Von den Toten auferstanden
Das Reusstal und damit auch das Knonauer Amt gehören seit Menschengedenken zu den Brutgebieten der Weisstörche. In den 1950er-Jahren ausgestorben, ist die Wiederansiedlung der majestätischen Zugvögel eine Erfolgsgeschichte.

Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,2 Metern und einem Gewicht von bis zu 4,5 Kilogramm ist der Weissstorch der zweitgrösste Vogel der Schweiz – nach dem 2007 erstmals wieder angesiedelten Bartgeier. Dass die Population seit Anfang des 20. Jahrhunderts immer stärker zurückging und der Storch schlussendlich ausgestorben war, hatte zahlreiche Gründe. Störche nutzen als Segler die Thermik, um in den Süden zu fliegen. Viele kollidierten mit Hochspannungsleitungen. Durch die Industrialisierung der Landwirtschaft wurden immer mehr Feuchtgebiete trockengelegt, was dem Storch als Fleischfresser die Nahrungsgrundlage entzog. Pestizide und intensive Bejagung erledigten schlussendlich auch die letzten Störche. Diese Entwicklung passierte sowohl in Europa als auch in der Subsahara-Zone, wo die Störche den Winter verbrachten.
Überwintern auf Müllhalden
Bereits während der 1950er-Jahre wurden aufgrund einer Einzelinitiative zahlreiche Jungstörche aus Algerien geholt, wo diese den Sommer verbrachten. Hier wurden sie aufgezogen und erst nach vier bis fünf Jahren freigelassen, wenn sie die Geschlechtsreife erreicht hatten. Schnell stellten sich Paarungserfolge bei den Störchen ein, die nach der Partnerwahl ein Leben lang zusammenbleiben. Beobachtet wurden aber auch homosexuelleStörche, die keinen Nachwuchs hatten oder ein Männchen mit zwei weiblichen Vögeln, die dann sehr viel Nachwuchs hatten.
Störche sind ortstreu und kehren jeden Sommer wieder zum Nest zurück, welches dann ausgebaut wird. Nachdem die Fütterung über den Winter eingestellt wurde, begannen die wiederangesiedelten Störche in den Süden zu ziehen. «Sie zogen aber nur bis Spanien. Dies hat den Vorteil, dass die Reise weniger lang dauert, weniger gefährlich ist und dort nicht so viele verheerende Pestizide eingesetzt werden, wie in Subsahara-Afrika. Andererseits überwintern sie in Spanien auf offenen Müllhalden», weiss Margrit Enggist vom Verein Storch Schweiz. Ob die Störche wieder in die Subsahara-Zone ziehen, wenn die offenen Müllhalden aufgrund von EU-Regulierungen geschlossen werden, wird sich zeigen, wenn es so weit ist. Da sich die Störche gut an das Ende der Winterfütterung in der Schweiz gewöhnten, ist anzunehmen, dass sie auch mit dieser Umstellung zurechtkommen.
Aargau mit Vorbildfunktion
Störche nisten dort, wo die Nahrungssituation gut ist. «Man kann Störche nicht zwingen, an einem bestimmten Ort zu nisten. Wenn aber die Nahrungssituation stimmt und Nistplätze zur Verfügung gestellt werden, nutzen Störche diese auch gerne», erläutert Margrit Enggist. Eine Initiative der Aargauischen Elektrizitätswerke zeigt dies deutlich. Auf zahlreichen Hochspannungsmasten im Reusstal wurden Nistkörbe angebracht, die heute allesamt eine Storchenfamilie beherbergen.
Auf der Zürcher Seite des Reusstals gibt es bisher keine vergleichbaren Initiativen. Da im Knonauer Amt die Nahrungssituation für Störche optimal ist, kann trotzdem mit einem weiteren Wachstum der Storchpopulation gerechnet werden.


