Verurteilt, und trotzdem verehrt

Viele wussten von seinen Taten – und schätzten Hans Jucker als Freund und Idol. Wie passt das zusammen?

Hans Jucker bei der Feier zu seinem 65. Geburtstag im Arche-Pub in Affoltern. Rund einen Monat später starb er an einem Herzinfarkt. (Archivbild «Anzeiger»)
Hans Jucker bei der Feier zu seinem 65. Geburtstag im Arche-Pub in Affoltern. Rund einen Monat später starb er an einem Herzinfarkt. (Archivbild «Anzeiger»)

In den vergangenen Tagen beherrschten die «tumme huere Ruederer» und die «Schiiss Ponys» plötzlich wieder die Schweizer Schlagzeilen. Einmal mehr wurden die Kult-Sprüche des ehemaligen SRF-Sportkommentators Hans Jucker hervorgekramt. Wie er sich am Mikrofon aufregte, an Fremdsprachen strauchelte oder schadenfreudig über andere herzog, hatte in der Vergangenheit Generationen amüsiert. Allerdings gerieten die Reprisen diesmal unter anderen Vorzeichen in die Öffentlichkeit: Nun stand Jucker nicht mehr als jovialer Spassvogel im Rampenlicht, sondern als Sexualstraftäter.

Alles begann am vergangenen Montag, kurz nach 6 Uhr. «TV-Legende Hans Jucker wurde 1971 wegen sexueller Übergriffe auf fünf Jugendliche verurteilt», titelte das nationale Recherchedesk von Tamedia. Jucker selbst konnte zu den Vorwürfen nicht mehr Stellung nehmen: Er war 2011 kurz nach seinem 65. Geburtstag verstorben. Im Online-Beitrag kommt ein Mann zu Wort, der als Jugendlicher im «Albisbrunn» untergebracht war. Er hat über seine Kindheit ein Buch geschrieben und sagt, Hans Jucker habe ihn dort Anfang der 70er-Jahre sexuell bedrängt. Jucker hielt sich damals regelmässig im «Albisbrunn» auf, weil sein Vater dort als Koch arbeitete. Im Buch erwähnt der Mann, dass Jucker 1971 wegen sexueller Handlungen mit Minderjährigen verurteilt worden war. Das Urteil: acht Monate bedingt. Während zweier Jahre durfte Jucker ausserdem kein öffentliches Amt mehr ausüben.

Eine Story, die klickt

Die Nachricht über Juckers Verurteilung entfaltete die Sprengkraft, die nach der gängigen Medienlogik zu erwarten gewesen war: Sie vereinte gleich mehrere Faktoren, die eine Geschichte besonders klickträchtig machen: einen Promi, sexuelles Fehlverhalten und eine beträchtliche Fallhöhe, also den Kontrast zu seinem öffentlichen Bild. Andere Medien griffen die Story bereitwillig auf und befragten alte Kumpel, Stammtischkollegen, ehemalige Sportkameraden oder berufliche Weggefährten Juckers nach weiteren Details.

Wie es bei solchen Geschichten ebenfalls häufig geschieht, entwickelte die Berichterstattung bald eine Eigendynamik: SRF distanzierte sich umgehend von seinem ehemaligen Reporter, löschte Archiv-Videos und kündigte eine Aufarbeitung an. Am Montagabend war Hans Juckers Name auf den Websites des Radrennclubs Amt und des FC Affoltern nicht mehr erwähnt. In beiden Clubs war Jucker aufgrund jahrelanger Engagements Ehrenmitglied. Am Dienstagmittag teilte der FC Affoltern mit, Jucker die beiden Titel als Ehrenpräsident und Ehrenmitglied abzuerkennen.

An der Berichterstattung zeigte sich allerdings auch: Dass die Geschichte von Juckers Verurteilung medial noch nicht erzählt worden war, bedeutete keineswegs, dass sie unbekannt war. Im Säuliamt, aber auch in Medienkreisen, wussten manche seit Jahren oder gar Jahrzehnten Bescheid. «Dass Hans für sexuelle Handlungen mit Jugendlichen verurteilt wurde, war überall bekannt: in seinem Umfeld, im Dorf, aber auch weit über die Region hinaus», sagte etwa Toni Bortoluzzi gegenüber «20 Minuten». Er sass von 1982 bis 1998 mit Jucker im Gemeinderat Affoltern. Tatsächlich hatte dieser damals die Wahl geschafft. «Mit Glanz und Gloria», wie Bortoluzzi sagte, allerdings nicht. Von den sieben gewählten Gemeinderäten holte Jucker am wenigsten Stimmen.

