Weltpolitische Zeitgeschichte auf Papier von Maschwanden nach Zürich

Gegen 2000 Original-Karikaturen von Hans U. Steger jetzt im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich

Vor der Karikatur, die das Bundesgericht beschäftigt hat. Von links: Ex-Tagi-Chefredaktor Peter Studer, H.U. Steger, Archivleiter Dr. Gregor Spuhler und Dr. Werner Hagmann, Dokumentationsbereich Zeitgeschichte. (Bild Werner Schneiter)
Vor der Karikatur, die das Bundesgericht beschäftigt hat. Von links: Ex-Tagi-Chefredaktor Peter Studer, H.U. Steger, Archivleiter Dr. Gregor Spuhler und Dr. Werner Hagmann, Dokumentationsbereich Zeitgeschichte. (Bild Werner Schneiter)

Der erste Kontakt zu H.U. Steger sei 1980 erfolgt – zu einem Zeitpunkt, als seine bissigen Karikaturen den samstäglichen Leitartikel auf Seite 2 des «Tages-Anzeigers» bereichert haben, sagte Werner Hagmann, der den Dokumentationsbereich Politische Zeitgeschichte leitet. Nach 2003 kamen dann die ersten Karikaturen ins Archiv für Zeitgeschichte. Nun sind es gegen 2000 Originale, gezeichnet in der Zeitspanne vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die 90er-Jahre und veröffentlicht im «Nebelspalter», in der «Weltwoche» und im «Tages-Anzeiger» – eine Vielfalt an politischen Ereignissen, die beeindrucke, fügte Hagmann bei. Inzwischen lagern die Originale in säureresistenten Behältnissen, sind registriert und im zeitgeschichtlichen Kontext eingeordnet sowie auf der Online-Datenbank abrufbar (www.afz.ethz.ch). Noch immer wird der Bestand ergänzt, zuletzt mit Stegers «Sprachmüll»-Büchlein. Leider seien Karikaturen im historischen Archiv lange Zeit vernachlässigt worden. Mittlerweile seien sie als vollwertige Quellen anerkannt, sagte Werner Hagmann.

Spannende Reise durchs weltpolitische Zeitgeschehen

H.U. Stegers Karikaturen sind nach Presseorgan geordnet und versehen mit Informationen – eine Arbeit, die laut Archivarin Gaby Pfyffer zum Teil grossen Aufwand erforderte, vor allem bei Karikaturen mit vielen Köpfen und bei der Frage, auf welches tagespolitisches Ereignis sich das Werk beziehe. Sie bezeichnet die Arbeit mit Stegers Karikaturen und seine Texte dazu als ausserordentlich spannende Reise durch die weltpolitische Zeitgeschichte, die einen Blick aus dem Augenblick heraus auf ein bestimmtes Ereignis ermöglicht. «In der Datenbank haben wir zwar jedes Detail erfasst, aber Lustiges, Trauriges, Anklagendes lässt sich nicht verzeichnen. Das erschliesst sich erst bei der Betrachtung der Karikatur», sagte Gaby Pfyffer.

Wegen «Medityrrannis» vor Bundesgericht

Peter Studer, ehemaliger Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» ist ein langjähriger Weggefährte von H.U. Steger. Ihre ersten Kontakte gehen ins Jahr 1967 zurück. Studer war damals Auslandredaktor und erinnert sich, dass Stegers erste Karikatur bereits für Wirbel sorgte. Unter dem Titel «Medityrannis» fasste der Maschwander das Geschehen rund ums Mittelmeer zusammen, nahm darin Tyrannen und Diktatoren aufs Korn – und provozierte damit eine Klage des Clubs Méditerrannée, einem Reiseveranstalter, der wegen Persönlichkeitsverletzung vor Handelgericht zog. Vor Bundesgericht kam es schliesslich zum Schuldspruch, den Peter Studer als «sträfliches Fehlurteil» bezeichnet und das heute wohl nicht mehr zustande käme. «Das Bundesgericht legt heute den Karikaturen-Begriff anders aus», sagte Studer. Anders im Fall von Nico, dem langjährigen Karikaturisten des Tagis. Dieser zeichnete den in Neapel 1000er-Noten an der Wäscheleine aufhängenden Hans W. Kopp. «Eine inhaltliche Fehlaussage, weil Kopp nie wegen Geldwäscherei verurteilt wurde», so Jurist Studer. Als Tagi-Chefredaktor habe er nie eine Karikatur von Steger zurückgewiesen – auch wenn diese sehr boshaft gewesen seien. Er erinnere sich noch gut an jene Zeit, als Steger jeweils am Freitagabend um 19 Uhr mit wehendem Mantel in die Redaktion gestürmt sei. Als er ihn einmal gefragt habe, weshalb er seine Karikaturen stets handschriftlich kommentiere, habe Steger geantwortet: «Damit der Chefredaktor nichts abändern kann ...»

Stegers Karikaturen seien oft zeitlos, sagte Studer mit Blick auf ein Werk, das nach der UNO-Abstimmung 1986 veröffentlicht wurde. Es thematisiert Asyl, Flucht, Fluchtgeld.

Bundesrat Leuenbergers Schnauz provozierte Briefwechsel

H.U. Steger skizzierte seinen beruflichen Weg, der in der Kunstgewerbeschule bei Ernst Gubler begann – eine dreieinhalbjährige Ausbildung. «Ich habe danach ein Diplom erworben und alles gelernt – nur nicht, wie eine Stelle zu finden ist», sagte Steger.

Seine Suche führte ihn über die «Annabelle» zum «Schweizer Spiegel», danach zum «Nebelspalter» und schliesslich zur «Weltwoche», damals unter der Leitung von EmmanuelGasser. Dort hat H.U. Steger seine erste Karikatur von Professor Sauerbruch veröffentlicht.

Seine Ausführungen schloss H.U. Steger mit einer amüsanten Begebenheit: Bundesrat Moritz Leuenberger habe sich gut für eine Karikatur geeignet. Als dieser plötzlich seinen Schnauz wegrasierte, protestierte H.U. Steger und schrieb dem Magistraten einen Brief mit der Aufforderung, den Schnauz wieder wachsen zu lassen, ansonsten sei das unfair gegenüber dem Karikaturisten. Leuenberger teilte ihm brieflich mit, dass er den Schnauz nicht wachsen lassen werde, weil dann andere reklamieren würden. «Sie haben ohne Schnauz weniger Arbeit zum gleichen Lohn. Ich habe hingegen finanziellen Mehraufwand, weil ich mehr Rasierschaum benötige ...», hielt Bundesrat Leuenberger fest.

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