auch die ameri-kanischen Wurzelstöcke zerfressen kann. Ohne Biodiversifizierung im Rebbau ist die nächste Agrarkatastrophe vorprogrammiert.