Auch Juckers Ex-Stift wurde befragt

Ob die Verurteilung damals tatsächlich weitherum bekannt war oder vor allem Juckers Homosexualität und sein Interesse an jungen Männern, ist unklar. Mehrere langjährige Einwohnerinnen und Einwohner bestätigen, von seiner Vorliebe gewusst zu haben – nicht aber von der Verurteilung.

Journalistisch breitgetreten wurde die Sache jedenfalls nicht. Nach dem Urteil war im «Anzeiger» lediglich von den «Verfehlungen eines Gemeinderatsschreibers» die Rede. Weder die Gemeinde noch der Name des Betroffenen wurden genannt. Einige Monate später verkündete Aeugst, wo Jucker bis zu seiner Verurteilung gearbeitet hatte, die Wahl eines neuen Gemeindeschreibers.

«Selbstverständlich haben die Leute in Aeugst über die Verurteilung Bescheid gewusst», sagt Hansruedi Böhler. Er hat die Geschehnisse aus nächster Nähe miterlebt: Bevor er Gemeindeschreiber in Ottenbach wurde, absolvierte er eine Verwaltungslehre bei der Gemeinde Aeugst und war Juckers Stift. Am Telefon betont Böhler, nur Auskunft zu geben, «damit auch eine Gegenmeinung erscheint». Dass Juckers Taten 55 Jahre später nochmals ausgegraben werden, findet er «völlig daneben».

Im Zuge der polizeilichen Ermittlungen wurden auch Böhler und sein Unterstift befragt. «Das war am Tag vor meiner mündlichen Lehrabschlussprüfung», erinnert er sich. «Nach den Prüfungen gingen meine Kollegen feiern, nur ich musste zurück ins Büro, um das Dokument für seine vorläufige Einstellung im Amt aufzusetzen.»

Eines ist Hansruedi Böhler wichtig zu betonen: «Mir gegenüber hat sich Hans Jucker stets korrekt verhalten.» Überhaupt sagt Böhler: «Jetzt reden alle über seine Fehler. Man muss auch seine Lebensleistung anschauen, und die haben viele aus dem Bezirk Affoltern aus nächster Nähe erlebt.»

«Kein Monster, das die Jungen packte»

So wie Hansruedi Böhler denken im Säuliamt viele. Fällt das Stichwort Hans Jucker, winken sie ab oder lästern über «die Medien», die nun «für die nächste Schlagzeile eine uralte Geschichte ausgraben». Anders als das Schweizer Fernsehen oder der FC Affoltern, die den Fall Jucker nach heutigen institutionellen Massstäben geprüft und Konsequenzen gezogen haben, scheinen Privatpersonen aus dem Säuliamt dessen Verhalten stärker im Kontext der damaligen Zeit zu sehen, in der die Sensibilität für Grenzüberschreitungen geringer war und manches geduldet wurde, was heute undenkbar wäre. In den Erinnerungen vieler Gesprächspartner scheinen seine Taten zudem harmloser fortzuleben, als sie nun in der Berichterstattung erzählt werden.

Er sei «kein Monster gewesen, das die Jungen packte und hinter das Gebüsch zerrte», sagt eine Affoltemerin. Er habe es bei vielen «probiert», ein Nein aber akzeptiert. Seine Neigungen seien weitherum bekannt gewesen, man habe mit ihnen gelebt. «Schaut, dass euer Junge in der Kabine nicht mit Jucker alleine ist», habe man Eltern junger Fussballspieler des FC Affoltern fast scherzhaft geraten. Manche hätten Juckers Avancen zu ihrem Vorteil genützt, indem sie sich von ihm ab und zu eine Cola oder ein Sinalco spendieren liessen.

Solche Erinnerungen zeigen, wie selbstverständlich Juckers Verhalten in seinem Umfeld teilweise behandelt wurde. Sie sagen allerdings wenig darüber aus, wie die betroffenen Jugendlichen die Situationen selbst erlebten.

