Wann wird der Stau auf der Autobahnquerung zum Handlungsfall?

Obfelden fordert Massnahmen, ZPK sieht ebenfalls Bedarf − doch die Aussichten auf Erfolg beim Kanton sind klein

Diese Luftaufnahme ist auf Höhe der Ausfahrt der Überdeckung in Bickwil entstanden. Im Extremfall stauen sich die Autos, von Ottenbach kommend, noch 250 Meter weiter zurück – bis an die Einfahrt der Überdeckung. (Bild CH Media)

Diese Luftaufnahme ist auf Höhe der Ausfahrt der Überdeckung in Bickwil entstanden. Im Extremfall stauen sich die Autos, von Ottenbach kommend, noch 250 Meter weiter zurück – bis an die Einfahrt der Überdeckung. (Bild CH Media)

Wer regelmässig von Obfelden oder Affoltern über die Autobahnquerung fährt, kennt das Szenario: Bis das Nadelöhr zu den Stosszeiten überquert ist, braucht es Geduld. Geduld, die seit der Eröffnung der A4 immer häufiger nötig ist. Der Verkehr hat seit 2009 stetig zugenommen. Östlich der Autobahn, bei der Messstelle Affoltern/Mettmenstetten, hat sich das tägliche Verkehrsaufkommen zwischen 2009 und 2025 mehr als verdoppelt – von 4857 auf 10622 Fahrzeuge. Westlich der Autobahn, bei der Messstelle Obfelden/Affoltern, beträgt die Zunahme knapp zwei Drittel: von 12065 auf 19840 Fahrzeuge.

Unverändert geblieben ist dagegen die Querung selbst. Dabei ist unbestritten, dass das Bauwerk zu klein konzipiert ist, um nicht nur als Autobahnein- oder -ausfahrt, sondern auch als regionale Verbindung zu dienen.

Das Amt für Mobilität (AFM) liess die Situation vor Kurzem in einer Studie untersuchen. Die Ergebnisse sind im Frühjahr 2025 erschienen. Dabei kamen die Autoren zum Schluss, dass der Knoten westlich des Anschlusses – also auf Obfelder Seite – während der Abendspitze bereits «an seiner Leistungsgrenze» betrieben wird.

Um die Lage zu entschärfen, empfahlen die Autoren einen Ausbau der bestehenden Querung. Allerdings nicht sofort. Den Handlungsdruck stuften sie als «nicht dringlich» ein. Bedarf gebe es voraussichtlich im Jahr 2040. Von einer zweiten Querung, wie sie einst vorgesehen war, rieten die Autoren ab.

Obfelden: Rückstaus bis in die Überdeckung von Bickwil

Die Gemeinde Obfelden äusserte sich im Juli 2025 mit deutlichen Worten zu diesen Plänen: Sie bezeichnete den Ausbau des bestehenden Anschlusses als «keine nachhaltige oder bedarfsgerechte Lösung». Immerhin gelang es ihr zu verhindern, dass die zweite Querung ganz aus dem regionalen Richtplan gestrichen wird, wie dies die Zürcher Planungsgruppe Knonaueramt ursprünglich geplant hatte.

«Aus Sicht des Gemeinderats ist die heutige Verkehrssituation bei der Autobahnbrücke zu den Spitzenverkehrszeiten am Morgen und Abend nicht zufriedenstellend», schreibt die Gemeinde auf Anfrage. Auf der Dorf- und Muristrasse komme es regelmässig zu Rückstaus. Diese reichten auf der Muristrasse zeitweise bis ans Ende der Überdeckung und auf der Dorfstrasse teilweise bis auf Höhe des Dorfmärts. «Die Rückstaus haben einen akzeptablen Umfang schon länger überschritten», findet die Gemeinde.

Bis vor Kurzem war das Dorf trotz Umfahrung weiterhin von viel Durchgangsverkehr geplagt. Seit August gilt auf einer Teilstrecke nun Tempo 30. Zwar hänge das Verkehrsverhalten von verschiedenen Faktoren ab. Einen Zusammenhang mit den Rückstaus hält die Gemeinde jedoch für plausibel: «Wenn sich der Verkehr auf dem Zubringer zum Autobahnanschluss zurückstaut, entsteht ein Anreiz, auf alternative Routen auszuweichen. Die Dorfstrasse kann dadurch als Ausweichroute attraktiver werden.»

Probleme sieht die Gemeinde auch abseits des Individualverkehrs: «Die Verkehrsüberlastungen führen auch zu Verspätungen im öffentlichen Verkehr. Gerade die Verbindung zwischen Obfelden und dem Bahnhof Affoltern ist davon betroffen», schreibt die Gemeinde. Die Verspätungen setzten sich bis zum Bahnhof fort und gefährdeten dort regelmässig die Anschlüsse.

Der Bus fährt meist pünktlich –aber ohne Reserve

Weshalb sieht die Studie keinen dringlichen Handlungsbedarf, obwohl sie selbst den Knoten während der Abendspitze als «an der Leistungsgrenze» bezeichnet?