Ein Weggefährte widerspricht der Darstellung, die in einigen Medien kolportiert wurde, wonach Jucker die Straftaten, für die er verurteilt wurde, an Heimjungen aus dem «Albisbrunn» begangen habe. «Vier der fünf Jungen kannte ich aus dem Fussballclub.» Nach seiner Darstellung habe Jucker sie für sexuelle Handlungen bezahlt. Aufgeflogen sei das Ganze, als einer der Jungen nach einem Einbruch erwischt worden sei und mehr Geld auf sich getragen habe, als er gestohlen hatte.

Langjährige Weggefährten beschreiben Jucker als einen, der seine Meinung offen und direkt gesagt habe. Er selbst habe die derbsten Schwulenwitze zum Besten gegeben. Nach seiner Verurteilung und seinem Rauswurf als Gemeindeschreiber habe er auch darüber gescherzt: «Z’ Aeugst wird jetzt dänn e Palme pflanzt, damit mer weiss, dass mer i die warm Zonä chunnt.»

Mit seiner Verurteilung sei er «offen umgegangen», erzählen Freunde. Für seinen engeren Kreis mag das zugetroffen haben. In der breiteren Öffentlichkeit blieb dieses Kapitel seiner Biografie dagegen weitgehend ausgespart: Als er zum letzten Mal den CSI Zürich kommentierte, schrieb die «Pferdewoche» einen Abschiedstext über ihn. Dort hiess es, er habe die Stelle als Gemeindeschreiber wegen des «immer grösseren Pensums beim Fernsehen» aufgegeben.

Kein gesetzestreuer Polizeivorsteher

Dass Jucker trotz seiner Verurteilung gesellschaftlich und politisch kaum an Ansehen verlor, dürfte auch mit seiner Bekanntheit zusammengehangen haben. Für die Einwohnerinnen und Einwohner war er der Mann aus dem Fernsehen. Selbst mehrere seiner Weggefährten erzählen im Gespräch mit dem «Anzeiger», Jucker sei ein Idol für sie gewesen.

Wie wenig die Verurteilung seiner gesellschaftlichen Stellung schadete, zeigt auch seine spätere politische Karriere. Als «Früchtchen» bezeichnet ihn einer, der ab und zu ein Bier mit ihm trank. Als Polizeivorsteher habe es Jucker mit der Polizeistunde nicht so genau genommen, sei regelmässig betrunken Auto gefahren und habe seine Liegenschaft an eine Bordellbetreiberin vermietet. «Viele wussten von diesen Dingen, weil er keinen Hehl daraus gemacht hat. Damit ist er meistens durchgekommen.» Jucker habe sich ganz bewusst über Gesetze hinweggesetzt. Er selbst habe nie den Anspruch an sich gehabt, ein Vorbild zu sein.

Dass er damit immer wieder durchkam, dürfte nicht allein seiner Berühmtheit geschuldet gewesen sein. Jucker galt als gesellig und hilfsbereit, verfügte über gute Kontakte in Sport und Politik und half anderen bei bürokratischen Angelegenheiten. Viele profitierten von ihm, seinen Kontakten und seinem Wissen. Wer ihn kannte, kannte offenbar oft auch seine Grenzüberschreitungen – und trennte das eine vom anderen.

Gerade darin liegt vielleicht der auffälligste Unterschied zwischen der damaligen und der heutigen Wahrnehmung des Falls. Juckers Verurteilung war in seinem Umfeld kein Geheimnis. Vieles war bekannt, wurde weitererzählt und teilweise gar zum Gegenstand von Witzen. Dennoch verlor er weder seine gesellschaftliche Stellung noch dauerhaft das Vertrauen seiner Umgebung.

In den Erzählungen seiner Weggefährten stehen deshalb bis heute zwei Seiten erstaunlich unverbunden nebeneinander: der Freund, Fernsehmann und hilfsbereite Bekannte auf der einen, seine Verurteilung und seine Grenzüberschreitungen auf der anderen Seite. Dass die positive Erinnerung an Jucker dabei so präsent geblieben ist, relativiert seine Taten nicht. Sie zeigt eher, wie selbstverständlich sein Umfeld lange mit ihnen umging.

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