Auf Anfrage schreibt das Amt für Mobilität (AfM), die entstehenden Rückstaus hätten bisher im Normalfall noch «innerhalb des vorhandenen Stauraums» aufgenommen werden können. Wie stark dieser «Stauraum» − in Obfelden sind das die Dorf- und die Muristrasse via Bickwil – als Puffer beansprucht werden darf, präzisiert das AFM nicht: «Es gibt keinen einzelnen Schwellenwert, beispielsweise für eine bestimmte Rückstaulänge oder Verkehrsmenge.» Vielmehr werde die Situation als Ganzes beurteilt: «Dabei spielen insbesondere die Verkehrssicherheit, Rückstaus auf die Autobahn und die Auswirkungen auf den öffentlichen Verkehr eine Rolle.»

Die letzten beiden Punkte dienen in der Studie als zentrale Argumente gegen einen derzeitigen Handlungsbedarf. Der Rückstau auf der Autobahn reiche normalerweise nicht bis auf die Hauptfahrbahn, heisst es. Zudem bewegten sich die Verlustzeiten des öffentlichen Verkehrs innerhalb der tolerierbaren Verspätungen (plus 3 Minuten).

Auf den ersten Blick sind die durchschnittlichen Verspätungen der Buslinien insgesamt tatsächlich eher gering, wie eine Auswertung von Fahrplänen zeigt. Diese Durchschnittswerte bilden allerdings nicht jede einzelne Fahrt ab. Auch bei insgesamt geringen Verlustzeiten können einzelne Busse so viel Verspätung ansammeln, dass Anschlüsse gefährdet sind. Das beobachtet auch Postauto. Die Linien 212 und 214 verkehren in einem durchgehenden Rundkurs und in einem «engen Fahrplankorsett», heisst es auf Anfrage. Dabei trifft die Fahrt mit Ankunft in Affoltern um 7.04 Uhr heute im Durchschnitt rund zwei Minuten verspätet ein. Um die Anschlüsse weiter gewährleisten zu können, erhöht Postauto ab Dezember 2026 die Reisezeiten.

Um den ÖV weiter zu entlasten, empfahl die Studie zudem kleinere Anpassungen bei der Buspriorisierung vor oder auf der Brücke. Diese wurden inzwischen umgesetzt.

Obfelden drängt, Affoltern bleibt zurückhaltender

Für die Gemeinde Obfelden ist klar, dass längst Handlungsbedarf besteht. «Der Gemeinderat will nicht, dass die Bevölkerung weiter die Folgen einer überlasteten und schlecht konzipierten Verkehrsinfrastruktur tragen muss. Rückstaus, längere Reisezeiten und Defizite bei der Verkehrssicherheit sind für uns kein akzeptabler Zustand», erklärt Jürg Dolder, Obfelder Gemeinderat Bau und Planung.

Die Gemeinde fordert vom Kanton Zürich und der Zürcher Planungsgruppe Knonaueramt (ZPK) eine Strategie, welche die Auswirkungen auf das gesamte regionale Verkehrssystem berücksichtigt. Eine Entlastung dürfe nicht dazu führen, dass sich die Probleme einfach an einen anderen Ort verlagerten. Wichtig sei, dass die Verkehrsprobleme von Obfelden bei der weiteren regionalen und kantonalen Planung angemessen berücksichtigt und wirksame Entlastungsmassnahmen umgesetzt würden.

Aus Affoltern, wo es zu den Stosszeiten ebenfalls Rückstaus bis ins Stadtzentrum geben kann, ist der Tenor etwas zurückhaltender. Handlungsbedarf «zur Verbesserung der Zuverlässigkeit des öffentlichen Verkehrs, insbesondere im Zulauf auf den Autobahnanschluss» sieht jedoch auch die Stadt, wie Stadtschreiber Stefan Trottmann auf Anfrage mitteilt.

Die Chancen auf einen Ausbau sind klein

Verbesserungen vorantreiben will auch die Zürcher Planungsgruppe Knonaueramt (ZPK), die für die Regionalplanung der 14 Ämtler Gemeinden zuständig ist. «Wir sehen, dass der Ausbau aus Sicht der Region dringlich ist», sagt Präsidentin Gabriela Noser Fanger im Gespräch. Dieses Anliegen deponiere der Vorstand regelmässig, etwa im jährlichen Fachaustausch mit dem Amt für Mobilität und dem Tiefbauamt.

Die ZPK erarbeitet zwar den regionalen Richtplan und das Gesamtverkehrskonzept. Die Entscheidungskompetenz über einen Ausbau liegt allerdings beim Kanton. Und dort wird nach der Senkung des kantonalen Steuerfusses um zwei Prozentpunkte noch stärker priorisiert. Beim Tiefbauamt habe seither der Strassenunterhalt Vorrang, Ausbauprojekte seien in den Hintergrund gerückt, sagt Regionalplaner Marsilio Passaglia. Die Anforderungen für solche Vorhaben seien hoch: «Zumindest auf kurze Sicht rechne ich nicht damit, dass der Autobahnzubringer Affoltern die Hürde für einen Ausbau nimmt.»

Gabriela Noser Fanger sagt, der ZPK-Vorstand habe gehofft, mit der Streichung der Querung aus dem regionalen Richtplan ein «Signal für mehr Dringlichkeit» beim Ausbau zu setzen und damit eine höhere Priorität erreichen zu können. Ob das geklappt hätte, bleibt offen. Klar ist: Für den Ausbau der Autobahnquerung gilt vorerst dasselbe Credo wie für die Autos im Alltagsverkehr: warten, warten, warten.

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